
In der Veranstaltungsreihe „Pro und Contra Aktuelle Sachbücher im Gespräch“ wurde in der Hauptbücherei Wien am 21. Mai 2008 das Buch „Solidarische Ökonomie im globalisierten Kapitalismus“, herausgegeben von Dagmar Embshoff und Sven Giegold, vorgestellt.Der vor kurzem erschienene Sammelband ist die Dokumentation eines Kongresses über solidarische Ökonomie, der unter dem Titel „Wie Wollen Wir Wirtschaften?“ im November 2006 in Berlin stattgefunden hatte. Der Band stellt eine Vielfalt von solidarökonomischen Initiativen vor und dokumentiert eine Reflexion über Formen und Reichweite solidarischer Ökonomie in verschiedenen Teilen der Welt.
Ausgehend von diesem Sammelband wurde über Möglichkeiten solidarökonomischer Initiativen im vorherrschenden kapitalistischen Wirtschaftssystem diskutiert. Dieter Schrage vom Organisationsplenum des Solidarökonomie-Kongresses 2009 in Wien moderierte die Diskussion humorvoll und gut verständlich und sorgte für eine angenehme Stimmung.
Vielfalt als prägende Eigenschaft
Dass die Kombination auf ersten Blick so gegensätzlicher Begriffe wie „Solidarität“ und „Ökonomie“ kein Hirngespinst, sondern eine real existierende Tatsache sei, so Markus Blümel von der Katholischen Sozialakademie, zeige das Buch durch die Darstellung der Vielfalt solidarökonomischer Initiativen. Diese fänden sich in unterschiedlichen Bereichen Lebensmittel- und Energieproduktion, Selbstversorgung, gemeinsames Nutzen im Wohnsektor, etc. , was eine breite Definition von Solidarökonomie verlange. Dennoch, meinte Blümel, liege den Texten ein gemeinsames Verständnis von solidarischer Ökonomie zugrunde: Dies sei eine „Ökonomie, die sich am menschlichen Leben als Grundbedürfnis orientiert, nicht umgekehrt“, deren Ziel es sei, ein „gutes Leben für alle“ anzustreben, zitierte er aus dem Buch. Solidarische Ökonomie sollte als Prozess und Experiment verstanden werden als Alternative zum vorherrschenden Einheitsdenken, das glauben lassen wolle, es gäbe keine Alternativen. Freiraum zum Ausprobieren, ist Markus Blümel überzeugt, würde ein bedingungsloses Grundeinkommen schaffen.

Die DiskutantInnen (v.l.n.r.): Andreas Novy, Nicole Lieger, Dieter Schrage, Markus Blümel und Christoph Lauk. (Photo: Katharina Auer)
Solidarökonomie selbst gemacht
„Viel sympathischer“ sei ihr, schwärmte Nicole Lieger vom Verein „Solidarität, Ökologie, Lebensstil“, solidarische Ökonomie im Sinne einer erst konkret zu gestaltenden „Utopie und Vision“, im Gegensatz zu einem vorgefertigten Modell, das nur noch angewandt werden müsse. Die Pluralität ermögliche es „an verschiedenen Ecken anzufangen“, am besten im allernächsten Bereich. Anhand einiger Beispiele zeigte sie, wie sie dies in ihrem eigenen Umfeld versucht habe. In Anlehnung an die Geschenkökonomie habe sie öfters, ähnlich wie ein Kost-Nix-Laden, einen „Kost-Nix-Flohmarkt“ vor ihrer Haustüre veranstaltet eine Kiste von zu verschenkenden Dingen mit der entsprechenden Erklärung. Ein „spannendes Experiment“ sei auch gewesen, ihr Bankkonto nicht als persönliches Eigentum zu betrachten, sondern sich als „Verwalterin“ des Geldes zu sehen. Dies habe ein Umdenken bewirkt: ihr privater Konsum habe sich drastisch eingeschränkt, fast die Hälfte ihres Gehalts sei für Umverteilung zur Verfügung gestanden. Das einfachste Beispiel sei, meinte Lieger, aus der Konsumschiene auszusteigen und materielle Einfachheit zu üben. Solidarisches Handeln habe Auswirkungen auf das Umfeld, aber auch auf eine/n selbst, da theoretische Werte zu real gelebten Werten würden eine Grundbedingung für Systemwandel, so Lieger.
