Plenarvortrag: Frieden und Konfliktmanagement – Women, Peace & Security.

Am 31. Oktober 2000 bekräftigte die UN mit der Resolution 1325 „on women and peace and security“ die Rolle der Frauen für Konfliktlösung und Friedenserhalt. Damit wurde auch die Notwendigkeit ihrer Partizipation in Friedensprozessen sowie Maßnahmen zum Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt, vor allem in Konfliktzonen, betont. Angesichts der von Aufrüstung und Kriegen geprägten Gegenwart behandelte das Panel „Women, Peace and Security“ am Sonntagmorgen der Entwicklungstagung die Themen Konflikte und Konfliktlösung aus einer feministischen Perspektive. Moderiert von Rina Alluri (Universität Innsbruck) hielten Shubhra Dwivedy (SEEDS) und Radwa Khaled-Ibrahim (medico international) Vorträge zu spezifischen Aspekten dieser Thematik, gefolgt von einer Frage- und Antwortrunde.

„Hoffnung ist das Einzige, was uns erhält.“

Dabei bewegten sich die Referentinnen in ihren Vorträgen sowohl auf der großen als auch auf der kleinen Weltbühne. Gewalt finde nämlich, wie in der Vorstellung des Panels betont wurde, nicht nur auf nationalstaatlicher, sondern auch auf alltäglicher Ebene statt und sei mal sichtbar, mal unsichtbar. Die erste Rednerin, Shubhra Dwivedy, ist die Gründerin der indischen NGO SEEDS (Socio Economic & Education Development Society), die sich mit regionalen Aspekten von genderspezifischer Gewalt und Friedensbildung beschäftigt. Während Indien zum Teil Fortschritte bezüglich des SDGs 16 gemacht hätte, würden bestimmte Kernbereiche weiterhin vernachlässigt werden, unter anderem was geschlechtsspezifische Gewalt, institutionelle Veränderungen und zivilgesellschaftliches Engagement betrifft.

SEEDS ist in Jharkhand, einem der ärmsten Bundesstaaten Indiens, ansässig. 26% seiner Bevölkerung sind Indigene, die meisten leben in ländlichen Gegenden. Geschlechterungleichheit und Marginalisierung von Frauen und Mädchen sind, so Dwivedy, ein großes Problem in Jharkhand, inklusive Arbeitsplatzdiskriminierung und sexualisierter Gewalt. SEEDS „Graswurzel-Methodik“ basiert auf community-Arbeit, wobei das Arbeitsfeld der Geschlechtergleichheit um die 40 Dörfer mit über 7500 Familien umfasst. Dabei wird auf das patriarchale Heim fokussiert, wo Geschlechterrollen gelernt und neu gedacht werden können. Der Schlüssel zum Erfolg seien „community mobilization“ und „community participation“, also Mobilisierung und Teilhabe der Gemeinschaften. Durch die Zusammenarbeit mit einer Vielzahl an Akteur*innen sollen schädliche Geschlechtereinstellungen, die geschlechtsspezifische Gewalt aufrechterhalten, transformiert werden. Genutzt werden dafür Interventionen, wie Trainingsprogramme für Männer und Frauen. Zentrale Bildungsaspekte sind unter anderem die gerechte Aufteilung von Haushaltsarbeiten, gleiche Gehälter in der Landarbeit und die Inklusion von Frauen im traditionellen Stammesregierungssystem. Dwivedy beschreibt einschlägige Ergebnisse, die aus den Programmen von SEEDS resultierten, so wie die 97% der Burschen, die dort 2025 im Haushalt mithalfen (die Zahl lag zwei Jahre zuvor noch bei 0%). Ein wichtiger Kampf sei außerdem jener gegen das gesellschaftlich ermutigte Schweigen bezüglich geschlechtsspezifischer Gewalt.

Immer wieder betonte Dwivedy die Bedeutung von Hoffnung und Optimismus, nicht nur als Lebensphilosophie, sondern als gelebte Praxis: „Experience shows that optimism is not merely wishful thinking, it is a signpost pointing towards action, a commitment to a better state of being for all who inhabit this planet […]. The most compelling evidence for the possibility of hope in an otherwise bleak scenario is hope itself”.

“Wir müssen Frieden wieder als ein radikales Projekt begreifen“.

