Es war eine kontrastreiche Tagung, bei der die Wandlungsfähigkeit des Systems gepriesen wie auch die Notwendigkeit eines radikalen Bruchs mit den Verhältnissen beschworen wurde. Dieser Syntheseversuch analysiert die Tagung im Hinblick auf ihre selbst gesetzten Ziele, beginnend mit der Analyse sozial-ökologischer Verhältnisse.
An die 350 TeilnehmerInnen beteiligten sich an den Debatten rund um die Frage nach den notwendigen sozial-ökologischen Transformationen, die im Rahmen der 7. Entwicklungstagung an der Uni Graz im Nov. 2017 geführt wurden. Die Österreichischen Entwicklungstagungen verstehen sich als ein Ort der Debatte und des konfrontativen Dialogs. Hier dürfen Fragen aufgeworfen werden, ohne dass sogleich Antworten erfolgen – auch wenn dies viele TeilnehmerInnen bedauern, denn allzu sehr sind wir heute gewohnt, dass allerorten Kompetenz und Lösungsorientierung simuliert wird, auch wenn die anstehenden Fragen jede/n einzelne/n wie auch die Menschheit generell überfordern. Ein Ziel der Entwicklungstagung ist es vielmehr, die Komplexität der Herausforderungen deutlich zu machen – jeglicher Reduktionismus hindert daran, radikale Antworten zu finden, die es für die globalen Herausforderungen heute aber braucht.
Die zwei Schritte im Tagungskonzept.
Die Entwicklungstagung, so das Konzept, wollte in zwei Schritten eine Debatte der aktuellen Transformationen ermöglichen:
1. Die sozial-ökologische und ökonomische, krisenhafte Transformation analysieren – und dabei die Auflösung der Grenzen zwischen Nord und Süd thematisieren sowie reflektieren, wie transnationale sozial-ökologische Transformationen erfahren werden;
2. Modelle und roadmaps zur „positiven Transformation der Welt“ vorstellen und kritisch diskutieren: Sustainable Development Goals (SDGs), De-Growth, Postwachstum, Environmental Justice und andere mehr. Hier geht es darum, über ein neues kooperatives Modell von Nord und Süd nachzudenken, das ermöglicht, transnationale sozial-ökologische Transformationen zu gestalten.
Im Rückblick darf behauptet werden, dass der erste Schritt gut gesetzt wurde, während der zweite Schritt noch etwas auf sich warten lässt und dazu weit weniger Antworten versucht wurden.
„Krieg gegen den Planeten“.
Freilich, die kritische Analyse ist immer etwas einfacher. Sie startete mit dem Eröffnungsabend der Tagung, bei dem bereits Welten aufeinander prallten: Zum einen zeigte Moema Miranda (People’s Dialogue Brasilien) auf radikale Art und Weise den destruktiven Charakter der globalen Ökonomie auf. Sie sprach von einem „Krieg gegen den Planeten“. Wir leben in einer umkämpften Welt; in Brasilien würden Menschen ermordet, weil sie Transformationen einforderten. Wir erlebten viele Ethnozide gleichzeitig, eigentlich auch einen Suizid der Menschheit. Die Dramatik ihres Appells, den sie zu Ende der Tagung nochmals erneuerte, war kaum zu übertreffen.
Lob und Kritik der Green Economy.
Zum Anderen präsentierte Stefan Rohringer vom globalen Technologiekonzern Infineon eine durchaus sympathisch wirkende Variante der Green Economy, jene Wirtschaftsweise, die sich an ökologischer Nachhaltigkeit orientiert. Er versuchte aufzuzeigen, wie Technologie zur Lösung der globalen Probleme beitragen könne – und machte glaubwürdig, das es sich Infineon dabei nicht einfach machte, gelte es doch, die Herkunft aller Produktbestandteile zu kennen, um garantieren zu können, dass die Produktion den sozial-ökologischen Standards des Konzerns entspricht. Rohringer schätzte, dass die Produkte von Infineon helfen, im Vergleich zu branchenüblichen Alternativen 30% der CO2-Emissionen einzusparen. Ähnlich optimistisch bezüglich des Wertes von Technologie zeigte sich der Wissenschafter Paul Yillia (IIASA), der mehrfach ein Gleichgewicht von sozialen, ökonomischen und ökologischen Zielen in der Nachhaltigkeitsdebatte, auch an diesem Abend, einforderte. Allerdings machte Yillia auch auf die Ambivalenzen der Technologie aufmerksam, die ja nicht nur eine Problemlösung ist, sondern oft große ökologische Belastungen mit sich bringt.
Mirandas Ruf nach radikaler Transformation griff Ulli Brand, Politikwissenschafter der Universität Wien, auf. Er kritisierte die Green Economy, wie sie Stefan Rohringer und in seinem Technik-Optimismus auch Paul Yillia verkörperten, und machte deren Selektivität deutlich: Green ist diese Form der Wirtschaft nur in bestimmten Ländern und Sektoren: Elektromobilität sei grün im Hinblick auf den CO2-Ausstoß, die Problematik des Mobilitätsverhaltens werde damit aber nicht angesprochen. Insofern berühre Green Economy nicht den Kern des Problems, dass wir nämlich einen radikalen Wandel der Produktionsweise und des Konsums brauchen. Brand spricht hier gemeinsam mit Markus Wissen von der „imperialen Lebensweise“, die es zu erkennen, hinterfragen und zu überwinden gelte. Weiterhin verharrten wir damit in der dominanten Wachstums-Logik des Kapitalismus, der nach dem Motto agiere: „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass!“.
Um Optionen des Widerstandes gegen diese destruktiven Logiken geht es im nächsten Teil der Synthese: Hier geht’s zum Teil II
Der Autor ist Direktor des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Weiterführende Links:
– Zur Seite der Entwicklungstagung: www.entwicklungstagung.at
– Zu weiteren Artikeln über die Tagung: https://www.pfz.at/list193.htm
Fotos: Fabian Franta © Paulo Freire Zentrum; Dominik Stoppacher