Paul Singer, Staatssekretär für Solidarökonomie im brasilianischen
Arbeitsministerium, eröffnete die Dritte Österreichische Entwicklungstagung in Linz mit einem Vortrag über Solidarökonomie.
Paul Singer präsentierte die solidarische Ökonomie als Alternative zu kapitalistischer Ökonomie und Wettbewerb. Er orientierte sich an folgenden Fragestellungen: Was ist Solidarökonomie? Wie kann eine solche entstehen? Welche neuen Formen von Eigentum sind mit der Realisierung einer solidarischen Wirtschaftsorganisation verknüpft?
GewinnerInnen und VerliererInnen des Wettbewerbs
Laut Singer basiere die internationale Wirtschaft auf Wettbewerbsrunden, aus denen stets GewinnerInnen und VerliererInnen hervorgingen. Daraus resultierten Ungleichheiten, die am nachdrücklichsten an der Peripherie zu Tage träten. Dort seien die Räumlichkeiten weitgehend voneinander isoliert. Sowohl am Land als auch in der Stadt komme es zu Ghettobildung jenseits von ökonomischer Entwicklung. Elend und Not brächten für die BewohnerInnen der Armutsgebiete die Notwendigkeit mit sich, sich ihre Hilfe selbst zu organisieren. Gerade aufgrund dieser Merkmale müsse solidarische Entwicklung auf der Ebene der Orte und Gemeinden ansetzen. Da der Entwicklungsprozess meist einen Anstoß von außen benötige, müssten sich insbesondere die örtlichen, regionalen und nationale Regierungen ihrer Rolle als Antriebsfedern bewusst werden. Ist der Prozess erst einmal in Gang gebracht, seien insbesondere Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) am Zug, dessen Führung zu übernehmen.



Paul Singer beim Eröffnungsvortrag der Dritten Österreichischen Entwicklungstagung 2005 in Linz. (Fotos:
Bernadette Ralser)
Solidarische Unternehmen als Antwort auf den Wettbewerb
Das Prinzip der Solidarökonomie basiere im Wesentlichen auf der Idee, dass Gemeinden im Besitz von Unternehmen sind, wobei diese Unternehmen dem Ziel der Vollbeschäftigung verpflichtet seien. So sollen sie alle arbeitsfähigen Menschen einstellen. Singer kehrte diesen Punkt als wesentliches Unterscheidungsmerkmal zwischen solidarischen und kapitalistischen Unternehmen hervor. Während kapitalistische Unternehmen im Zeichen "nackter Geldinteressen" ihre ArbeiterInnen und Angestellte einem Wettbewerb aussetzten, der unerlässlich Gefühle des Neids anstatt Gefühle des Zusammengehörens produziere, ermöglichten solidarische Unternehmen eine auf Solidarität und Vertrauen basierende Kooperation.
Drei Grundpfeiler solidarischer Unternehmen
Darüber hinaus stützten sich solidarische Unternehmen auf drei wesentliche Grundpfeiler: Selbständigkeit, Selbstleitung und Selbstverwaltung. Selbständigkeit heiße, dass niemand von außen auf das Unternehmen eingreifen soll. Weder staatlicher noch kirchlicher Einfluss sei legitim. Unter Selbstleitung sei zu verstehen, dass die ArbeiterInnen aus ihren Reihen LeiterInnen wählten, welche trotz ihres Leitungspostens stets Mitglieder des Unternehmens blieben. JedeR soll im selben Maß an Besitz sowie an Gewinn und Verlust beteiligt sein. Schließlich meine Selbstverwaltung, dass die ArbeiterInnen ihr Unternehmen selbst verwalteten, wobei Verwaltung und Produktion nicht voneinander getrennt werden dürften. Somit stehe die Logik der Solidarökonomie dem Prinzip der Arbeitsteilung mit der Begründung entgegen, dass es Gleichheit unter den ArbeiterInnen nur dann geben könne, wenn alle über alle Kenntnisse verfügten. Nur so könne gewährleistet werden, dass jedes Unternehmensglied denselben Überblick über das Unternehmen habe und der gemeinsame Besitz an Produktionsmitteln verwirklicht werde.
Finanzierung der Solidarökonomie
Das Grundkapital zur Errichtung solidarischer Unternehmen müsse laut Singer von der nationalen Regierung bereitgestellt werden, allerdings sei das Kapital zurückzubezahlen. Hierzu müsse die Gemeinde gemeinschaftliche Finanzsysteme einrichten, die einerseits die Rückzahlung der Investitionsschulden sicherstellten, anderseits die Betriebe stärkten. Konkret sprach Paul Singer die Errichtung von Kreditgenossenschaften an. Diese könnten nicht nur zum Entstehen von Gemeindebanken, sondern über Investitionen in gemeindeeigene Unternehmen auch zur Erweiterung der örtlichen Märkte beitragen. Da die Globalisierung die Strecke zu den Märkten für die Orte der Peripherie nicht verkürzt habe, sei es eine zentrale Aufgabe der Entwicklung, Handlungsbeziehungen nach außen zu schaffen. Erster Schritt in diese Richtung sei eine Vernetzung von lokalen Entwicklungsstrukturen.
Was tut ein Staatssekretär für Solidarökonomie?
In der anschließenden Diskussion ging Paul Singer, aufgrund des regen Interesses an seiner Arbeit, näher auf die Aufgaben des Sekretariats für Solidarökonomie in Brasilien ein. Das seit Juni 2003 bestehende Sekretariat habe insbesondere die Bemessung von Solidarökonomie am Land zur Aufgabe. Es gehe darum herauszufinden, wo solidarische Unternehmen existieren und wie diese zusammengesetzt seien. Zu den wesentlichen Aufgaben zähle neben den Versuchen, kapitalistische Unternehmen in solidarische umzuwandeln, die Vernetzung der bereits existierenden Solidarökonomien. Gegenwärtig gebe es in Brasilien rund 20.000 solidarische Unternehmen, die rund zwei Millionen Personen beschäftigten. Ein realistisches Szenario zur Entstehung von solidarischen Unternehmen sei der Konkurs von kapitalistischen Unternehmen, der dazu führe, dass die ArbeiterInnen die Produktion selbstständig wiederaufnähmen und in ein solidarisches Unternehmen umwandelnden.
Entwicklung: Demokratie und Gleichheit
Abschließend wies Paul Singer darauf hin, dass Solidarökonomien die Werte der Demokratie sowie der politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Gleichheit verfolgten. Wenngleich es schwer sei, Werte zu verwirklichen, seien sie nicht nur handlungsleitend für das brasilianische Staatssekretariat für Solidarökonomie, sondern müssten sie das Ziel von Entwicklung überhaupt sein.
Die Autorin studiert Politikwissenschaft an der Universität Wien.