„Wir leben in einer Zeit, in der das Versprechen des multilateralen Systems bröckelt. Der liberale Zuckermantel […] schmilzt unter der brennenden Sonne des Rechtsrucks und der Zeitenwende. Darunter tritt eine harte, aber für die meisten auf der Welt bekannte Realität von Machtpolitik, Sicherheitslogik, Kapitalinteresse und geopolitischer Konkurrenz hervor.“ Mit diesen eindrücklichen Worten eröffnete Radwa Khaled-Ibrahim ihren Vortrag. Die Thematik des Feminismus leitete sie in Zusammenhang mit der vermeintlichen Verteidigung liberaler Werte als Rechtfertigung für Kriege ein. Dieser Rechtfertigungsdruck falle nun weg, nationale Interessenspolitiken würden offen dargelegt, die Vorstellung einer progressiven Weltgemeinschaft sei irrelevant geworden. In Bezug auf Entwicklungspolitik führte sie den Begriff der Nekropolitik von Achille Mbembe ein und sprach von einer „Verwaltung des Sterbens“: „Die Entscheidung darüber, wessen Leben schützenswert ist, fällt entlang nationsreformulierender, geoökonomischer und geopolitischer Linien“. Reguliert werde nun, wo Leben, Unsicherheit und Tod akzeptiert oder vorangetrieben werden.

Dann kam Khaled-Ibrahim zur Resolution 1325. Während sie einerseits ein historischer Meilenstein gewesen sei, betonte sie deren ernüchternde Bilanz nach 25 Jahren. Dabei nannte sie einige Problemfelder in der Umsetzung: die fortschreitende Militarisierung, die fehlende Wirksamkeit aufgrund oberflächlicher Umsetzung, patriarchale und politische Hindernisse sowie fehlende Überwachungs- und Verantwortungsmechanismen. Khaled-Ibrahim sah die Antwort für die Frage nach der Friedenssicherung in der Verknüpfung von Kämpfen: „Transnational, zwischen feministischen und Klimagerechtigkeitsbewegungen, zwischen dem Streben nach einer gerechten ökonomischen Ordnung und Friedensarbeit“. Sie unterstrich die Notwendigkeit einer transformativen feministischen Kraft, die nicht an der individualistischen Ebene anknüpft, sondern die Strukturen verändert. Gewalt sei eine ökonomische und politische Logik. Obwohl diese demnach nicht nur in der Militarisierung verankert sei, präge sie den heutigen Zeitgeist. Was es brauche, um Strukturen des Friedens zu erkämpfen und zu verteidigen, seien transnationale Allianzen sowie eine politische Praxis mit einer starken Basis von unten.

Zwischen Dörfern und Transnationalität, zwischen individueller Förderung und struktureller Transformation.

In der anschließenden Fragerunde wurden bestimmte Aspekte der Vorträge noch weiter vertieft. So erzählte Dwivedy ausführlicher von der Inklusion von Männern in Programme zum Abbau patriarchaler Strukturen. Khaled-Ibrahim sprach von der schwindenden Handlungsmacht progressiver Kräfte und der Notwendigkeit, übergeordnete, multilaterale Institutionen nicht zu verabschieden, sondern sich in ihren Überresten einen Raum für ökonomische Transformationen (zum Beispiel Schulden- und Reparationsfragen) zu schaffen.

Ersichtlich war, dass sich die beiden Sprecherinnen auf unterschiedlichen Ebenen der Thematik bewegten. Dwivedy legte ihren Fokus auf die community-Arbeit auf der lokalen Ebene, während Khaled-Ibrahim sich mit mehrdimensionalen multilateralen, aber auch nationalen Strukturen beschäftigte. Dies stellte jedoch keine Unvereinbarkeit dieser Positionen dar, sondern erschien mehr als zwei Seiten derselben Medaille. So zitierte Radwa Khaled-Ibrahim die Politikwissenschaftlerin Dilar Dirik: „Ist Krieg in allen Bereichen des Lebens organisiert, werden sie alle Orte des Kampfes“. Erweitert man eine solche Herangehensweise um den Gewaltbegriff, ist man nicht mehr weit entfernt von Dwivedys Methode, das Heim und familiäre Verhältnisse als einen zentralen Anknüpfungspunkt für Friedensarbeit anzuerkennen. Trotzdem bleibt der schattenhafte Eindruck eines gewissen Spannungsverhältnisses zwischen individualistischen und strukturellen Ansätzen. Ihre Gemeinsamkeit besteht dennoch in dem Verständnis von Frieden als feministische, radikale und prozesshafte Praxis. Wie Dwivedy konkludierte: „There is no way to peace, peace is the way”.

 

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Titelbild © Maike Schönwolff

Die Veranstaltung war Teil der 9. Österreichischen Entwicklungstagung in Innsbruck. Alle Infos dazu gibt es hier.

 

Veröffentlicht in Entwicklungstagung 2025, Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen.