Open Source erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Wie ist aber ein
kollektiver und nicht ausschließlich ökonomisch motivierter
Schaffensprozess mit einer gesellschaftlichen Produktionsweise
vereinbar, die auf Privateigentum und Warenform beruht? Teil I einer
vierteiligen Serie.
Zerstört Open Source intellektuelles Eigentum? Bedeutete es das Ende des Privateigentums? Oder beweisen Open-Source-Projekte lediglich die Innovationsfähigkeit des Kapitalismus? In den letzten fünf Jahren hat Freie bzw. Open Source Software (OSS) eine rasante Karriere hingelegt. Open Source Software, so die Prognose, werde in Zukunft in Wirtschaft und öffentlicher Verwaltung mehr und mehr zum Einsatz kommen. Der Einzug von Open Source in die Geschäftswelt geht allerdings nicht ganz reibungslos vonstatten: Zum einen bedarf es einer recht ausgeklügelten Palette eigentumssichernder Maßnahmen (Lizenzen und anderer Verträge), um mit oder auf der Basis von Open Source überhaupt Geld verdienen zu können. Zum anderen ist die Verbreitung von Open Source begleitet von einer teilweise sehr emotional und ideologisch geführten Debatte zwischen BefürworterInnen und GegnerInnen von Open Source. Im Rahmen dieser Auseinandersetzung werden Argumente vorgebracht, die durchaus repräsentativ sind für die Positionen der GegnerInnen von Open Source. So verkündet die Firma SCO, die eine Milliardenklage gegen IBM wegen angeblich gestohlenen Codes eingereicht hat, auf ihrer Website:
"Wir glauben, dass der "Fortschritt der Wissenschaft" am besten dadurch vorangetrieben wird, indem das Recht der AutorInnen und ErfinderInnen Profit aus ihrer Arbeit zu machen energisch geschützt wird. […] Das Urheberrechtsgesetz dient öffentlichen Zielen, indem Individuen ein Anreiz geboten wird, private Ziele zu verfolgen."
Auf der anderen Seite stehen die VerfechterInnen von Open Source mit einer entgegengesetzten Ansicht: Erst die Offenheit von Wissen, also der Verzicht auf individuelles und exklusives Eigentum daran, würde Kooperation und damit Fortschritt ermöglichen.
Dazu wollen wir die dieser Annahme zu Grunde liegende Property Rights Theorie erläutern und aus der Perspektive der "Kritik der politischen Ökonomie" (Marx) kritisieren. Auf dieser Basis wollen wir schließlich erklären, wie die beiden Positionen, auf unterschiedlichem und sich widersprechendem Wege, zum selben Ergebnis kommen können (so soll ja in der einen Diktion offener Code und in der anderen der geschlossene Code zu Effizienz, Innovation und Fortschritt führen) und wieso es vielleicht gar nicht so sehr die Eigentumsfrage ist, um die es hier geht oder gehen sollte.
Vorzüge und Probleme von Open Source Software
Mitte der 1980er Jahre entstand der Begriff "Freie Software". Einer der ProtagonistInnen der Freien Software, Richard Stallman, war zunehmend verärgert darüber, dass im Zuge der Kommerzialisierung von Software deren Quellcode geheim gehalten wurde. Er begann, ein freies Betriebssystem zu entwickeln und entwarf die GPL (General Public License) eine Lizenz, welche die private Aneignung von Quellcodes verhinderte. Geschützt werden sollten dagegen die Rechte, ein Programm zweckungebunden zu nutzen, zu studieren, zu kopieren, zu verändern und zu verbreiten. Neben der Möglichkeit, die Quellcodes von Software einzusehen, zu verändern und weiterzugeben sind das Vorhandensein und der Zugang zu einer Netzinfrastruktur unverzichtbar für die Entwicklung von Open Source Software. Das Internet ist Entwicklungs- und Kommunikationsumgebung, Quelle neuer Ideen und Rekrutierungsort neuer Mitglieder für die Open Source Community zugleich.
Während Open Source Software aufgrund mehrerer Vorzüge inzwischen auch bei großen, kommerziellen AnwenderInnen gern als kostengünstige Ressource zur Optimierung der Geschäftsabläufe oder Erweiterung der eigenen Produktpalette eingesetzt und genutzt wird, ist es andererseits weniger einfach, die Software selbst in ein verkaufbares Produkt zu verwandeln. Wegen der breiten (und oft auch wirklich kostenlosen) Verfügbarkeit und der nahezu unbeschränkten Vervielfältigungsmöglichkeiten erfüllt Open Source Software eine entscheidende Bedingung für den Verkauf nicht: Sie ist nicht knapp und ein nicht knappes Gut kann, wenn überhaupt, nur gegen einen sehr geringen Preis verkauft werden. Die Möglichkeiten, zahlende KundInnen für ein "freies Gut" zu finden, Märkte dafür zu erschließen, es in eine bestehende Produktpalette zu integrieren also schlicht damit Geld zu verdienen, werden nach wie vor diskutiert.
Die Debatte um Open Source Software
Der Umstand, dass bei diesem Produktionsmodell eine sehr hohe Arbeitsmotivation ohne unmittelbare geldwerte Belohnung besteht, widerspricht der Anreiztheorie der Betriebswirtschaftslehre und in diesem Zusammenhang kommen schließlich auch die privaten Eigentumsrechte ins Spiel: Das klassische Dogma der herrschenden Theorie, dass nur exklusive Verwertungsrechte Einzelner an "ihren" Produkten einen Anreiz bieten würden, bzw. Voraussetzung für Innovation und Wissensvermehrung seien, trifft auf das Open Source Produktionsmodell offensichtlich nicht zu, weshalb dieses als "Anomalie" erklärungsbedürftig scheint.
Die neuere Betriebswirtschaftslehre hält unter Rückgriff auf Erkenntnisse aus Soziologie und Sozialpsychologie gegenwärtig mit dem Ansatz der "intrinsischen Motivation" eine Erklärung bereit. So handeln "Feldstudien" zufolge Menschen nicht nur, wenn sie dazu von außen einen zumeist monetären Anreiz erhalten ("extrinsische Motivation"), sondern auch, wenn eine Tätigkeit selbst Vergnügen bereitet oder es um Einhalten von (ethischen) Normen wie Fairness oder "Teamgeist" geht. Die Einschränkung der "intrinsischen Motivation" liefert der Ansatz allerdings mit dem sogenannten "Verdrängungseffekt" gleich mit: Versuche mit Schulkindern zeigten, dass eine ursprünglich freiwillig und unentgeltlich ausgeübte Tätigkeit (hier die Hausaufgaben), fast nur noch gegen Geld erledigt wird, sobald eine monetäre Belohnung darauf ausgesetzt wird.
Lesen Sie am 6. Mai 2005 in Teil II der Serie: Zur Theorie der Property Rights.
Lydia Heller ist ist freie Radiojournalistin und lebt in Berlin.
Sabine Nuss ist Politologin und Redakteurin der Prokla.
Die Langversion (pdf) dieses Artikels ist auf der Website von Sabine Nuss zu finden und wurde in: Robert A. Gehring und Bernd Lutterbeck (Hg.): Open Source Jahrbuch 2004. Zwischen Softwareentwicklung und Gesellschaftsmodell. Berlin, 2004. erstmals veröffentlicht.