In einer dreiteiligen Serie analysiert die Autorin die
Geschlechterimplikationen von Privatisierungen. Teil I: Öffentlichkeit
und Privatheit.
Privatisierung stellt eine Kernstrategie gegenwärtig dominanter, vom "Glaube(n) an die ökonomische Vernunft"(1) geleiteter neoliberaler Politik dar. Neoliberalismus bezeichnet einen umfassenden, auf ökonomischer Selbstregulierung durch den Markt basierenden, gesellschaftlichen Ordnungs- und Entwicklungsentwurf, dem gemäß Wirtschaft, Politik und Gesellschaft gleichermaßen Marktprinzipien entsprechend restrukturiert, das Verhältnis von Staat und Ökonomie sowie Privatem und Öffentlichem neu definiert und diese Kategorien selbst reinterpretiert werden.
Privatisierung bedeutet, bis dato staatliche Aktivitäten in dem Privaten zugerechnete Bereiche wie Markt und Haushalt zu transferieren, damit die Idee des Staates zu verengen und die Sphäre des Politischen, des demokratisch Verhandel- und Kontrollierbaren, zu redefinieren. Mit Privatisierung gehen demnach Entstaatlichung, Entpolitisierung und Entdemokratisierung einher. Entsprechend umfasst Privatisierung nicht nur Transformation öffentlichen Eigentums in privates, Liberalisierung und Deregulierung der Ökonomie oder Abbau des Staatsapparates, sondern eine Vielzahl von Politiken, die öffentliche Verantwortung zunehmend durch private ersetzen.
Privatisierung stellt folglich verdeckt von ökonomischen Imperativen wie Budgetkonsolidierung, internationaler Wettbewerbsfähigkeit, Effizienz oder Innovation die Relation von Staat und Politik grundsätzlich zur Disposition. Der herrschende Diskurs blendet die damit verbundene Verschiebung von Machtverhältnissen aus, dessen geschlechtsneutrale Rhetorik verhüllt patriarchalische Restrukturierungen von Geschlechterverhältnissen. Auch in Österreich wirken vermeintlich geschlechtsneutrale neoliberale Transformationsprozesse auf Männer und Frauen infolge differierender Lebenskontexte und Zuschreibungen höchst unterschiedlich, ohne jedoch öffentlich diskutiert zu werden.
Öffentlichkeit und Privatheit
Das Dispositiv von Öffentlichem und Privatem durchzieht die Geschichte der Moderne, es markiert je nach Deutung die Grenze zwischen Politik und Ökonomie oder Haushalt und Unternehmen und fungiert als soziale Beziehungen regulierendes, gesellschaftliches Organisations- und Wahrnehmungsmuster, als "symbolische Ordnung, die eine spezifische Repräsentation des sozialen Raums organisiert"(2) .
Öffentlichkeit bezieht sich auf Staat, Parteien, Kunst, Medien, während Privatheit, stets an Persönliches geknüpft, Ehe, Familie, Freunde umfasst. Doch die Zuordnung bleibt arbiträr, gilt der Markt aus Staatsperspektive doch als privat, aus Sicht der Versorgungsökonomie als öffentlich. In seiner idealtypischen liberalen Fassung wird das Private als dem Öffentlichen komplementär jenseits des Politischen verortet. Doch Privatheit ist nicht von staatlich-politischer Öffentlichkeit getrennt, sondern vielmehr deren Kehrseite, asymmetrisch mit dieser verbunden. Wird Öffentlichkeit mit Freiheit, Demokratie, Rationalität, Universalität, und Männlichkeit assoziiert, so figuriert das Private als mit entgegengesetzten Attributen wie irrational, freiheitsbeschränkend, undemokratisch, weiblich verknüpfter Bereich. Obgleich die Dichotomie von Öffentlichem und Privatem als "zu ungenau, um deutlich abgrenzbare Sphären zu bezeichnen"(3) , gilt, firmiert sie im feministischen Diskurs als zentraler Topos von Macht, Herrschaft und Unterdrückung, denn sie verbindet sich mit "historisch flexible(n) Be- und Entgrenzungsprozesse(n), die Zweigeschlechtlichkeit je neu konstituieren"(4) .
