Daniel Keftassa ist Agronom und Entwicklungsberater aus Äthiopien. Wie es ihm gelingt, die Bedürfnisse und Interessen der lokalen Bevölkerung in Projekten aufzugreifen und was hinter dem community based approach steckt, erzählte er auf der 5. Entwicklungstagung.Das volle Klassenzimmer im Schulzentrum Krems stimmte die TeilnehmerInnen bereits auf ein Thema ein, das auch im Workshop eine wesentliche Rolle spielte: Bildung. In Äthiopien sind die Bildungschancen ungleich verteilt und besonders für Mädchen und Frauen am Land sehr gering. Als Alternative zum mangelhaften öffentlichen Bildungswesen im ländlichen Raum stellten Daniel Keftassa und Wolfgang Böhm, langjähriger Mitarbeiter der Dreikönigsaktion, informelle Lerngruppen vor. Böhm eröffnete den Workshop mit einer Fotopräsentation von seinen Besuchen in Äthiopien. Er kommentierte sie erst mit allgemein Wissenswertem zu Äthiopiens Ethnien, ihrer Kultur und sozialen Strukturen. Dann gab er einen Einblick in konkrete Projekte, die die Dreikönigsaktion zusammen mit der von Keftassa gegründeten NGO HEfDA (Harmee Education for Development Association) durchführt. HefDA richtet sich an Mädchen und junge Frauen, die von Bildung ausgeschlossen werden. Seit der Gründung der NGO vor fünf Jahren haben sich mittlerweile 26 informelle Lerngruppen formiert. Bildung wirke ermächtigend und eröffne neue Lebenschancen, sind Keftassa und Böhm ein Duo, das bereits seit 10 Jahren zusammenarbeitet, überzeugt. Neben dem Erlernen von Lesen und Schreiben werden auch Berufsausbildungen angeboten und der Weg in die berufliche Selbständigkeit unterstützt. Böhm sieht ein enormes ungenütztes Potential an Arbeitsplätzen in dem wenig entwickelten Dienstleistungssektor. Bilder von fröhlichen und stolzen Mädchengesichtern an ihrem neuen, eigenen Arbeitsplatz sollten den Erfolg des Projekts bezeugen. Böhm betonte, dass von den fünfzig Mädchen, die ein Berufstraining absolviert haben, nun alle ihr eigenes kleines Unternehmen hätten, meist Coffeeshops und Schönheitssalons.
Armut ist Machtlosigkeit
Nach den fotografischen Eindrücken übernahm Daniel Keftassa die Leitung und stellte die Prinzipien des community based approach vor. Der Konsulent kritisierte besonders, dass viele Entwicklungsprojekte von oben herab diktiert wurden und noch immer werden. Er hingegen setze auf den bottom-up approach, bei dem eine breite Partizipation aller betroffenen Menschen ermöglicht wird. Der erste und wesentliche Schritt sei, den Menschen wirklich zuzuhören und sie mit Würde und Wertschätzung zu behandeln. Im Gegensatz zu vielen Entwicklungsprojekten, die Mangel und Defizit ins Zentrum stellen, vertritt Keftassa einen positiven Zugang. Er baue auf dem vorhandenen Reichtum auf:,das Potential der Menschen und der Region. Armut definierte der Äthiopier als Machtlosigkeit. Entwicklungsprojekte verschlimmern folglich oft die Situation, indem den Menschen vermittelt wird, sie wären selbst nicht fähig, etwas zu ändern. Das wesentliche Ziel sei hingegen, die Menschen zu ermächtigen, sodass sie sich selbst in der Lage sehen, zu handeln und sich zu organisieren. Seine gemeindebasierten Projekte seien völlig transparent und beziehen die Menschen im gesamten Prozess mit ein. Durch die so erzielte Identifikation der Leute mit ihrem Projekt werde auch dessen Dauerhaftigkeit gesichert, ist der Agronom überzeugt.
Strukturelle Barrieren partizipativer Entwicklungsplanung
Auch bei den Finanzen sollen die Menschen größtmögliches Mitspracherecht haben. So wurde ein offener Fonds eingerichtet, der 30 % aller Fördermittel an Projekte vergibt, die im Vorhinein noch nicht klar definiert sind. Denn sie werden erst in einem community development action plan mit der Bevölkerung ausgearbeitet. Dieser interaktive Lernprozess ist aber mit bürokratischen Hürden konfrontiert. In der starren Förderstruktur der Entwicklungszusammenarbeit müssen Projekte üblicherweise bereits im Förderantrag detailliert ausformuliert sein, womit sie eine partizipative Entwicklungsplanung von vornherein behindern. Wesentliche Prozesse der Gemeinde- und Gemeinschaftsarbeit beinhalten Kommunikation, Socializing, Ermächtigung und Bewusstseinsbildung. Diese werden jedoch in der ergebnisorientierten Entwicklungszusammenarbeit nicht honoriert. Erfolge, die nicht auf Fotos festgehalten werden können, bleiben unsichtbar, kritisierte Daniel Keftassa. Dennoch gelang es, Finanzmittel der EU-Entwicklungszusammenarbeit für den unkonventionellen Open Fund zu gewinnen. Dieser Erfolg dürfte nicht zuletzt mit Keftassas langjährigen Erfahrung im Umgang mit Institutionen und Fördergebern zusammenhängen. Er betonte, dass eine gute Beziehung zu den RegionalpolitikerInnen sehr wichtig sei. Seine Strategie sei, nah an ihnen zu arbeiten und sie über seine Tätigkeiten auf dem Laufenden zu halten. Es gelte, die guten Absichten der Regierung, wie eine bessere Bildung, zu nutzen, aber sie anders umzusetzen. PolitikerInnen würden seine Projekte oft würdigen und auch davon lernen.
Keftassa glaubt an die Kraft des Voneinanderlernens. Gegen Ende des Workshops erwähnte er mit einem Lächeln: Wenn wir sehr laut über diese Dinge sprechen, denkt nicht, wir wären Experten. Wir sind Lernende.
Die Autorin ist Mitglied des online-Redaktionsteams des Freire Zentrums.