Tagung des Umbruchs

Von 14. bis 16. November 2014 fand in Salzburg die 6. Österreichische Entwicklungstagung statt. Über 300 TeilnehmerInnen beteiligten sich an den Diskussionen über Umbrüche in der Weltgesellschaft und den notwendigen Aufbruch zu einem neuen Entwicklungsverständnis. Ein Rückblick aus Sicht des Veranstalters.Die Welt ist im Umbruch, dies war die Prämisse der diesjährigen Entwicklungstagung, die auf 25.000 Flyern wie in den Web- und Mailinfos zur Tagung zu lesen war. Doch was bedeutet das? Der erste Abend der Großveranstaltung befasste sich mit der Frage, was sich eigentlich in der Weltordnung geändert hat. Die Krise der alten Staaten des Zentrums, der Aufstieg der BRICS-Staaten bieten dazu ebenso Anlass wie zahlreiche neue militärische Konflikte. Die Eröffnungsrednerin Susanne Scholl (ehem. ORF-Journalistin) legte ihren Fokus auf den Ukraine-Konflikt und sah dahinter eine Fortführung der russischen Interessen aus der Zeit des Kalten Krieges. Für sie stellte das Jahr 1989 den großen Umbruch dar, nicht aber die gegenwärtigen Ereignisse.

Vier Perspektiven auf den Umbruch

Das daran anschließende diskursive Quartett legte andere Maßstäbe an, um den Umbruch in vier Dimensionen zu analysieren: Wolfram Schaffar (IE, Uni Wien) benannte gemeinsame Punkte jener sozialen Bewegungen, die an sehr unterschiedlichen Orten für Demokratisierung und gegen die alten Eliten auftreten, was für die Bewegung in Thailand ebenso gilt wie für den „arabischen Frühling“ oder die 15-M-Proteste in Spanien, nicht aber für die verschiedenen „farbigen Revolutionen“ in ex-sowjetischen Transformationsstaaten. Samia al-Botmeh (Birzeit Uni, Palästina) thematisierte den Israel-Palästina-Konflikt und kritisierte Entwicklung als technokratischen Eingriff: In Palästina integriere Entwicklung die Strukturen der Kolonisation und legitimiere diese damit. Anschließend machte Christa Wichterich (Uni Kassel) auf die ökonomische Dimension der Umbrüche aufmerksam, insbesondere auch im Hinblick auf Geschlechter-Verhältnisse: Das Narrativ „China rising, India shining, Africa rising“, das mehr soziale Gerechtigkeit und Umverteilung – in Lateinamerika durch Ressourcenextraktivismus – verspreche, führe zu massiver sozialer Ungleichheit und einem destruktiven gesellschaftlichen Naturverhältnis. Zuletzt konfrontierte Brian Ashley (AIDC, Südafrika) das Publikum mit der ökologischen Krise und erinnerte daran, dass es 2 vor 12 sei, um das Weltklima zu retten. Er verdeutlichte, dass wir derzeit eine extreme Kommodifizierung aller Lebensbereiche erleiden. Deutlich wurde in diesem diskursiven Quartett, dass sich der Umbruch auf mehreren Ebenen beobachten lässt.

Landschaftsbetrachtungen

Der Eröffnungsabend hatte nicht die Absicht, Optimismus aufkommen zu lassen; vielmehr sollten Denkanstöße für die Analyse der neuen Weltverhältnisse gegeben werden. Der zweite Tag hingegen widmete sich dem sehr konkreten Feld der Entwicklungspolitik: Unter dem Titel „Die Entwicklungslandschaft im Umbruch“ gab Jens Martens vom Global Policy Forum, Bonn, einen Überblick über die jüngsten Akzentverschiebungen in der Debatte. Insbesondere die Sustainable Development Goals sollen die ökologische Dimension klar integrieren, gleichzeitig aber nun auch die Staaten des alten Zentrum in die Pflicht nehmen, denn sie sollten für alle Staaten der Welt gelten, im Gegensatz zu den Millennium Goals, die ja lediglich Zielbestimmungen für die Entwicklungsländer darstellten. Martens machte auf die strukturellen Schwächen des neuen Ansatzes ebenso aufmerksam wie auf die Notwendigkeit, eine umfassende Transformation des sozial-ökologischen Modells einzuleiten. Offen bleibe in den Debatten, welcher Art diese neue große Transformation sein soll, ob sie Green Growth oder Post Growth meint.

