„Ovula“ Eigentum erkämpfen

Darlina Tyawana war eine der HauptreferentInnen der Dritten Österreichischen Entwicklungstagung in Linz 2005. Sonja Buchberger und
Kathrin Jurkat sprachen mit der bekannten südafrikanischen Aktivistin
anlässlich ihres Besuchs in Österreich.
Unter dem Titel Der Traum vom Eigenheim. Oder: Was helfen könnte, die Eigentumsfrage zu lösen.
sprach Darlina Tyawana bei der Entwicklungstagung über ihre Erfahrungen
als Vorsitzende des New Womens Movement. In einem Interview mit dem
Magazin des Freire-Zentrums erzählte sie über ihre Motivation, sich zu
engagieren und für die Belange der Menschen in ihrer community
einzusetzen. Im Mittelpunkt stand die Wohnungssituation in Südafrika
als spezifisches Beispiel für die Eigentumsfrage.

Erfahrungen mit dem Apartheidregime

MDT150x200.jpg
"Mama" Darlina Tyawana bei der Dritten Österreichischen Entwicklungstagung, Linz 2005, …
Plot Nr. 5. – So wurde das Grundstück ihres Vaters genannt, das der
Familie im Rahmen der Apartheidpolitik genommen wurde. "Als ich noch
zur Schule ging, bauten wir auf unserem Land Bohnen, Kürbisse,
Weintrauben und Wassermelonen an. Wir konnten Subsistenzlandwirtschaft
betreiben. Nachdem wir das Land verloren hatten, waren wir gezwungen,
das alles in Geschäften zu kaufen." Das Einkommen ihres Vaters, der als
Maurer arbeitete, war jedoch nicht ausreichend, um die Bedürfnisse der
Familie zu befriedigen. Da kein Land zur Verfügung stand, mussten die
Rinder geschlachtet werden. "Aber auch nach Ende der Apartheid stiegen
die Preise. Wasser und Elektrizität wurden privatisiert."
Wohnsituation

Darlina Tyawana beschreibt die Wohnsituation in Südafrika als dramatisch. Vor allem Schwarze und coloured people (im südafrikanischen Verständnis: Kinder von Schwarzen und Weißen, InderInnen, sowie unterschiedliche Volksgruppen, z.B. Khoikhoi) seien oft gezwungen in Hütten zu wohnen, da sie sich Häuser finanziell nicht leisten könnten. Diese Holzhütten seien sehr feuergefährdet und wind- und regendurchlässig. Am Stadtrand gelegen biete sich den Familien nur geringer Wohnraum. Von der Regierung würden Einraumhäuser angeboten, die keine Privatsphäre zuließen und so weitere soziale Konflikte hervorriefen. Umgerechnet 250 Euro müssten für ein derartiges Haus bezahlt werden, was für viele unerschwinglich sei. Der Staat biete zwar Subventionen zum Bau von Häusern an, um sie in Anspruch nehmen zu können, müsse man sich jedoch auf eine lange Warteliste setzen lassen. Darlina Tyawana warte noch auf die endgültige Fertigstellung ihres Hauses, an dem sie seit Jahren arbeite.

Homeless People’s Federation

Die Homeless People’s Federation, für die Mama Darlina aktiv ist, setze sich zur Aufgabe, Baumaterial zur Verfügung zu stellen und in Kursen Wissen zu vermitteln, wie ein Haus zu bauen sei. Da Land schwer zu bekommen sei und auch Subventionen für Baumaterial spärlich seien, organisiere die Homeless Peoples Federation Sparvereine. So könnten sich beispielsweise alleinstehende Frauen langsam ein eigenes Heim ersparen.

Um auf die missliche Lage landloser Personen aufmerksam zu machen und politischen Druck auszuüben, habe Darlina Tyawana mit den Basisbewegungen ihrer community Besetzungen von Häusern durchgeführt. Als "Ovula" (zu deutsch: Öffnungskampagne) bekannt, hätten sie leerstehende Häuser besetzt und so erfolgreich auf die missliche Lage der landlosen Bevölkerung aufmerksam gemacht.

Situation der Frauen

Als Probleme der Frauen in Südafrika identifiziert Darlina Tyawana
neben dem Wohnungsproblem sexuellen Missbrauch sowie die hohe
Scheidungsrate.

MDT_2_150x200.jpg
… und bei der Reise durch das winterliche Österreich. (Fotos: Bernadette Ralser)

Von Arbeitslosigkeit betroffen seien sie oft allein für
die Erziehung ihrer Kinder zuständig, sodass sich einige gezwungen
sähen, in der Prostitution Geld verdienen zu müssen. HIV/AIDS stelle
ein weiteres ernstes Problem in Südafrika dar. Da in manchen Familien
beide Elternteile verstorben seien, übernähmen die älteren Kinder die Erziehung und Versorgung der jüngeren Geschwister. Frauen versuchten
durch Beschäftigung in der Fischindustrie, durch Saisonarbeit und/oder
Straßenverkauf ihr Überleben zu sichern.

New Womens Movement

Darlina Tyawana erzählt, dass das ursprüngliche Anliegen der New Womens Movement die Arbeit mit Kindern war. Diese sollten befähigt werden, für sich selbst sprechen und ihre Bedürfnisse artikulieren zu können. Durch gemeinschaftliche Unternehmungen wie etwa "Gummistiefeltänze" werde versucht, die Kinder in der community von der Straße zu holen. Ein weiteres Ziel sei die Vermittlung von Wissen über Hygiene.

Erst nach 1994, als Frauen in der women`s coalition im Parlament Politik aktiv mitgestalten konnten, sah das New Womens Movement weitere Handlungsmöglichkeiten. Die Frauen der community sollten selbst zu Wort kommen. Durch die allgemein als unbefriedigend empfundene Situation gründeten Frauen auch andere Basisorganisationen. Darlina Tywana erwähnt, dass sogar Politikerinnen an deren Treffen teilnähmen, dies jedoch eher im Verborgenen geschehe, da die Ausrichtung der Organisationen generell als regierungskritisch gesehen werde.

Im Jahr 1998 organisierte Darlina Tyawana als Vorsitzende des New Womens Movement einen Marsch zum Parlament, um sich für gesetzlich festgeschriebene Höchstpreise für Grundnahrungsmitteln sowie für staatliche Kinderbeihilfe einzusetzen. Diese wird heute nicht zuletzt wegen ihres Lobbying für Kinder bis zum 15. Lebensjahr gewährt.

Eigentumsfrage

Darlina Tyawana wünscht sich mehr Solidarität. Eigentum dürfe nicht ausschließlich auf eine reiche Elite beschränkt sein. Im internationalen wie im nationalen Kontext sollte dies aufgebrochen werden. Der Wille zu helfen und zu teilen müsse vor allem von wohlhabenden Staaten verfolgt werden.


Der Traum vom Eigenheim: Ein Bericht von Darlina Tyawanas Vortrag bei der Dritten Österreichischen Entwicklungstagung in Linz.

Sonja Buchberger studiert Arabistik und Internationale Entwicklung. Kathrin Jurkat studiert Internationale Entwicklung. Beide Autorinnen sind Praktikantinnen beim Paulo Freire Zentrum.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.