Politische Bildung über den nationalen Tellerrand Workshop 3

In Workshop 3 wurde in das Konzept des Globalen Lernens eingeführt und über Inhalte und Aufgaben der Politischen Bildung im globalen Kontext diskutiert. Wie können die nationalstaatlich geprägten Strukturen der Politischen Bildung auf transnationaler Ebene angewandt werden?Die TeilnehmerInnen des Workshops Politische Bildung über den nationalen Tellerrand, der von Hakan Gürses von der Österreichischen Gesellschaft für politische Bildung (ÖGPB) und Heidi Grobbauer von KommEnt (Gesellschaft für Kommunikation, Entwicklung und dialogische Bildung) geleitet wurde, bildeten eine sehr heterogene Gruppe. Das Spektrum erstreckte sich von VertreterInnen entwicklungspolitischer NGOs und Einrichtungen der emanzipatorischen Frauenarbeit bis hin zu StudentInnen, LehrerInnen und PraktikerInnen aus der Erwachsenenbildung.

Nach einem Kurzfilm zum Thema Ist Demokratie gut für alle? führte Hakan Gürses in das Konzept der Politischen Bildung ein, um die TeilnehmerInnen auf einen Wissensstand zu bringen. Anschließend wurde in Kleingruppen die Frage Ist Demokratie gut für alle? auf  nationaler und globaler Ebene diskutiert. Heidi Grobbauer schloss mit einem Input zum Konzept des Globalen Lernens an.

Gürses versuchte in seiner Einführung zwischen verschiedenen Politikbereichen zu differenzieren und Begriffe zu klären. Was wird unter Politischer Bildung überhaupt verstanden? Ist Politik im Sinne der griechischen Polis zu verstehen in der Polis für die Polis handeln und hat folglich das Gemeinwohl zum Ziel?

Die Betätigungs- und Analysefelder der Politischen Bildung könnte man grob in drei Bereiche einteilen: Erstens die  Analytik, die sich mit der Analyse von Politikbereichen und Ereignissen beschäftigt, zweitens die Politik als professionelles Feld (damit sind z. B. Politikinstitutionen gemeint) und drittens das Politische an sich, sprich das Feld von Handlung und Möglichkeit im politischen Bereich. AkteurInnen können in diesem Bereich z. B. soziale Bewegungen sein.

Kontext

Der Begriff der Politischen Bildung hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert. Im klassischen Sinn fällt darunter die Erziehung zur/ zum mündigen StaatsbürgerIn. Politische Bildung soll zur Partizipation in einem demokratischen System befähigen. Dies inkludiert auch die Analyse und kritische Reflexion von Politikbereichen. In Österreich wurde Politische Bildung als Unterrichtsprinzip 1978 eingeführt, bezog sich aber vor allem auf den nationalstaatlichen Rahmen und war/ ist stark auf die Aufarbeitung der politisch-gesellschaftlichen Vergangenheit ausgerichtet. Bezugsrahmen ist in diesem Verständnis das nationale Politiksystem, so Gürses.

Die Beschäftigung mit transnationalen Themen, wie Entwicklungspolitik und -pädagogik oder globalen Lernkonzepten wurde in der Politischen Bildungsarbeit erst in jüngster Zeit mehr beachtet.

Die Ziele des Globalen Lernens sind denen der Politischen Bildung sehr ähnlich, erklärte Grobbauer. In diesem integrativen Konzept werden Strategien verfolgt, um pädagogisch angemessen auf die Herausforderungen der Globalisierung und die Komplexitätssteigerung in unserer Welt zu reagieren. Diese Definition formulierte Annette Scheunpflug, Professorin an der Universität Erlangen-Nürnberg und wissenschaftliche Pionierin im Bereich des Globalen Lernens. Verantwortliches, reflektiertes Handeln und Bewusstseinsbildung stehen auch hier im Vordergrund, setzen aber globaler als in der klassischen Politischen Bildung an. Es soll erlernt werden mit neuen Herausforderungen einer vernetzten Welt, wie z.B. Entgrenzung und Entortung durch ein Plus an Mobilität, dem raschem gesellschaftlichen und sozialen Wandel und damit einhergehenden neuen Konzepten von z. B. Vertrautheit / Fremdheit umzugehen. In der Umsetzung gibt es beim Globalen Lernen große Unterschiede und Ziele, die von pragmatischen Modellen zur (Schlüssel-)Kompetenzvermittlung bis zu global-solidarischen Handlungsstrategien reichen.

Obwohl bei Politischer Bildung und Globalem Lernen viele Anknüpfungspunkte vorhanden sind, scheinen die verschiedenen Konzepte und ihre AkteurInnen großteils isoliert voneinander. Während Kooperationen in Einzelinitiativen und wissenschaftlichen Projekten oft sehr gut funktionieren, sind sie im institutionellen Bereich (z.B. Schule) nur sehr beschränkt zu finden. So berichteten einige TeilnehmerInnen des Workshops von unzureichenden Informationen, Angeboten und fehlender Unterstützung in ihren Arbeitsfeldern. Erfolgreiche Zusammenarbeit in diesen Bereichen beruhe meist auf persönlichem Engagement und unbezahlter Arbeit, so der Tenor.

Diskussion Demokratie

Im Zuge der Diskussion um Demokratie und politische Partizipation wurde ebenfalls erwähnt, dass auch im heutigen Verständnis Demokratie nicht bedeutet, dass jedeR am System teilhaben kann. Personen, die schon lange legal in Österreich leben, werden z. B. von der Partizipation an nationalen Wahlen ausgeschlossen, wenn sie keine österreichischen StaatsbürgerInnen sind. Demokratie funktioniert immer noch in großen Teilen als Container, der im nationalstaatlichen Rahmen durchaus ein- und ausschließt.

Leider konnte die spannende Debatte um Macht und Gerechtigkeit in Bildungs- und Politikkonzepten und deren Umsetzung auf praktischer Ebene aus Zeitmangel nicht mehr fortgeführt werden. Praxisbeispiele wurden nur angerissen hier besteht aber offensichtlich großer Informations- und Diskussionsbedarf.

Eines haben wir allerdings aus diesem Workshop sicher mitgenommen: Globales Lernen ist ein dynamisches Konzept, das sich aus den Anforderungen einer transnational-vernetzten Welt generiert. Und auch Politische Bildung kann in einer modernen Auffassung nur in diesem Sinne verstanden und weiterentwickelt werden. Eine bessere Vernetzung der beiden Bereiche ist wünschenswert und sollte auf einer niederschwelligen Ebene auch PraktikerInnen einbeziehen, um geselllschaftlich relevant agieren zu können.

Die Autorin ist Studentin/ Diplomandin der Internationale Entwicklung, Universität Wien.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik, Dokumentation.