Welchen Beitrag können feministische Interventionen für alternative Entwicklungskonzepte leisten? In einem der Foren der 6. Österreichischen Entwicklungstagung am Samstagnachmittag wurde die Rolle feministischer Perspektiven auf sich ändernde globale Verhältnisse diskutiert.Die 15 Teilnehmerinnen versuchten mit den Referentinnen Christa Wichterich (Universität Kassel), Samantha Hargreaves (IANRA Johannesburg) und Diane Elson (Universität Essex) offene Fragen zu klären und Forderungen für den Perspektiven-Dialog am letzten Tag der Tagung zu formulieren.
Wo bleiben die männlichen Teilnehmer?
Nach einer Einleitung und Vorstellung von WIDE (Entwicklungspolitisches Netzwerk für Frauenrechte und feministische Perspektiven) durch die Moderatorin des Forums, Julia Günther, wurden alle Teilnehmerinnen gebeten sich zu überlegen, welche neuen Erkenntnisse sie bisher auf der Tagung gewonnen hatten und was in ihren Augen bisher unterbelichtet geblieben war. Zentrale Punkte waren Alternativen zum sogenannten white western feminism, die Rolle von Frauen im Privatsektor (vgl. Mikrokredite) und Frauen als Betroffene des Klimawandels. Allgemeiner Tenor war, dass feministischen Perspektiven bei der Tagung bisher nur wenig Raum gegeben wurde. Christa Wichterich betonte, wie wichtig es sei Machtverhältnisse zu analysieren, auch im Kontext alternativer Entwicklungskonzepte. Samantha Hargreaves verwies auf die vereinende Funktion einer globalen Krise und Diane Elson stellte die einfache Frage in den Raum, warum in diesem Forum kein einziger Mann anwesend sei.
Struktureller Zwang und unbezahlte Arbeit
Anschließend hielten die drei Referentinnen Impulsvorträge über verschiedene Bereiche feministischer Entwicklungskonzepte. Diane Elson begann mit einer Darstellung der Probleme in der Reproduktions- und Pflegearbeit. Dazu zählte sie unbezahlte Hausarbeit, landwirtschaftliche Reproduktionsarbeit und Pflegearbeit in der Familie. Es habe in den vergangenen Jahrzehnten zwar Fortschritte gegeben, jedoch liegen die zuvor genannten Arbeitsbereiche nach wie vor zum Großteil in Frauenhänden und würden meist schlecht oder gar nicht bezahlt. Auch scheinen diese Arbeitsbereiche in Statistiken selten auf. Als Charakteristika unbezahlter Arbeit nannte Elson Freiwilligkeit, Abhängigkeit und Zwang. Diese, auf den ersten Blick sehr konträren Begriffe würden oft innerhalb einer Familie in Wechselwirkung miteinander stehen. Nicht nur physischer sondern besonders struktureller Zwang spiele für viele Frauen eine zentrale Rolle. „Frauen haben duch den großen Anteil an unbezahlter Arbeit auch einen zusätzlichen Nachteil am Weltmarkt“, so Elson.
Frauen als Opfer von Extraktivismus
Der zweite Impulsvortrag wurde von Samantha Hargreaves gehalten, die in Südafrika mit Frauen, die von Extraktivismus betroffen sind, arbeitet. Extraktivismus meine die Ausbeutung von natürlichen Ressourcen, der Begriff komme aus Lateinamerika. „Extraktivismus stellt eines der Kernelemente des kapitalistischen Systems dar“, so Hargreaves. Sie beschrieb anhand des Projekts WOMIN (women in mining) die Auswirkungen von Extraktivismus auf Frauen und den Zusammenhang mit unbezahlter Arbeit. Oft vervielfachen sich die Hausarbeit und die Arbeit in der Landwirtschaft für Frauen durch Extraktivismus. Hargreaves erwähnte einen Fall in Kenia, wo eine Zementfabrik neben Getreidefeldern in Betrieb genommen wurde. Durch fehlende Sicherheitsstandards waren die Pflanzen auf den angrenzenden Feldern bald nach Inbetriebnahme der Fabrik mit einem feinen Zementfilm überzogen. Das Reinigen der Pflanzen, bevor diese verwertet werden konnten, sei Aufgabe der Frauen und erschwere die tägliche Arbeit auf den Feldern enorm. Abgesehen von der zusätzlichen Arbeit, komme es in Regionen mit großen Bergbauanlagen oder Mienen auch verstärkt zu Prostitution. Viele Männer finden Arbeit in Großprojekten, die meist in armen marginalisierten Gebieten realisiert werden. Das Verkaufen sexueller Dienstleistungen stelle in diesen Regionen für viele Frauen die einzige Einnahmequelle dar. „Gewalt in jeglicher Form ist fester Bestandteil des extraktivistischen Entwicklungsmodels. Es geht dabei nicht nur um Gewalt an Individuen, sondern auch an Ökosystemen, lokalen Gemeinschaften und dem Planeten als Ganzes“, folgerte Hargreaves.
Nachhaltigkeit statt Wachstum
Christa Wichterich sprach schließlich über die gegenwärtige weltumfassende Krise. Klima- und Umweltfragen seien dabei eng mit Wirtschaftskrisen und Kriegen verbunden. Wir befänden uns in einer Systemkrise. Doch Wichterich war optimistisch: „Wandel liegt in der Luft! Dieser Wandel kann aber nur durch nachhaltige Entwicklung von unten passieren“. Konzepte wie buen vivir und die care-revolution könnten dabei helfen. Beide Konzepte räumen der Natur eigene Rechte ein. Bei der care-revolution gehe es um die Aufwertung von Pflegearbeit und unbezahlter Hausarbeit. Das würde aber nicht mit kapitalistischen Wachstumsmodellen zusammenpassen, weswegen es zu einem radikalen Umdenken in Sachen Wirtschaft und Wachstum kommen müsse. Wichterich sah diese neue Agenda auf vier Säulen aufbauend: Diversität in der Ökonomie, Verantwortung für die Umwelt, partizipative Demokratie und soziale Gerechtigkeit.
Extraktivismus unbezahlter Arbeit
Alternative Entwicklungskonzepte könnten nicht ohne feministische Perspektiven gedacht werden – darüber waren sich alle am Forum Beteiligten einig. Außerdem müsse in Fragen zu extraktivistischen Entwicklungsmodellen immer die Rolle von Frauen mitbedacht werden. Ökologische Nachhaltigkeit müsse mit der Revolution der Pflegearbeit einhergehen, denn Extraktivismus bedeute nicht nur die Ausbeutung natürlicher Ressourcen, sondern auch die Ausbeutung von weiblich besetzter unbezahlter Arbeit.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Fotos: Valentina Duelli