Eröffnungspanel 1: Herausforderungen aktueller sozial-ökologischer Transformationen.

Am Eröffnungspanel der 7. Österreichischen Entwicklungstagung in Graz trafen sich am 17. Nov. 2017 internationale VertreterInnen aus der Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Technik und Unternehmen zum Polylog – mit dem Ziel, Widersprüche einer sozial-ökologischen Transformation als Chance zu nutzen.

Vom 17. – 19. November 2017 fand an der Karl-Franzens-Universität Graz die Siebte Österreichische Entwicklungstagung statt. Sie stand unter dem Thema „sozial-ökologische Transformationen jetzt!“ und wurde vom Paulo Freire Zentrum und zahlreichen MitveranstalterInnen organisiert.

Listen with attention and speak with intention.

Unter dem Motto “Aufmerksam zuhören und mit Anliegen sprechen“ bat die Moderatorin Karin Küblböck von der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE) am Eröffnungsabend, Freitag den 17. Nov. 2017, zu einem Polylog. Das ist eine Form der Diskussion, um den Dialog zu vertiefen. „Es kann ein Resonanzraum entstehen, in dem wir voneinander lernen können und verändert herausgehen“ erklärte Küblbück.

Aktivistin, Unternehmer und Forscher im Gespräch.

Das Panel war mit folgenden Gästen besetzt: Moema Miranda ist Begründerin des Brazilian Institute of Social and Economic Analyses (IBASE) und koordiniert das Süd-Süd Projekt „People’s Dialogue“ zwischen Lateinamerika und Afrika. Stefan Rohringer arbeitet bei Infineon Technologies Austria AG, die in den Bereichen Chipkarten, Hardware-Sicherheit und Automobilelektronik produzieren. Paul Yillia forscht am IIASA (Internationl Institute for Applied Systems Analysis) und war im Energie-Strategieteam der nachhaltigen Entwicklungsziele. Ulrich Brand ist Professor für Internationale Politik und führt seine Forschungen über kapitalistische Globalisierung, Ressourcenpolitik und Lateinamerika im Konzept der „imperialen Lebensweise“ zusammen. Diese diversen Hintergründe wurden im Gespräch, wie eine sozial-ökologische Transformation stattfinden kann, deutlich.

Verschiedene Lösungen.

„Was versehst du unter sozial-ökologischer Transformation? Warum brauchen wir sie?“ lautete die erste Frage der Moderatorin Küblböck. „In meinem Land, Brasilien, werden UmweltaktivistInnen umgebracht. Wir leben sehr konfliktreich“, antwortete die zivilgesellschaftlich engagierte Moema Miranda. Es würde helfen, zu erkennen, dass wir Menschen eine Spezies unter vielen sind. „Die Erde ist nicht unser Supermarkt, sondern unser lebendiges Haus, mit dem wir tief verbunden sind“. „Das ist nicht meine Sprache“, erwiderte Stefan Rohriger von Infineon. Er plädierte für das Potenzial von Technologie: „Natürlich stoßen wir Billionen Tonnen CO2 aus, aber die Welt kann von unseren Produkten profitieren. Wir erleichtern Zugang zu Wissen und erhöhen somit Bildung“. Paul Yillia vom IIASA merkte an, wenige würden an eine Transformation glauben, jedoch sei sie schon voll im Gange. Technische Innovation könne eine Gesellschaft nach vorne katapultieren – oder zurück, wie die Atombombe.

Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass.

Der Politikprofessor Ulrich Brand analysierte diesbezüglich, dass die Globalisierung der letzten 30 Jahre von Technologie getrieben war und Wohlstand geschaffen habe – jedoch auf Kosten der Natur, und auf sehr ungleiche, kontroversielle Weise. Außerdem gehe das Bewusstsein der Gesellschaft nicht in Richtung Nachhaltigkeit. Er zitierte Stefan Lessenich: „Neben uns die Sintflut.“ Die nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) blieben mit der „Green Economy“ innerhalb der kapitalistischen Wachstumslogik. Der Klimaprozess der UN sei selektiv: Veränderung betreffe etwa Deutschland, aber nicht Brasilien; sie betreffe Energie, aber nicht Mobilität. Neben Bildung und Technologie brauche es eine Veränderung von Machtstrukturen. Die SDGs seien zwar wichtig, würden aber Strukturen und Logiken nicht im Kern hinterfragen.

Unternehmen im Dilemma.

Infineon hätte sich selbst dazu entschieden, an den Bereichen Energie, Mobilität und Sicherheit zu arbeiten, so Rohringer. Mineralien zu verwenden, die soziale Standards erfüllen, sei jedoch sehr teuer und arbeitsaufwendig. Da sie mit Unternehmen weltweit in Konkurrenz stehen, sei es schwierig, profitabel zu bleiben. Yillia stimmte zu: Vielen Kunden seien diese Standards nicht so wichtig. Daher brauche es Regeln, am besten auf globaler Ebene. Brand benannte hier zwei Hauptprobleme: Wachstumslogik zu jedem Preis; und wirtschaftliche Macht wandle sich oft in politische Macht um. Auch Miranda appellierte schließlich für einen größeren Wandel. Wir befänden uns in einem dramatischen Momentum: „Wir führen Krieg gegen die Erde!“. Die Spielregeln seien schlecht für die Umwelt und gehörten daher geändert, um ein gutes Leben für alle zu ermöglichen. Dieser Wandel werde aber weder von Regierungen, noch von Unternehmen kommen, sondern von der Zivilgesellschaft.

Verhalten und wahre Bedürnisse.

In der anschließenden Diskussion mit dem Publikum kam die Frage auf, wie man Verhalten von Gesellschaften ändern könne. „Man kann gesellschaftlichen Wandel nicht erzwingen“, meinte Yillia. Technologie könne helfen, Verhalten im Kleinen zu ändern. Brand warnte davor, als arrogante Öko-Elite anderen vorzuschreiben, wie sie zu leben hätten: „Wir als Gesellschaft brauchen eine positive Geschichte“, forderte er. Infrastruktur, wie günstige öffentliche Verkehrsmittel, sei eine Möglichkeit. Rohringer fügte hinzu, es wäre unfair, die Situation einzufrieren, mit derart ungleichen Wohlstandsverhältnissen. Menschen hätten noch unbefriedigte Wünsche.

Worauf Miranda erwiderte, dass für manche Wünsche indigene Völker in Brasilien von Konzernen attackiert werden. Es sei kein menschliches Bedürfnis, ein iPhone 7, 8 oder 9 zu besitzen. Kapitalismus sei nicht demokratisch, es gäbe dabei VerliererInnen und die Gewalt nehme zu. Auch eine spirituelle Transformation sei also notwendig, auf der Suche danach, was unsere wahren Bedürfnisse sind. Sie schloss mit der Frage, wie eine globale Bewegung für Harmonie mit der Umwelt entstehen könne.


Die Autorin studiert ‚Socio-Ecological Economics and Policy‘ und ist Mitglied im Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 


 

Weiterführende Links:

– Zur Seite der Entwicklungstagung: www.entwicklungstagung.at

– Zu weiteren Artikeln über die Tagung: https://www.pfz.at/list193.htm

–    Österreichische Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung: https://www.oefse.at/

–    Infineon: https://www.infineon.com/cms/austria/de/

–    International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA): https://www.iiasa.ac.at/

–    Buchvorstellung „Imperiale Lebensweise“ von Ulrich Brand/Markus Wissen: https://www.pfz.at/article1900.htm

–    Zu den nachhaltigen Entwicklungszielen (SDGs): https://sustainabledevelopment.un.org/?menu=1300

 


Fotos: Fabian Franta © Paulo Freire Zentrum

Veröffentlicht in Dokumentation, Entwicklungstagung 2017, Sozial-ökologische Transformationen.