Vorprogramm: Glokale sozial-ökologische Herausforderungen im ZeitRaum.

Politische, ökologische, soziale, ökonomische und kulturelle Veränderungen – multidimensionale Krise oder plurale Emanzipation? Der ZeitRaum im Rahmen der Entwicklungstagung widmete sich am Freitagvormittag des 17. Nov. 2017 sozial-ökologischen Themen von der globalen bis zur lokalen Ebene.

Der ZeitRaum-In[ter]ventions bat als Vorprogramm zur 7. Österreichischen Entwicklungstagung 2017 die Möglichkeit, sich über Teilaspekte derzeitiger Krisenkomplexe zu unterhalten und Lösungen zu diskutieren. Ziel der VeranstalterInnen war es, Personen in- und außerhalb der Wissenschaft in Kontakt treten zu lassen und so möglichst unterschiedliche Perspektiven auf derzeitige Herausforderungen zusammenzubringen. Der ZeitRaum – In[ter]ventions wurde organisiert vom Netzwerk In[ter]ventions, das Studierende und ehemalige Studierende, sowie interessierte Menschen vernetzt und eine Plattform für Diskussion und gemeinsame Aktion bietet. Im Besonderen wurde der ZeitRaum von den Studierenden Henrik Feindt, Nikoletta Jablonczay, Michael Eigner und Katharina Kleinoscheg organisiert.

Multiple Krisen auf unterschiedlichen Ebenen.

Im Sitzungszimmer der Universität Graz wurde die Veranstaltung am Vormittag des 17. Nov. 2017 von Katharina Kleinoscheg eröffnet und im Anschluss moderiert. Weitere einführende Worte kamen von Johannes Jäger (Mattersburger Kreis). Vor über 30 TagungsteilnehmerInnen wurde ein Einblick in die sich zuspitzende globale Schuldendynamik gegeben, welche durch ihre Auswirkungen in regionale Produktionsmuster eingreift, wie sich besonders in den letzten beiden Vorträgen zeigte.

Verschuldung und die nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs).

Zum Auftakt der Vorträge präsentierten Patrick Krennmair und Martin Thalhammer die sozioökonomischen Implikationen von Verschuldung im Kontext der SDGs auf globaler Ebene. Ersterer studiert Volkswirtschaft und Statistik in Wien und nahm eine ökonomische Perspektive auf das Verhältnis zwischen Staatsschulden und den nachhaltigen Entwicklungszielen im Rahmen der United Nations Sonderinitiative ein. Demnach führen Schulden zu einer Einschränkung des Handlungsspielraums für Staaten, tragen zur (Nicht-)Erfüllung der SDGs bei und seien als Thematik in der SDG-Agenda generell unterrepräsentiert, schloss Krennmair.

Aus einem anthropologisch-historischen Blickwinkel betrachtete daraufhin Martin Thalhammer, der in Wien Kultur- und Sozialanthropologie, Internationale Entwicklung und Umwelt- und Bioressourcenmanagement, sowie in Klagenfurt Human und Sozialökologie an der Alpen-Adria-Universität studiert, die moralische Dimension und das revolutionäre Potential von Schulden. Damit bezog er sich auf David Graebers Ausführungen in seinem Buch „Schulden: Die ersten 5000 Jahre.“. Mit revolutionärem Potential bezieht dieser sich auf das Chancenpotential von Verschuldungskrisen, welche Bewegungen wie die Occupy Wall Street Bewegungen hervorbringen können. Er betonte darüber hinaus das konflikthafte Verhältnis zwischen Schuldigern und Gläubigern und deren impliziten Machtstrukturen.

Beide kritisierten das Nichtvorhandensein eines Insolvenzrechts auf staatlicher Ebene, ganz im Gegensatz zu privatrechtlichen Möglichkeiten. Als Lösungsvorschlag wurde auf das Raffer-Proposal des Ökonomen Kunibert Raffer verwiesen. Diese sieht eine Koppelung von Schulden an die Erfüllbarkeit der SDGs vor, wodurch Nachteile beim Erreichen dieser durch verschiedenste Mechanismen beseitigt werden sollen.

Transhumante Ziegenproduktion im Malargüe.

