Kolonialismus wird häufig mit fernen Orten und vergangenen Jahrhunderten verbunden. Der Workshop „Tirol post/kolonial – das Globale im Regionalen“ zeigte im Rahmen der Entwicklungstagung 2025 in Innsbruck, wie tief globale Ungleichverhältnisse im tagtäglichen Leben verwurzelt sein können: Durch Straßennamen, Konsumverhalten und kulturelle Praktiken.
Ein kritischer Rundgang führte entlang verschiedener Stationen durch die Innenstadt der Tiroler Hauptstadt. Kulturvermittlerin Laura Kogler und Eric Burton vom Institut für Zeitgeschichte thematisierten, wie Kolonialismus durch Mission, Handel und Krieg nachwirkt – und regten gleichzeitig zur Reflexion über dessen Auswirkungen auf fortbestehende Ungleichheiten und rassistische Kontinuitäten an. Grundlage der kritischen Stadtführung war der digitale Stadtplan „Innsbruck postkolonial“, der von Studierenden der Zeitgeschichte, Geschichte und Europäischen Ethnologie recherchiert und in Kooperation mit der Stadt Innsbruck umgesetzt wurde. Der anschließende Besuch der Ausstellung „Ötztal Weltweit. Talein – talaus“ erweiterte anhand biografischer Erzählungen die Perspektive auf ländliche und abgelegene Regionen.
Darstellung und Abwertung von Andersartigkeit im Alltag.
Die erste Station führte zum Volkskunstmuseum Innsbruck. Dort wurde aufgezeigt, wie Bilder des „Fremden“ seit Jahrhunderten ein präsenter Bestandteil Tiroler Alltags- und Festkultur sind. Krippenfiguren, Maskenbräuche oder auch das Sternsingen greifen Motive von Andersartigkeit auf, die andere Kulturen exotisieren und in ein untergeordnetes Verhältnis zur europäischen Norm setzen. Während manche Darstellungen offen rassistische Zuschreibungen reproduzieren, erscheinen andere als scheinbar harmlose Traditionen, deren koloniale Dimension manchmal erst bei genauerem Hinsehen deutlich wird.
Ein Beispiel dafür ist die Figur des als „dunkelhäutig“ inszenierten Heiligen Königs, meist Kaspar. Die Heiligen Drei Könige sind ein fester Bestandteil christlicher Krippendarstellungen und symbolisieren die damals bekannten Erdteile: Europa, Asien und Afrika. Ihre Geschenke – Gold, Weihrauch und Myrrhe – verweisen auf ferne Regionen und „fremde“ Güter. Historisch ist die Erzählung jedoch gar nicht so eindeutig: Anzahl, Herkunft und Namen der Könige variieren je nach Überlieferung. Erst im Spätmittelalter setzte sich zunehmend die „dunkelhäutige“ Darstellung einer der Könige durch – parallel zu der europäischen Faszination für das als „exotisch“ konstruierte Afrika sowie dem christlichen Missionsverständnis, welches die erfolgreiche Ausbreitung des eigenen Glaubens und damit auch religiöse Überordnung sichtbar machen wollte. Auch die Tradition des Sternsingens ist mit dem globalen Anspruch des Christentums verknüpft. Historische Liedtexte aus den 1960er-Jahren zeigen, wie Missionierung als selbstverständlicher Teil christlicher Nächstenliebe vermittelt werden sollte. Beispielsweise wird davon gesungen, dass „alle Kinder dieser Erde“ zu „Gotteskindern“ werden sollen. Teilweise wurden Gesichter der Kinder schwarz geschminkt – eine Praxis, die viele heute an das „Blackfacing“ im US-Theater und -Kino vor den 1980ern erinnert. Zwar wurde die problematische Bemalung mittlerweile in vielen Gemeinden abgelegt, bleibt jedoch eng verbunden mit unterordnenden Vorstellungen von „Anderen“.
Thematisiert wurden außerdem die sogenannten „Völkerschauen“, die bis in die 1930er-Jahre in Innsbruck stattfanden. Menschen aus Afrika wurden dabei als vermeintlich „primitive“ Attraktionen öffentlich ausgestellt. Die Lebensbedingungen waren menschenunwürdig, Krankheiten und Todesfälle wurden in Kauf genommen. Diese Ausstellungen trugen dazu bei, koloniale Gewaltverhältnisse zu legitimieren, europäische Überlegenheitsvorstellungen zu festigen und die Entmenschlichung kolonialisierter Menschen zu normalisieren – in einer Zeit, in der europäische Kolonialmächte ihre Herrschaft in Afrika und Asien massiv ausweiteten. Die Erinnerung daran wirft die Frage auf, inwiefern diese Haltungen tatsächlich überwunden sind. Denn bestimmte kulturelle Praktiken, die andere Kulturen abwerten, wirken bis heute fort. Rassistische Stereotype finden sich weiterhin in Fasnachts- und Maskenbräuchen, die mit dem Argument der Tradition verteidigt werden. Beispiele wie die „Mohrenspritzer“ der Imster Fastnacht oder der Thaurer Fasching 2023, bei dem schwarz bemalte Personen in erniedrigender Weise als Versklavte dargestellt wurden, zeigen, wie problematische Bilder von „Andersartigkeit“ immer noch reproduziert werden. Zwar wächst das öffentliche Bewusstsein für die Problematik solcher Praktiken, Sensibilität und Auseinandersetzung damit bleibt jedoch bei Teilen der Beteiligten weiterhin aus.
Konsum, Kaffee und Kolonialwaren.
Die nächste Station richtete den Blick auf einen zentralen Bereich des täglichen Lebens: den Konsum. Mit der europäischen Expansion gelangten zahlreiche neue Produkte nach Europa, deren Verfügbarkeit eng mit ausbeuterischen Handelsstrukturen verbunden war. In der Innsbrucker Innenstadt verkauften ab dem späten 19. Jahrhundert zahlreiche Läden vermehrt nicht-regionale Produkte wie Kaffee, Tabak, Reis oder Bananen. Die wachsende Zahl dieser Geschäfte, die von 32 im Jahr 1898 auf über 60 in den 1930er-Jahren stieg, zeugt von der zunehmenden Präsenz kolonialer Güter im regionalen Alltag.
Am Beispiel lokaler Kaffeeröstereien wie Nosko und Unterberger wurde thematisiert, wie koloniale Denkmuster durch Konsumprodukte normalisiert wurden. Ältere Werbedarstellungen der Firma Nosko zeigen stereotypisch dargestellte Figuren aus Herkunftsregionen des Kaffees, welche die „Exotik“ des Produkts verkörpern sollten. Gleichzeitig wurde der in Tirol geröstete Kaffee als hochwertiges regionales Produkt beworben, wodurch die koloniale Herkunft sowie die prekären Arbeits- und Lebensbedingungen in den Anbauregionen ausgeblendet werden. Auch das bis heute erhaltene Schild des ehemaligen Geschäfts „Unterberger Kolonialwaren“ mit einem Segelschiff verweist auf die Geschichte kolonialer Infrastrukturen, die europäischen Konsum erst ermöglichten. Bilder, Sprache und Symbole transportieren – wie hier durch Werbung und Geschäftsschilder – rassistische Narrative oft subtil in unseren Alltag und zeigen, wie stark historische koloniale Prägungen unsere Wahrnehmungen bis heute beeinflussen.
Teil 2 des Artikels führt zu kolonialen Mustern in Herrschaftsverhältnissen, gesellschaftlichem Erinnern und Spuren im öffentlichen Raum – und erweitert den Blick vom städtischen auf ländliche Kontexte im Ötztal.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Titelbild © Innsbruck Postkolonial
Die Veranstaltung war Teil der 9. Österreichischen Entwicklungstagung in Innsbruck. Alle Infos dazu gibt es hier.
Weiterführende Links:
Die interaktive Stadtführung „Innsbruck Postkolonial“.