Nach Ergänzungen und Kommentaren aus der Sicht des Umweltministeriums, der Perspektive des Buen Vivir-Konzeptes und der feministischen Entwicklungskritik folgte eine „Elefantenrunde“, in der die Sicht von policy Akteuren debattiert wurden. Neben den entwicklungspolitischen Abgeordneten von SPÖ, ÖVP und Grünen brachten sich auch Robert Zeiner (ADA) und Heinz Hödl (CIDSE) ein. Zeiner argumentierte, weshalb Unternehmen verstärkt für Entwicklung in den Dienst genommen werden müssen, und erklärte, dass Wirtschaft nicht nur Profitmaximierung bedeute, sondern auch sorgsamen Umgang mit Ressourcen. Hödl forderte von NGOs, dass sie sich in Zukunft stärker als Solidaritätsakteure für soziale Bewegungen des Südens verstehen müssen; das herkömmliche Entwicklungsmodell sei dabei vehement in Frage zu stellen. Kirchliche EZA bedeute heute, den legitimen Widerstand gegen staatliche Gewalt zu unterstützen. Die drei Nationalsrats-Abgeordneten thematisierten die Schwierigkeiten zu Kohärenz in der Entwicklungspolitik zu gelangen, was zumindest eine heftige Reaktion im Plenum auslöste: Sei dies nicht fadenscheinig und seien nicht Aktionsformen jenseits der formellen Politik notwendig?

Der Nachmittag war der Vertiefung all dieser doch recht unterschiedlichen und mitunter auch widersprüchlichen Konzepte gewidmet. In 14 Foren und Workshops wurde präsentiert und debattiert, in einem davon auch über die Entwicklungszusammenarbeit zu Gericht gesessen. Das Urteil lautete auf Freispruch, doch der Ankläger sei in die Berufung gegangen, wurde am nächsten Morgen berichtet.

Entwicklung im Aufbruch

So lautet das Motto des letzten Vormittages. Im Zentrum stand der Vortrag von Pablo Solón von Focus on the Global South. Als ehemaliger Vertreter Boliviens bei den Vereinten Nationen wusste Solón bestens über das mit der Regierung Evo Morales in Bolivien prominent gewordene Entwicklungskonzept des Buen Vivirs Bescheid, aber auch über dessen Grenzen. Buen Vivir sei ein integrales Entwicklungskonzept, das sechs Dimensionen des Mensch-Natur-Verhältnisses einschließe. Aber es wisse nicht, wie der Übergang von der kapitalistischen Ökonomie gelingen könne. Solón schilderte eindrücklich das Dilemma der Regierung Boliviens, einerseits nach Harmonie mit der Natur zu streben, andrerseits die Erdölvorräte fördern zu müssen, um die Armut bekämpfen zu können.

Nach vier Präsentationen von JungforscherInnen schloss der Perspektivendialog die Tagung ab: Samantha Hargreaves (WOMIN, Südafrika) thematisierte die verheerende Wirkung der extraktiven Industrie und skizzierte als Alternative einen post-extraktivistischen Ökofeminismus. Johannes Trimmel (CONCORD) forderte von Entwicklungspolitik, weit umfassender zu denken und zu agieren. Dies machte er am Beispiel der Inklusion deutlich, denn es gehe nicht nur darum, behinderten Menschen im Süden Platz in sozialen Räumen zu geben, sondern auch in Österreich die Sonderschule und damit die Segregation von behinderten SchülerInnen abzuschaffen. Zuletzt verwies Friederike Habermann auf die Notwendigkeit, weniger zu helfen, sondern sich sozialen Kämpfen anzuschließen. Es gehe nicht um politischen Willen, sondern um die Systemfrage.

Deutlich wurde in diesen drei Tagen vor allem eines: Das alte Verständnis von Entwicklung als technokratischer Prozess ist Teil des Problems, ein Aufbruch zu einem neuen Verständnis von Entwicklung ist notwendig!

Der Autor ist Direktor des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

Medienspiegel:



– Ohne Frieden keine Entwicklung: https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20141110_OTS0028/ohne-frieden-keine-entwicklung

– Weitere Presseaussendungen: https://www.ots.at/suche?query=Entwicklungstagung&from=20.08.2014&to=20.11.2014&filter=&searchchannel=politik

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