Zur Entkolonialisierung des Systems der EZA (Workshop 14)

Wie viel Kolonialismus steckt in der Entwicklungszusammenarbeit? In diesem Workshop im Rahmen der Entwicklungstagung wurden nicht nur die Begriffe Nachhaltigkeit und Entwicklung kritisch beleuchtet, sondern auch die Frage nach möglichen Utopien und Ideologien, von denen wir lernen können, gestellt.Der Leiter dieses Workshops war Hans Eder, Direktor des Vereins INTERSOL. Durch seine Erfahrungen in Südamerika konnte er Beispiele einbringen, wodurch der Workshop sehr lebendig wurde und einige Diskussionen entstanden. Nach 65 Jahren Entwicklungszusammenarbeit und -politik müsse endlich damit aufgehört werden, ein unbrauchbares System zu reproduzieren. Außerdem müsse man einen zweiten Blick auf Zahlen und Evaluationsergebnissen werfen, da Misserfolge oft als Erfolge dargestellt würden.

Misserfolge erfolgreich kaschieren

Eder begründete dies am Beispiel Hunger: Bei der Evaluierung der Millenium Development Goals (MDGs) kamen ExpertInnen zum Ergebnis, dass die Anzahl von Hungernden von 19% (1990) auf 12% (2013) vermindert wurde. Jedoch sollte man nicht nur die Ergebnisse als gegeben hinnehmen, sondern sich darauf konzentrieren, wie diese Zahlen entstanden sind. Für die Statistik wurde die Annahme der stetigen Urbanisierung als Faktor verwendet. Diese Annahme verfälsche jedoch die Zahlen, da davon ausgegangen werde, dass die Menschen in Städten weniger kcal/Tag verbrauchen, als jene, die in der Landwirtschaft arbeiten. Bei gleichbleibenden Kalorienverbrauch pro Tag wie 1990, würde man auf 1,3 Mrd. Hunger leidende Menschen kommen. Mit dem Faktor Urbanisierung seien es aber „nur“ 842 Mio. hungerleidende Menschen. Sein Fazit: Das Scheitern der „Hungerbekämpfungs-Strategien“ sei augenfällig; die Irreführung der Öffentlichkeit ebenso. Die Lösung der Hunger-Frage sei eine der Schlüsselfragen globaler Gerechtigkeit. Doch was für eine Lösung braucht es? Für Eder war klar, dass man die Hungerkrise nicht mit denselben Philosophien, Ideologien, Systemen, Institutionen, Instrumenten und Projekten bekämpfen kann, die sie verursacht haben: Eine radikale Abkehr der Entwicklungspraxis sei der einzig richtige Weg.

Was ist Entwicklung?

Um das Problem zu verstehen, brauche es eine Analyse des Entwicklungsbegriffs. Eder gab eine kurze Einführung in die Geschichte der Entwicklungszusammenarbeit und des Entwicklungsbegriffs. Dabei stellte er abschließend fest: „Entwicklung ist mehr Teil des Problems als die Lösung. Sie ist vor Allem ein `Apendix` der Wirtschaft, Politik und Diplomatie“. Bestenfalls sei sie, Eder zitierte damit Gilbert Rist, „ein toter Stern, dessen Schein wir noch aufnehmen, obwohl er eigentlich schon lange Zeit und für immer tot ist“. Darauf fügte er noch hinzu, wir sollten uns keine Illusionen machen, in einer neo-liberal globalisierten Welt könne es keine spezifische auf Gemeinwohl orientierte „Süd-Politik“ geben.

Zur Brauchbarkeit des Begriffes Nachhaltigkeit

Im Anschluss darauf stellte Eder das Prinzip der Nachhaltigkeit zur Diskussion. Heutzutage nehme fast jeder Mensch den Begriff Nachhaltigkeit in den Mund, ohne dass die Meisten wissen, was der Begriff wirklich bedeute. Dadurch werde dieser Begriff immer mehr zu einen „Allerweltsbegriff“ und inspiriere immer weniger Menschen. Resümierend stellte er fest, dass die reformistischen Gruppen die Begriffe „nachhaltig“, „sozial“ oder auch die Resilienz-Fähigkeit des EZA-Systems inflationär benutzen, dadurch würden diese Begriffe neutralisiert. Nicht nur der Begriff „Nachhaltigkeit“ verliere so den „Biss“, sondern auch Begriffe wie „Gerechtigkeit“, „Soziale Verantwortung“ und „nachhaltige Entwicklung“.

Alternativen zu Entwicklung statt alternative Entwicklung

Seitens der links-/mitte-links-orientierten gesellschaftlichen Gruppen würde zwar Kritik am neo-liberalen System geübt, die angebotenen Lösungen in Bezug auf Entwicklungsfragen, wie den „Neo-Desarrollismo“, der eine Reform lateinamerikanischer Entwicklungskonzepte aus den 1960er Jahren propagiere, seien jedoch illusorisch. Eine Rückkehr oder Aktualisierung dieses Konzepts vergesse dessen negativen Auswirkungen. Dieses und ähnliche Konzepte basieren weiterhin auf einem räuberischen Wachstumsparadigma. Nur eine Abkehr davon könne eine „echte“ Nachhaltigkeit auf allen Ebenen zu erreichen. Er nannte Beispiele für anti-produktivistische und anti-kapitalistische Alternativen zu Entwicklung in Italien und Frankreich, die Solidarwirtschaft und Gemeinwohl-Ökonomie umsetzen. Wichige Faktoren dafür seien eine andere Technik und Rationalität , eine andere „Sinnstiftung“, andere „Lebensweisen“, eine andere Konzeption des „Fortschritts“, eine andere Vorstellung von Raum und Zeit (z.B. Pachamama), eine andere „Kosmovision“. Kurz: Ein anderes „Seins-Verständnis“.

Als positives Beispiel nannte er das Konzept des Guten Lebens (Buen Vivir), das ohne den Entwicklungsbegriff auskomme. Er verglich diese andine Kosmovision mit der westliche (Entwicklungs)Philosophie und kam zum Schluss: Reformorientierte, systemtreue Veränderungsversuche seien nicht nur visions- sondern auch erfolglos. Und: Sie reproduzieren kolonialistisches Weltverständnis.

Von der Dependenz zur Befreiung

Am Ende des Workshops wurde über Utopien und Ideologien jenseits eines kolonialistischen Entwicklungsverständnisses gesprochen. Eder stellte viele unterschiedliche Alternativen zu Entwicklung vor, unter anderem das Konzept des Buen Vivir, die Solidarwirtschaft, die Gemeinwohlökonomie und allgemein Initiativen, Kooperationsmodelle und Sachbereiche (Biolandbau, Permakultur; erneuerbare Energie, innovative Wasserwirtschaft; interkultureller Tourismus u.a.), die bereits bestehen und besonders gefördert werden sollen – und ohne „Entwicklung“ klassicher Art auskommen. Schließlich ging er auch auf die Projekte von INTERSOL ein, die ihm zeigten, dass eine solidarische Welt möglich sei. Eder schloss mit den Worten: „Machen wir uns auf dem Weg. Nichts hängt von uns ab, aber es kommt auf uns an“.

Der Autor dieses resümierenden Berichtes ist ein Student der Universität Salzburg. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

Weiterführende Links:

– Webseite des Verein INTERSOL

– Zum Konzept des Buen Vivir, zwei Artikel von Jonathan Scalet und Rafaela Bruckdorfer

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik, Entwicklungstagung 2014, Dokumentation, Gutes Leben für Alle, Themen.