Privatheit wie Öffentlichkeit unterliegen gegenwärtig einem fundamentalen Transformationsprozess. Da nunmehr eine Vielzahl von Allgemeingütern "wie öffentlicher Transport, Kommunikation, Bildung, soziale Sicherheit privat erzeugt und zu einem Mittel der Kapitalakkumulation"(5) werden, wird der öffentliche Raum verengt, während zumindest Teilbereiche des Privaten einem Prozess zunehmender Veröffentlichung und Kommerzialisierung unterliegen, der mit Informationsüberfluss einhergeht. Das Öffentlichkeitsprinzip, der damit verbundene "machtvolle Zugriff auf gesellschaftliche Kommunikation"(6) , wird zerstört, während das Private "sozial und kommunikativ ausgehöhlt", gleichermaßen entprivatisiert wie entpolitisiert, "zum Primärort individueller Lebensentscheidungen" und "Garant individualistischer Lebensstile kulturell aufgewertet"(7) wird.
Dieser Wandel von Privatheit und Öffentlichkeit, deren Umdeutung in neue, individualistisch geprägte semi-privatisierte Öffentlichkeiten stellt einen besonders für Frauen repressiven Prozess der Reprivatisierung dar, in dem Retraditionalisierung, Individualisierung und spezifisch neoliberale Politisierung ineinander greifen: Retraditionalisierung bezieht sich hierbei auf zunehmende Verengungen öffentlicher Diskurse auf traditionelle Geschlechtermuster, Individualisierung verweist auf Umdeutungen gesellschaftlicher Konflikte in autonome individuelle Wahlentscheidungen, während spezifisch neoliberale Politisierung bedeutet, gesellschaftliche Konflikte zwar öffentlich als gesellschaftlich relevant zu diskutieren, aber im Kontext spezifisch neoliberaler Rhetorik auf privatistische Lösungen auszurichten.
Was als öffentlich, was als privat gilt, wird von staatlich verkörperten gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen bestimmt: "Was privatisiert wird, und wie, repräsentiert die kontinuierliche Intervention des Staates innerhalb der Ökonomie, die bestimmte Kapitale auf Kosten anderer bevorzugt und zwischen Kapital und Arbeit in ökonomischen, politischen und Ideologischen Arenen vermittelt."(8) Dies gilt ebenso für gesellschaftliche Intervention und die (Re-)Produktion von Geschlecht.
1) Senf, Bernd: Die blinden Flecken der Ökonomie. Wirtschaftstheorien in der Krise. München, 2002, S. 8.
2) Demirovic, Alex: Hegemonie und das Paradox von Privat und Öffentlich. In: Kurswechsel 4/2001, S. 12-23. S. 13.
3) Demirovic 2001, S. 13.
4) Sauer, Birgit: Öffentlichkeit und Privatheit revisited. Grenzneuziehungen im Neoliberalismus und die Konsequenzen für Geschlechterpolitik. In: Kurswechsel 4/2001, S. 5-11, S. 6.
5) Demirovic 2001, S. 16.
6) Demirovic 2001, S. 14.
7) Lang, Sabine: Reprivatisierungen im neoliberalen Geschlechterregime. In: femina politica. Zeitschrift für feministische Politik-Wissenschaft 2/2001, 91-104, S. 92. (=Tagungsband: Feministische Perspektiven in der Politikwissenschaft)
8) Fine, Ben: Privatization: Theory with Lessons from the United Kingdom. In: Andriana Vlachou (Hg.): Contemporary Economic Theory. Radical Critiques of Neoliberalism. New York, NY, S. 41-65, S. 43.
Lesen Sie am 21. Juni 2005 in Teil II der Serie: Privatisierung und Geschlecht.
Der Beitrag basiert auf: Gabriele Michalitsch: Private Liebe statt öffentliche Leistung. Geschlechterímplikationen von Privatisierung. In: Kurswechsel 3/2004, S. 75-85.
Die Autorin ist Politikwissenschafterin und Ökonomin, seit 1994 Forschungsassistentin und Lehrbeauftragte am Institut für Volkswirtschaftstheorie und -politik der Wirtschaftsuniversität Wien. Sie war 2003-04 Associate Professor an der Yeditepe University, Istanbul.