Frauen leiden weltweit unter den Folgen von Extraktivismus, der Ausbeutung von Rohstoffen. Auch im südlichen Afrika wird exzessiver Rohstoffabbau betrieben und hat schwerwiegende Folgen für die Lebensrealitäten vor Ort. Forum 4 der Entwicklungstagung 2017 analysierte die Problematik aus feministischer Sicht.
Das vierte Forum der 7. Entwicklungstagung, die von 17. bis 19. November an der Universität Graz stattfand, widmete sich dem Thema „Extraktivismus versus Care-Ökonomie. (Wie) profitieren Frauen vom afrikanischen Wirtschaftswachstum?“. Koordiniert wurde das Forum von WIDE (Entwicklungspolitisches Netzwerk für Frauenrechte und feministische Perspektiven).Als Referentinnen waren Donna Andrews und Karin Reinprecht geladen. Moderiert wurde der Nachmittag von Claudia Thallmayer (WIDE) und Hanna Satlow (Brot für die Welt).
“A radical eco-feminist”.
Donna Andrews eröffnete nach einer kurzen Vorstellungsrunde im Sesselkreis das Forum mit einleitenden Worten zum Thema Bergbau im südlichen Afrika. Andrews bezeichnet sich selbst als „a radical eco-feminist (dt.: eine radikale Öko-Feministin)“ und arbeitet mit unterschiedlichen Frauen- und sozialen Bewegungen im südlichen Afrika zusammen. Sie ist Lektorin, Forscherin, Programm-Managerin und Hochschullehrerin. Um eine gemeinsame Basis für die folgenden Diskussionen im Forum zu schaffen, breitete Andrews drei große Papierbögen auf dem Boden innerhalb des Sesselkreises aus. Auf jedes Plakat wurde eine Frage geschrieben, auf die alle Teilnehmenden in Stichworten antworten sollten: „Was verstehen wir unter Entwicklung generell, und speziell in Afrika?“ „Was verstehen wir unter „mining“ (dt.: Bergbau), was unter Extraktivismus?“ „Gibt es Beispiele dafür in Österreich?“
„Mining doesn’t happen in the sky!“
Ausgehend von dem gemeinsam erarbeiteten Brainstorming, sprach Andrews daraufhin über ihre Arbeit in Südafrika. Die Schwierigkeiten fingen bereits mit der Bezeichnung der Region an. „Menschen sprechen über den afrikanischen Kontinent, als wäre es ein Land. Dasselbe geschieht mit Südafrika. Südafrika ist ein Land und bezeichnet nicht die gesamte Region des südlichen Afrikas“, erklärte Andrews. Am gesamten Kontinent gebe es laut Andrews 3000 registrierte Minen. Die nicht registrierten Minen werden hingegen auf 10000 geschätzt. Der Abbau von Rohstoffen wie Gold, Diamanten, Kohle oder Uranium werde als Antrieb für die (süd)afrikanische Wirtschaft gesehen, jedoch werden dessen negative Auswirkungen in der Region ausgeblendet. „Rohstoffabbau passiert nicht im Himmel, Leute! Er passiert auf der Erde”, so Andrews. Sie wolle damit darauf hinweisen, dass die Verbindung zu Land und Boden, zur Umweltverschmutzung, die mit dem Bergbau verbunden ist, oft nicht gesehen werde.
Umweltverschmutzung und Zwangsumsiedlungen.
Die Auswirkungen des Bergbaus seien für die Frauen in den Bergbauregionen oft verheerend. Frauen seien für den Großteil der Care-Arbeit, also der unbezahlten Reproduktionsarbeit wie Kochen, Waschen und Betreuung der Familie, verantwortlich. Die Jobs in den Minen seien hauptsächlich Männern vorbehalten und erfüllen nur selten die Mindeststandards der Sicherheit am Arbeitsplatz und eines schonenderen Umgangs mit der Umwelt. So komme es in den Minengebieten oft zu einer Verschmutzung des Grundwassers, was sich direkt auf die landwirtschaftliche Produktion und die den Frauen vorbehaltene Hausarbeit auswirke. Ein weiteres Problem seien die Zwangsumsiedlungen von Menschen. In rohstoffreichen Gebieten sei diese Praxis oft zu beobachten, so Andrews.
Wirtschaftswachstum vs. anti-development.
„I’m at a stage, where I am anti-development“ verlautbarte Andrews und betonte ihre kritische Haltung gegenüber dem gängigen Konzept von „Entwicklung“. Entwicklung durch Wirtschaftswachstum sei auf keinen Fall der richtige Weg. Die Arbeit in den Minen sei nicht nur gesundheitsgefährdend und schlecht bezahlt, vom Extraktivismus in afrikanischen Ländern würden die Menschen in der Region außerdem nicht profitieren: Von den Gewinnen der Bergbauunternehmen bekommen die Menschen in der Region meist nichts zu sehen. Um die Situation zu veranschaulichen, zeigte Andrews einen kurzen Ausschnitt des Films „Strike a Rock“. Im Film werden die Proteste von Minen-ArbeiterInnen gezeigt, die für einen Mindestlohn auf die Straße gehen. Der Protest wurde von der Polizei gewaltsam niedergeschlagen und es kam zu einer Schießerei, bei der viele Menschen getötet wurden.
Frauen werden in die finanzielle Abhängigkeit gedrängt.
Im zweiten Teil des Forums sprach Karin Reinprecht über ihre Erfahrungen als Konsulentin für ökonomische Entwicklung und Empowerment von Frauen im südlichen Afrika. In Bezug auf die Auswirkungen der dortigen Minen auf Frauen betonte auch Reinprecht, dass „extracting“ hauptsächlich männlich konnotiert sei und „caring“ weiblich. Diese Rollen scheinen sich nach wie vor hartnäckig zu halten. Problematisch sei dies unter anderem deswegen, weil der Bau von Minen oft mit dem Schaffen neuer Arbeitsplätze und Infrastruktur für die jeweilige Region gerechtfertigt werde. Doch diese Jobs seien Männern vorbehalten und so verstärke dieses System die finanziellen Abhängigkeiten der Frauen. Mit einer Karte des südlichen Afrikas zeigte Reinprecht außerdem den Zusammenhang von Minen und Hunger auf: Auch in Gebieten, in denen es schon länger Minen gibt, seien die Menschen von starken Hungersnöten betroffen.
Realitäten sind veränderbar.
Schließlich forderte Karin Reinprecht die Teilnehmenden auf, kreativ zu werden: um das Forum trotz der bedrückenden Realität im afrikanischen Bergbau positiv abschließen zu können, sollten Ideen und Strategien gesammelt werden, wie sich Menschen in Österreich engagieren könnten. Als zentrale Punkte wurden dabei der kritische Konsum oder gar Verzicht auf bestimmte Produkte in Österreich (Stichwort Smartphones) genannt sowie die Notwendigkeit, eine kritische Öffentlichkeit zu etablieren. Vielen Menschen sei nach wie vor nicht bewusst, woher die Rohstoffe für ihre Konsumgüter kommen und unter welchen Bedingungen diese abgebaut werden. Donna Andrews verwies an dieser Stelle noch einmal auf die Bedeutung von lokalen sozialen Bewegungen. Diese gelte es zu unterstützen – sei es vor Ort oder von Österreich aus.
Die Autorin ist Mitarbeiterin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Weiterführende Links:
– Link zum Film „Strike a Rock“: https://strikearock.co.za/
– Link zu WIDE: https://www.wide-netzwerk.at/
Fotos: Fabian Franta ©Paulo Freire Zentrum