Filmrezension: Das Fieber.

Die Krankheit ist heilbar, es gibt wirksame Medikamente und trotzdem sterben jährlich rund eine halbe Million Menschen an Malaria. Dass ein gewöhnlicher Tee den tödlichen Parasiten besiegen kann, ist die Kernaussage des Films „Das Fieber“, der am Beispiel Malaria moralische, wirtschafts- und entwicklungspolitische Fragen aufwirft.

Kräuterheilkunde vs. Pharmaindustrie.

Hauptprotagonistin des dritten Dokumentarfilms der Regisseurin Katharina Weingartner ist die ugandische Kräuterheilpraktikerin Rehema Namyalo, die Artemisia annua (dt.: Einjähriger Beifuß) anbaut und damit Menschen behandelt. Besonders in der Nähe von stehenden Gewässern, den Brutstätten der Malaria übertragenden Moskitos, ist die Pflanze überlebenswichtig. Viele Menschen in der Region trinken präventiv einmal wöchentlich den bitteren Artemisia-Tee.

Die Macht dieser Pflanze geht jedoch weiter über die Region hinaus: Das Medikament Coartem des Schweizer Pharmaunternehmens Novartis wird mit Artemisinin, einem aus der Artemisiapflanze gewonnenen Wirkstoff, hergestellt.

Vom Gebrauch der nicht verarbeiteten Blätter wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ausdrücklich gewarnt, da man auf diese Weise die Konzentration des Wirkstoffes nicht kontrollieren könne und dadurch Resistenzen entstehen würden. Diese Warnungen behindern die Etablierung eines leistbaren Arzneimittels und sollen der mächtigen Pharmaindustrie mehr Gewinne bringen, meinen die Expert*innen im Film. Schuld an Resistenzen seien gerade die Medikamente, die anstatt der rund 240 Wirkstoffe der Pflanze nur einen davon enthalten. Schließlich wird Artemisia schon sehr lange verwendet, in der traditionellen chinesischen Medizin ist der Einsatz schon vor 2000 Jahren belegt.

Afrika wird immer noch vom Westen beherrscht.

Neben der fragwürdigen Rolle von Medikamentenhersteller*innen, erschließt sich der Kampf gegen Malaria in Ostafrika mit zahlreichen weiteren Einflüssen aus dem Globalen Norden zu einem problematischen Themenkomplex. Es gibt kaum Forschung aus Afrika, da große Geldgeber wie die Bill Gates Foundation und der Global Fund zu 95% in „westliche“ Forschung investieren. „Wir sind nur Kofferträger“, stellt der Insektenforscher Richard Mukabana von der Universität Nairobi (Kenia) fest, nachdem er Wasserproben in ein Labor gebracht hat. Gibt es Forschung aus afrikanischen Ländern, wird diese nicht beachtet: Der Pharmakologe Patrick Ogwang aus Mbarara (Uganda) leitete eine klinische Studie, bei der durch die präventive Verabreichung von Artemisia-Tee an einer großen Blumenfarm die Malariaerkrankungen bei den Angestellten um 85% zurückgingen. Statt internationalem Interesse an der Studie wurde er aber vor allem mit Sorgen aus dem privaten Umfeld konfrontiert, die Forschung könne seine persönliche Sicherheit gefährden.

Eine weitere lokale Lösung wäre das Bestreuen von Gewässern und Tümpeln mit Bti (Bacillus thuringiensis israelensis), einem Bakterium, das Moskitolarven tötet. Auch in vielen Regionen Europas wird Bti mit Flugzeugen über Gewässern verteilt. Daher gab es auch in Kenia den Versuch, das Bakterium vor Ort herzustellen. Die Inbetriebnahme einer bereits fertigen Fabrik genehmigte die Regierung Kenias letztlich nicht und Bti wird weiterhin aus dem Westen importiert.

Auch die Frage nach dem Zusammenhang von Kolonialisierung und der Verbreitung der Krankheit wird im Film wiederholt aufgeworfen. Demnach hätte die großflächige Abholzung durch die britische Kolonialherrschaft erst die Verhältnisse (stehende Gewässer, der Nährboden für Moskitos) geschaffen, die Malaria zu einem so großen Problem werden ließen.

Respektvoll und einfühlsam.

Mit ruhigen, atmosphärischen Bildern und teils auch stummen Sequenzen wirkt der Film authentisch und dramatisiert nicht, auch wenn durch die zwischen den Szenen eingeblendeten Texte die Intention und Haltung der Regisseurin deutlich wird. Leidende Menschen sind kaum zu sehen, vielmehr geht es um die Einschätzungen und Erfahrungen der einheimischen Expert*innen, die sich mit der Malariabekämpfung beschäftigen. Dass keine einzige weiße Person zu Wort kommt, war Absicht, erzählte Weingartner in einem Interview. So wollte sie kolonialen Denkweisen, die Afrikaner*innen eine Opferrolle zuweisen und weiße Wissenschafter*innen als Retter*innen darstellen, entgegenwirken. Das hat aber durchaus für Gegenwind gesorgt, einige Geldgeber hätten ihre Unterstützung zurückgezogen. Unter anderem sei „Das Fieber“ deshalb bisher nur in Österreich in die Kinos gekommen.

Für Weingartner ist das aber nicht genug, weshalb sie den Verein „Fight the Fever“ gegründet hat. Die Initiative möchte den Film in mehrere Sprachen übersetzen und damit durch die betroffenen Gebiete touren, Menschen aufklären und Artemisiasamen verteilen.

Statement gegen Neokolonialismus.

Der Film zeigt neben den Missständen in Bezug auf die Malariabekämpfung globale Ungleichheiten in Bezug auf Wissen und Forschung auf. Kommunikation und Zusammenarbeit auf Augenhöhe scheinen in diesem Aspekt unmöglich, da der afrikanische Kontinent von westlichen Wissenschafter*innen immer noch oft als unmündig betrachtet wird. Die Selbstbestimmung ostafrikanischer Betroffener wird durch die energische Protagonistin Rehema Namyalo ideal repräsentiert, dennoch wirkt ihr Auftreten nicht inszeniert. Am Anfang des Films bringt sie den Nutzen von Artemisia einfach und präzise auf den Punkt: „Das ist die Medizin, zu der wir Zugang haben und die wir verwenden“.

„Das Fieber“ überzeugt mit ästhetischen Aufnahmen, die auf eine angenehm unangenehme Weise ein äußerst komplexes Problemfeld näher bringen. Weingartner bleibt konsequent bei ihrem Zugang, nur Betroffene und Involvierte vor Ort zu befragen. Der Film besticht, wie selten eine Dokumentation über den afrikanischen Kontinent, durch die Abwesenheit weißer Hauptprotagonist*innen.

Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

 

Weiterführende Links:

Website zum Film

Kampagne Fight the Fever

Interview mit Katharina Weingartner

 

Fotos © pooldoks

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik, Globale Ungleichheiten, Filmrezensionen.