In seinem experimentellen Dokumentarfilm Century of Smoke (dt. Jahrhundert des Rauchs) macht der belgische Regisseur Nicolas Graux den Alltag eines jungen, opiumabhängigen Mannes in Laos intensiv erfahrbar. Er wurde in der diesjährigen Online Ausgabe des Dokumentarfilmfestivals ethnocineca gezeigt.
Laosan ist mit seiner Familie im tiefsten Dschungel Laos‘ zuhause. Die Bewohner*innen des Dorfes leben von Opiumanbau. Ein Großteil der Männer ist psychisch und körperlich abhängig von der Droge. Dass die Regierung seit den 1990er Jahren versucht, Konsum und Anbau des Rauschmittels einzudämmen, davon bekommen in abgelegenen Gegenden lebende ethnische Minderheiten wie die Akha kaum etwas mit.
Kunst hypnotischer Bilder.
Immer tiefer zieht der langsame Rhythmus des Filmes das Publikum in die Welt des südostasiatischen Regenwaldes. Aufnahmen der tropischen, immergrünen Natur werden poetisch mit erzählenden Sequenzen und Szenen aus dem Leben der Protagonist*innen verflochten. Die Erfahrung von Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung und Apathie ist vom ersten Moment an spürbar. Doch erst langsam und fragmentarisch beginnt man jene Zusammenhänge zu verstehen, welche die Situation von Laosans Familie bestimmen. Dieses behutsame Vorgehen des Regisseurs macht deutlich, dass wir es hier nicht mit Verhältnissen und Abhängigkeiten zu tun haben, die sich auf einer rein rationalen Perspektive begreifen und ändern lassen – am wenigsten für jene, die selbst darin verwickelt sind.
Jenseits des Erträglichen.
Die Dokumentation ist Ergebnis eines Langzeitprojekts. Der Film ist durch die ungewöhnlich intime Beziehung zwischen Kamera und Protagonist*innen geprägt. Als Betrachter*in fühlt man sich mitunter nicht nur an die Grenze des Voyeurismus, sondern auch an die Schwelle der Unerträglichkeit gedrängt. Diese Schwelle scheinen die Bewohner des Dorfes jedoch längst überschritten zu haben. Besonders eindringlich wird das von Laosans Ehefrau geschildert, wenn sie gegen Ende des Films erstmalig zu Wort kommt. Das lange Schweigen der jungen Frau ist dabei symptomatisch. Sie erzählt nicht nur von ihrer grenzenlosen Verzweiflung, gefangen zwischen der Liebe zu ihren Kindern und dem Wunsch nach Suizid oder Flucht, sondern auch von abgrundtiefer Einsamkeit. Niemand habe sie, der mit ihr auf dem Feld arbeitet, der mit ihr die täglichen Malzeiten einnimmt oder ihr zuhört. Es ist der einzige Moment des Films, in dem die Kamera etwas von ihrer Transparenz, ihrem amorphen Charakter einbüßt. Die junge Frau spricht den Regisseur nicht direkt an und ihr Blick bleibt in die Ferne gerichtet, doch klar wird, dass sich durch den Filmprozess etwas ereignet, was ohne Kamera nie stattgefunden hätte.
Trauer und Trinkgelage.
Laosan ist seit einem Jahr körperlich abhängig von Opium. Zwischen fünf und zwölf Gramm der Droge konsumiere er täglich. Manchmal könne er nicht mehr aufhören. Angefangen habe er mit seinen Freunden. Es gehöre zum Leben der jungen Männer dazu, dass man zusammen lacht, singt und raucht. Dass Konsum unauflöslich mit sozialer Interaktion verwoben ist, wird auch in Aufnahmen von alkohollastigen Feierlichkeiten sichtbar. Sie reißen den Zuschauer immer wieder aus melancholischen, bedrückenden und stillen Szenen des Familienlebens. Oft sind die Schnitte unbarmherzig. Doch die sprechende Struktur des Filmes zeigt, wie eng die physische Abhängigkeit mit unüberwindbarem, emotionalem Leid in Zusammenhang steht und wie einsam die Protagonist*innen trotz des gemeinsamen Lebens auf engstem Raum sind. Erst spät berichtet Laosan vom tragischen Tod seines Bruders. Auch ihre Eltern seien der Sucht verfallen, da sie keine anderen Wege fanden, der Trauer über dem Tod ihres Sohnes zu begegnen.
Frauen tragen die doppelte Last.
Sparsam und prägnant eingesetzte Dialoge liefern wertvolle Information. Besonders eindrucksvoll ist ein Gespräch zwischen verschiedenen Frauen des Dorfes. In vielfacher Hinsicht sind vor allem sie die Leidtragenden der Situation. Ihre Männer sind durch die Sucht zu großen Teilen arbeitsunfähig geworden. Fast allein müssen Mütter und Ehefrauen sich um das Bestellen der Opium-Felder kümmern, damit die Familie überleben kann. Eine von ihnen berichtet, dass sie regelmäßig kleinere Mengen an Geld versteckt, um die Versorgung sicherzustellen. Die Opiumsucht ihres Mannes sei so stark, dass er andernfalls alles erwirtschaftete Geld in die Droge investieren würde. Zudem werden viele der Männer im Rausch gegenüber ihren Ehefrauen gewalttätig. Trotz der allgegenwärtigen Lethargie sind also 50 Prozent der Bevölkerung vollkommen klar, handlungsfähig und sogar doppelt produktiv. Es scheint paradox, dass gesellschaftliche Strukturen, die eine Hälfte der Erwachsenen in ihrer Sucht paralysieren und die andere Hälfte insofern ohnmächtig machen, als sie ihre Kraft einzig dafür einsetzen kann, die fatalen Situation aufrecht zu erhalten, in der alle gefangen sind.
Einfühlsame Perspektive.
Century of Smoke bewegt sich fernab von Dokumentationen, die Aufnahmen rein illustrativ einsetzen. Informationen erhalten wir von den Protagonist*innen selbst oder in vor Ort aufgenommene Bildern und Klängen. Der Film lebt von minimalem Einsatz externer Elemente. Der Regisseur ist allein in Schnitt und Kameraperspektive präsent. Musik ist nur dann zu hören, wenn sie in der gefilmten Realität vorkommt. Diese künstlerischen Mittel erleichtern den Einstieg in die ferne Wirklichkeit von Laosans Gemeinschaft. Ästhetik und Dynamik des Films machen die Gleichförmigkeit des Lebens und die Allgegenwärtigkeit des Nebels erfahrbar, der nicht nur die Wälder, sondern auch die Gedanken und Gefühle der Akha-Männer verschleiert. Das Filmteam scheint selbst vor allem am Zuhören und Zusehen interessiert. Die Behutsamkeit und der Respekt, den Graux seinen Protagonist*innen entgegenbringt, bleiben trotz teilweise fast unerträglicher Nähe und Intensität der Aufnahmen konstant spürbar.
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Foto: Filmstill „Century of Smoke“ © Dérives asbl.