Nestlé klopft an die Fair Trade-Tür

Monika
Vögel von der ARGE Weltläden bot im Workshop Fairer Handel. Eine Einführung. bei der Dritten Österreichischen Entwicklungstagung einen Überblick über Geschichte und Grundsätze des Fairen Handels. Ein
konkreter Anlassfall war Ausgangspunkt einer spannenden Diskussion.

Das Eis war gleich gebrochen. An die dreißig TeilnehmerInnen stellten in der Vorstellrunde nicht sich selbst, sondern den oder die
jeweiligeN SitznachbarIn vor. Monika
Vögel von der ARGE Weltläden bot eine Einführung zu Geschichte, Grundsätzen und
Funktionsweise des Fairen Handels.
Der Ansatz des Fairen Handels geht auf
die Forderung mehrerer Staaten des "Südens" auf der UNCTAD-Konferenz 1964 zurück.
Nachdem 1969 der erste Weltladen in den Niederlanden eröffnet worden war, wurde
die Idee nach Belgien, Österreich, Deutschland sowie in die Schweiz exportiert.
Im Laufe der 1980er und 1990er Jahre kam es zu einer zunehmenden internationalen
Vernetzung der Bewegung. Ab 1988 wurden die ersten Fair Trade-Gütesiegelinitiativen
entwickelt.

Grundsätze

Zu den
Grundsätzen des Fairen Handels zählen unter anderem die Einhaltung von
arbeitsrechtlichen Standards, bestimmte garantierte Mindestpreise für
ProduzentInnen sowie das Zurückweisen von ausbeuterischer Kinderarbeit und
unnötigem Zwischenhandel. Nachdem kurz die Frage angeschnitten worden war, was
Fairer Handel in "Nord" (Bewusstseinsbildung, konkrete Alternative für
KonsumentInnen) und "Süd" (Empowerment, Marktinformation und -zugang,
Vorfinanzierung) erreichen könne, lockerte im Anschluss ein Film zur Produktion
von fair gehandelten getrockneten Mangostücken aus den Philippinen den Workshop etwas auf.

Weltcafé

Nach einer
kurzen Pause wurden drei Gruppen gebildet, die nach der Methode "Weltcafé"
beliebige Themen, die die TeilnehmerInnen selbst wählten, diskutieren konnten. In
dieser Arbeitsmethode wird für gewöhnlich ein bestimmtes Thema vorgegeben, über
das in Kleingruppen diskutiert wird. Beim Weiterwandern der Gruppen zum
nächsten Tisch wird die Diskussion der Vorgruppe von einem/r
GastgeberIn am nächsten zusammengefasst; das soll verschiedene Aspekte veranschaulichen. Es kam jedoch in diesem Workshop zu keinem
Weiterwandern zum nächsten Tisch bzw. zum/r nächsten GastgeberIn, der/die die
Diskussion der Vorgruppe zusammengefasst hätte. Auch abschließend wurden die
einzelnen Ergebnisse aus den Diskussionen der Kleingruppen nicht
zusammengeführt.

Nestlé klopft an

Die
Diskussion in der Gruppe der Berichterstatterin drehte sich um die Frage, ob Fair
Trade
aus seinem Nischendasein heraustreten und die Lizenzvergabe für
Großkonzerne öffnen solle. Der Hintergrund dieser Auseinandersetzung ist das
Ansuchen von Nestlé, in das ProduzentInnenregister von Fair Trade in
Großbritannien aufgenommen zu werden. Der Großkonzern verfügt über eine
Kaffeeplantage, auf der Mindeststandards von Fairem Handel in Bezug auf
Arbeitsbedingungen (Einhaltung gesetzlicher Mindestlöhne, Zulassung von
Gewerkschaften) eingehalten werden, und möchte deshalb das Recht auf die Verwendung des Gütesiegels
erhalten.

Ähnlich der Entscheidung, ihre Produkte in Großhandelsketten
anzubieten, ist auch diese Frage innerhalb der Fair Trade-Bewegung
höchst umstritten. Man befürchtet einen nachhaltigen Imageschaden des Fairen
Handels
in der Bevölkerung. Bei den KonsumentInnen könnte der Eindruck
entstehen, dass Nestlé nicht nur diesen begrenzten Bereich, sondern seine
gesamte Produktion nach Fair Trade-Bestimmungen umgestellt hätte.
Darüber hinaus würde man sich durch die Zusammenarbeit mit einem Großkonzern
weit vom ursprünglichen Motto der Bewegung – small is beautiful – entfernen.

Andererseits würde eine Zusammenarbeit auch Chancen auf Wachstum für die
Bewegung bieten. In der Diskussion wurden Kompromissvorschläge besprochen: So
könnte eine Kooperation mit Nestlé an Bedingungen geknüpft werden, wie etwa die
Forderung, mit der Zeit die Anzahl der Plantagen, auf denen Mindeststandards in
Bezug auf Arbeitsbedingungen eingehalten werden, schrittweise zu erhöhen.
Andere DiskutantInnen befürchteten, dass eine solche Regelung nicht durchsetzbar
sei, da Nestlé der Fair Trade-Bewegung gegenüber die bedeutend
stärkere Verhandlungsmacht habe, und rieten daher von dem Vorschlag ab. Es wäre
auch unklar, ob bei einer Kooperation mit Nestlé der Konzern oder die lokalen
Bäuerinnen und Bauern die Fair Trade-Prämie erhielten.

Ausdehnung?

Eine andere
– vielleicht sicherere – Möglichkeit, den Fairen Handel zu stärken, stellt der
Weg über die Nachfrage dar. Eine Erweiterung der Produktpalette sowie bessere
Vermarktung könnten den Absatz steigern. Eine Anregung war, bei jedem Produkt,
insbesondere bei Geschenken, eine Beschreibung beizulegen, die über die
Geschichte des Produkts aufklärt. Es sei von größter Bedeutung, das Image des Fairen
Handels
durch breitenwirksame Medien zu stärken. Damit Fairer Handel
zu nachhaltiger Entwicklung beiträgt, müsse er verstärkt auch ökologische
Standards einfordern. Die Zusammenarbeit von Fair Trade mit Bio-Gütesiegeln
wurde von der Mehrheit der Workshopteilnehmenden für wichtig befunden. Durch die
Förderung von Mischkulturen ermögliche man es den ProduzentInnen, auch für den
Eigenbedarf anzubauen, was ihre Abhängigkeit verringere.

Fairer
Handel
alternative Eigentumsformen?

Bei der
Frage, inwiefern der Faire Handel ein Modell der alternativen
Eigentumsformen sein kann, wirft Monika Vögel ein, dass man durch ihn nicht aus
dem Weltmarktschema aussteigen könne. Letztendlich sei man darauf angewiesen,
dass sich KundInnen finden, die bereit seien, Fair Trade-Produkte konventionellen Angeboten vorzuziehen.
Gleichzeitig weise der Ansatz sehr wohl Elemente von solidarischer Ökonomie
auf: Bei Kleinbauern und Kleinbäuerinnen gelte es z.B. als Voraussetzung, dass
ProduzentInnen auch Teilhabende sind. Eine solche Regelung existiere jedoch im
Bereich Plantagen nicht. Die Frage
von KritikerInnen, ob denn das Geld tatsächlich bei den ProduzentInnen ankomme,
löste eine Diskussion über übliche Preisspannen aus. An dieser Stelle tat sich
die Frage auf, was man denn unter einem "fairen Preis" verstehe. Eine
Teilnehmerin entgegnete, dass diese kritische Anfrage in der
Entwicklungszusammenarbeit prinzipiell ein Killerargument von Leuten mit
schlechtem Gewissen sei. Zum
Abschluss folgte eine kurze Feedback-Runde, wobei die Rückmeldungen durchwegs
positiv waren. Insbesondere die Diskussion in der zweiten Hälfte des Workshops
wurde als sehr bereichernd empfunden.

Weitere Informationen:

https://www.fairtrade.at/phps/index.php

https://www.weltlaeden.at

Die Autorin studiert Arabistik und Internationale Entwicklung und ist Praktikantin des Freire-Zentrums

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.