Im zweiten Vortrag berichtete Luciana Camuz Ligios, Tierärztin und Studentin des interdisziplinären Universitätslehrgangs für Höhere Lateinamerika-Studien, von ihrer Masterarbeit mit dem Titel „Die Zukunft der transhumanten Ziegenproduktion im westlichen Teil des Departements Malargüe, Provinz Mendoza, Argentinien“. Dortige Kleinbetriebe haben mit prekären Lebensverhältnissen, limitierter Infrastruktur und oftmals ungeklärten Eigentumsrechten zu kämpfen. Der Begriff der transhumanten Ziegenproduktion beschreibt dabei die Haltung von Ziegen, die sich ganzjährig im Freien befinden und der traditionellen Milch- und Fleischproduktion dienen.

Luciana Ligios verbrachte für ihre Forschung fünf Wochen in Malargüe in den Jahren 2015 und 2016, führte insgesamt 18 Interviews mit ZiegenzüchterInnen, ExpertInnen und staatlichen Organisationen und erstellte daraus mögliche Zukunftsszenarien. Die Ergebnisse zeigen dabei ein ernüchterndes Bild, geprägt von der Landflucht Jugendlicher, kleineren Herden mit einem größeren Anteil an Rindern und Schafen und einer allgemeinen Verkleinerung der Herdengrößen.

Fortbestand, Rückgang, oder Veränderung der Produktionsweise hängen dabei von der weiteren Vorgehensweise und dem Zusammenwirken zwischen ProduzentInnen, ExpertInnen und den staatlichen Institutionen ab. Bei der Beibehaltung des jetzigen Kurses im Teufelskreis aus niedrigem Fleischpreis, geringer Produktionsleistung, einer hohen Inflation und einer steigenden Verschuldung drohe ein weiterer Rückgang und damit ein langsames Verschwinden dieser Produktionsart, welche fest in der Kultur der Region verankert ist und bereits seit Jahrhunderten in dieser Form praktiziert wird, da sich das Ökosystem besonders für diese speziell Art der Produktion eignet.

Fair gehandelte Textilien aus Guatemala.

Zum Abschluss des Vormittagsprogramms hielt Juan Luis Gutierrez Cordero eine Präsentation zur Analyse der Supply Chain (dt. Lieferkette) und der Optimierungspotentiale im Import von fair gehandelten Textilien aus Guatemala nach Österreich. Juan Cordero, geboren und aufgewachsen in Guatemala, arbeitete zu diesem Thema im Rahmen seiner Masterarbeit an der Fachhochschule des BFI Wien.

Seine Erkenntnisse gaben einen Einblick in die Schwierigkeiten im Bereich von Supply Chains. Der komplexe Weg, den Textilien aus Guatemala durchlaufen um schließlich in Österreich im Handel zu landen, weist dabei zahlreiche Problemstellen auf. Hinzu kommt die Tatsache, dass sämtliche Unternehmen in der Fairtrade Supply Chain aus Fairtrade-zertifizierten Quellen zukaufen müssen.

Optimierungspotenzial gäbe es bei dem Informationsaustausch zwischen Fairtrade Händlern, dem Transport der Waren nach Europa und im Besonderen bei der Verwendung von fair gehandelter Baumwolle. Momentan wird die Baumwolle für die Herstellung der Textilien fast ausschließlich aus den USA importiert.

Alle Beiträge des Vormittags zeigten die enge Verschränkung sozialer und ökologischer, sowie globaler und lokaler Faktoren auf. Nach einer abschließenden Diskussionsrunde ging es in die Mittagspause, um für den Nachmittag gestärkt zu sein, wo es um Lösungsansätze der sozialökologischen Krise gehen sollte.

***Hier geht’s zum Artikel über Freitagnachmittag im ZeitRaum***

 

Der Autor studiert Internationale Entwicklung, Politikwissenschaft und Philosophie. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at  

 


 

Weiterführende Links:

– Website von In[ter]ventions

– Zur Seite der Entwicklungstagung: www.entwicklungstagung.at

– Zu weiteren Artikeln über die Tagung: https://www.pfz.at/list193.htm

   


 

Fotos: Michael Eigner ©Paulo Freire Zentrum

Veröffentlicht in Dokumentation, Entwicklungstagung 2017, Sozial-ökologische Transformationen.