Strukturell angelegter Austausch von Wissen und Erfahrungen
Andreas Novy, Professor an der Wirtschaftsuniversität Wien und wissenschaftlicher Leiter des Paulo Freire Zentrums, berichtete über Solidarökonomie in Brasilien. Im Gegensatz zu Europa sei diese dort institutionell verankert Paul Singer ist brasilianischer Staatssekretär für Solidarökonomie und beschäftige etwa 1,3 Millionen Menschen (in Brasilien leben knapp 190 Millionen Menschen). Novy erzählte von dem, vom Paulo Freire Zentrum unterstützen, Seminar in Recife, auf dem man sich unter anderem mit der Frage der Weitergabe von universitärem Wissen an solidarökonomische Initiativen beschäftigt habe. Verschiedene Universitäten in Brasilien unterstützen solidarökonomische Projekte, indem sie universitäres Wissen zur Verfügung stellen, berichtete Novy.
Ein Teil der Suche nach Alternativen im 21. Jahrhundert, so Novy, sei die Wiederaneignung der Vergangenheit. Er nannte zwei Referenzen für solidarökonomische Projekte auf größerer Ebene in Österreich: das Genossenschaftswesen zur vorletzten Jahrhundertwende und der Selbsthilfewohnbau in Wien nach dem 1. Weltkrieg. Aber auch anderswo durchgeführte Projekte könnten Anstoß geben. Novy frage sich etwa, wie Universitäten in Österreich aussehen müssten, um solidarökonomische Projekte zu unterstützen. Wichtig sei, voneinander zu lernen. In der Solidarökonomie, betonte er, seien Lernen und Austausch strukturell angelegt.
Solidarökonomie am Markt?
Christoph Lauk vom Institut für Soziale Ökologie wies auf ein grundlegendes Problem solidarökonomischer Betriebe hin: Sie alle müssten ihre Produkte am Markt verkaufen und gerieten dadurch in Gefahr, sich entweder dem Markt anzupassen, oder zu scheitern beides bedeute im Grunde ein Scheitern der Solidarität. Seine Kernthese lautete, dass die Orientierung der Produktion am Markt Konkurrenz erzwinge und somit solidarische Ökonomie unmöglich mache. Notwendig sei daher, aus dem Markt auszusteigen.
„Murmelrunde“
In kleinen Gruppen diskutierten die TeilnehmerInnen das Gehörte. Unter meinen SitznachbarInnen befand sich ein Herr vom Kost-Nix-Laden, der intensiv befragt wurde: Der Laden habe drei Mal in der Woche geöffnet, zwischen 70 und 100 Leute kämen pro Tag dort vorbei, berichtete er. Wichtig sei nicht nur, Dinge gratis zu bekommen oder alte Sachen loszuwerden, sondern ein Problembewusstsein zu schaffen.
Die anschließende Diskussion drehte sich in erster Linie um die Frage der Reichweite von Solidarökonomie: Wird sie auf ein Nischendasein beschränkt bleiben oder sich ausdehnen, wie in Brasilien heute bzw. in Argentinien nach der Wirtschaftskrise? Inwiefern kann Solidarökonomie sich vom Markt abkoppeln? Die Zukunft der Solidarökonomie wird von konkreten Initiativen, aber auch von der wirtschaftlichen Konjunktur und den politischen Antworten abhängig sein.
Sven Giegold/Dagmar Embshoff (Hg.): Solidarische Ökonomie im globalisierten Kapitalismus. Hamburg: VSA Verlag, 2008. 240 Seiten, EUR 14.80. ISBN 978-3-89965-227-7.