Globale Ungleichheit im Kontext multipler Krisen: Covid19, Krieg und Gewaltverhältnisse.

Der erste Tag der achten Österreichischen Entwicklungstagung stand ganz im Zeichen der Idee, ein gemeinsames Verständnis für die Brennpunkte globaler Ungleichheiten zu schaffen. Nach Eröffnung, Begrüßung und einem schwungvollen Warm-Up begann direkt die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem zentralen Thema der Tagung. Dazu diskutierten im Eröffnungspolylog drei Sprecherinnen aus Ländern des globalen Südens¹. Moderiert von Karin Fischer sprachen sie über verschiedene Dimensionen sich überschneidender Ungleichheiten im Kontext multipler Krisen. Im Zentrum standen dabei Ressourcennutzung in Uganda, der Aggressionskrieg Russlands gegen die Ukraine sowie die Situation von Arbeitsmigrantinnen in Indien.

Konfliktreiche Ressourcen in Uganda.

Den Anfang machte Nelly Busingye von Resource Rights Africa, einer zivilgesellschaftlichen Organisation mit Sitz in Kampala, Uganda. Sie sprach über Konflikte und Ungleichheiten aufgrund von Ressourcenextraktion. Der Rohstoffreichtum Afrikas wurde bereits intensiv durch die Kolonialmächte ausgebeutet, und auch jetzt fließt ein großer Teil der Profite in den globalen Norden. Eine wesentliche Konsequenz dieser Ausbeutung sind die enormen sozialen und ökologischen Folgen. Für Afrika hat sich der Rohstoffreichtum also mehr als Fluch denn als Segen erwiesen. Die Klimakrise werde diese Probleme vor allem in Bezug auf Nachhaltigkeit und Profitabschöpfung weiter verschärfen, so Busingye. Sie stellt in ihrer Arbeit die Zivilbevölkerung in den Fokus. Die große Aufgabe sieht sie darin, die Profite aus der Rohstoffförderung gerecht zu verteilen. Es könne nicht sein, dass über eine Billion US-Dollar jährlich in Form von Finanzflüssen, extrahierten Ressourcen, Schuldenrückzahlungen und abgeschöpften Gewinnen aus Afrika fließt. Im Rahmen ihrer NGO-Tätigkeit setzt sich Busingye vehement für eine Offenlegung von Finanzflüssen sowie für ein gerechtes Steuersystem ein. Denn Regierungen in Afrika würden das Ausbeutungsverhältnis leider allzu oft tolerieren – insbesondere in Uganda, hebt Busingye hervor. Wenn zivilgesellschaftliche Organisationen Rechenschaft und eine Übernahme von Verantwortung einfordern, würden sie von den Behörden unterminiert. So wurde im Februar 2021 ein von elf EU-Staaten (darunter auch Österreich) finanzierter Fonds suspendiert. Der Fonds bot finanzielle Unterstützung für ugandische NGOs im Bereich Menschenrechte und Demokratie. Der Fall sei symbolisch für den Machthunger der Regierung und zeige deutlich: die Probleme überschneiden sich. Ob Repression, Korruption, oder Ausbeutung, wir können diese Herausforderungen nicht einzeln angehen.

Covid-19 und die Prekarisierung von Arbeitsmigrantinnen in Indien.

Auch im darauffolgenden Beitrag von Paula Banerjee, Professorin an der Universität Kalkutta, stand der intersektionelle Charakter der großen Fragen unserer Zeit im Fokus. Banerjee forscht in ihrer Tätigkeit seit Jahren intensiv zur Situation von Migrant*innen. Diese würden die Auswirkungen von Ungleichheiten in sehr hohem Maße zu spüren bekommen. Noch stärker seien hier wiederrum Frauen betroffen, insbesondere Arbeitsmigrantinnen. In Indien seien viele inländische Arbeitsmigrantinnen informell in der Hausarbeit tätig, dabei sei Ausbeutung vorprogrammiert. Die ohnehin prekäre Situation habe sich im Zuge der Covid-19-Pandemie nochmals massiv verschlechtert. Denn als der erste Lockdown verhängt wurde, seien viele der Arbeitsmigrantinnen einfach vor die Tür gesetzt worden. Sie hätten weder Zugang zu Geld oder Gesundheitsversorgung, noch zu Transportmitteln gehabt. „Was machen diese Menschen dann?“, fragte Banerjee. Nach Hause zurückzukehren sei nahezu unmöglich gewesen, da der öffentliche Verkehr eingestellt war. Viele hätten hunderte Kilometer zu Fuß zurückgelegt. Eindrucksvoll und ernüchternd erzählte Banerjee von Babies und jungen Mädchen, die im Zuge der Strapazen ums Leben gekommen sind. Für jene, die es zurück in die Heimat geschafft haben, sei das Einhalten von Hygiene- und Abstandsmaßnahmen schwierig bis unmöglich gewesen. Ein massiver Mangel an Trinkwasser habe die Situation zusätzlich verschärft. In diesem Lichte wagte Banerjee einen Ausblick in die Zukunft: Auch die Klimakrise werde Menschen in ärmeren Regionen und insbesondere die dortigen Frauen verstärkt treffen.

Krieg und Feminismus in der Ukraine.

Zur prekären Lage von Frauen in Krisensituationen sprach auch Ella Lamakh vom Democracy Development Center in Kiew. Durch ihre Tätigkeit in der Ukraine lieferte sie Eindrücke aus erster Hand. Mit Beginn des russischen Angriffskrieges habe sich die Rolle von Frauen schlagartig geändert, schilderte sie. Viele Frauen mussten samt Familie, aber ohne Männer fliehen, um sich und ihre Familie in Sicherheit zu bringen. Diejenigen, die blieben (oder bleiben mussten), hätten alles getan, um Familie, Soldat*innen und Bevölkerung zu unterstützen. Die von ihr geleitete Organisation, eine feministische NGO, habe sich komplett umstellen müssen. Plötzlich hätten sie Menschen in Luftschutzbunkern geholfen, Bedürftige mit Essen versorgt und Hygieneartikel gegen Covid-19 verteilt. Der Krieg habe klar zu einem Rückschlag für den Feminismus und einer Rückkehr alter Geschlechterrollen geführt, so Lamakh. Geschlechtsbezogene Ungleichheiten seien weiter verstärkt worden. Dennoch betonte Lamakh, dass die Verteidigung der Ukraine derzeit an erster Stelle stehen müsse. In der jetzigen Situation sei es zentral, ihre Aufgabe als feministische Organisation durch die Unterstützung der Zivilgesellschaft wahrzunehmen. Dennoch könne nicht immer gesagt werden: „Wir können jetzt nicht über Feminismus sprechen, denn es herrscht Krieg“. Lamakh betonte, das Organisationen wie die ihre wichtige Arbeit leisteten. Dies sollten Bevölkerung und Regierung anerkennen. Für die Zukunft wünschte sie sich eine stärkere Beteiligung von Frauen in Friedensprozessen sowie in der Entscheidungsfindung generell.

Ungleichheiten überlagern sich: interregional und intersektionell.

Im Anschluss diskutierte die Runde, wie sich die besprochenen Ungleichheiten überschneiden. Trotz der Unterschiede fanden sich in den analysierten Krisen gemeinsame Nenner. Die Speaker*innen waren sich einig, dass die Covid-19 Pandemie in allen Fällen Ungleichheit massiv verstärkte. Nelly Busingye betonte die besonders prekäre Situation von Frauen, welche sich auch in Uganda in Konflikten um Landrechte und Rohstoffe stark abbilde. Für Paula Banerjee war wiederrum die Umwelt das zentrale Element der Überschneidung. Sie verband die Klimakrise mit Ella Lamakhs Erzählungen aus der Ukraine. Auch zu Klimaaktivist*innen würde immer wieder gesagt: „der Kampf gegen den Klimawandel ist schon wichtig, aber nicht jetzt!“. Mit dem Hinweis, dass Frauen von der Klimakrise verstärkt betroffen sein werden, schloss sich letztendlich der Kreis.

Zum Ende wurde noch Zeit für Fragen aus dem Publikum eingeräumt. Auf die Frage, wie sich die EU einbringen sollte, forderte Nelly Busingye ein Agieren auf Augenhöhe und mit Respekt. Es brauche Klimagerechtigkeit, keinen Klimakolonialismus. Afrika sollte von den notwendigen Veränderungen im Sinne „grüner“ Entwicklung profitieren, nicht der Globale Norden, der im Moment die Profite abschöpfe. Paula Banerjee meldete sich ebenso energisch zu Wort: „Was wir von Europa, von Männern wollen? Wir wollen Respekt, Gerechtigkeit und Würde!“

 

Der Autor ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Weiterführende Informationen:

¹Die Begriffe Globaler Norden und Globaler Süden werden hier als Sammelbezeichnungen für eine sehr diverse Gruppe von Staaten, Kulturen und Gesellschaften verwendet. Die Begriffe können vereinfachend und verallgemeinernd wirken, da sie ein binäres Weltverständnis reproduzieren. Sie werden hier mit Verweis auf diese Schwächen bewusst eingesetzt, da eine Abbildung aller Unterschiede zu komplex wird und damit in diesem Kontext nicht hilfreich ist.

Links zum Programm der Entwicklungstagung 2022:

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Eröffnungspolylog

Titelbild © Robert Diendorfer

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik, Entwicklungsforschung, Globale Ungleichheiten, Genderungerechtigkeit, Entwicklungstagung 2022, Dokumentation, Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen.