Eine neue Studie über die humanitären Folgen des Klimawandels widmet sich der Frage, welche Regionen am stärksten von der Klimakatastrophe betroffen sein werden. Gefordert werden mehr Forschung zu den Folgen des Klimawandels und eine bessere Vernetzung von Entwicklungszusammenarbeit und humanitärer Hilfe.
Die These, der in der Studie „Humanitarian Implications of Climate Change. Mapping emerging trends and risk hotspots“ nachgegangen wird, ist wenig überraschend: ohnehin strukturell schwache und verarmte Regionen sind bereits heute und werden in zunehmendem Maße von den Folgen des Klimawandels betroffen sein. In Zusammenarbeit mit dem UN-Amt für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (UN-OCHA) sowie dem britischen Unternehmen Maplecroft hat die humanitäre Organisation CARE International bereits bestehende und bekannte Datensätze, sowohl zu den Folgen des Klimawandels als auch zur Messung von der Schadensanfälligkeit einer Region, zusammengeführt.
„Schadensanfälligkeit“ und Gefährdung durch den Klimawandel
Mit Schadensanfälligkeit (vulnerability) ist vor allem die sozioökonomische Situation einer bestimmten Region gemeint, unabhängig vom Phänomen des Klimawandels. Darunter fallen in der Studie Indikatoren für die natürlichen Rahmenbedingungen einer Region, für Gesundheit und Armut, für die finanzielle Situation und Infrastruktur. Jene Aspekte sind auch Kernthemen der klassischen Entwicklungszusammenarbeit.
In einem zweiten Schritt wird untersucht, welche Regionen in welchem Ausmaß von den Folgen des Klimawandels betroffen sind und betroffen sein werden. Hierbei gelte, laut den AutorInnen der Studie, eine Art Daumenregel, dass von Wetterextremen betroffene Gebiete besonders unter den Folgen des Klimawandels leiden werden, da die Extreme zunehmen würden. Es werden drei Arten von Naturgefahren unterschieden: Flut, Dürre und Zyklone. Dieser Aspekt ist vor allem für die klassische humanitäre Hilfe von Belang.
Hotspots, oder die Frage nach dem „Wo?“
Sowohl für die Schadensanfälligkeit als auch für die Gefährdung durch Wetterextreme werden Karten erstellt, auf denen der Grad der Betroffenheit einer bestimmten Region abgelesen werden kann. So entsteht zum Beispiel eine Weltkarte, auf der vor allem die Sahelzone, Zentral- und Ostafrika sowie Südasien am dunkelsten eingefärbt sind: die Schadensanfälligkeit. Fasst man die drei Naturgefahren Flut, Dürre und Zyklone in einer einzigen Karte zusammen und legt sie über die erste, entstehen viele Überschneidungen, die in der Studie hotspots genannt werden. Jene hotspots sind also Regionen, in der ein hohes Maß an Schadensanfälligkeit mit einer besonderen Gefährdung durch Wetterextreme zusammenkommt.
In weiterer Folge wird argumentiert, dass viele der von Naturkatastrophen betroffenen Regionen zudem von ihrer sozioökonomischen Situation her weitaus schlechter mit den Folgen umgehen könnten dies verdeutlicht auch die Vokabel „Schadensanfälligkeit“. Einerseits sei die Prävention und Information über zu erwartende Naturkatastrophen in geringem Ausmaß gegeben, zudem könne nur unzureichend mit den Folgen einer Katastrophe umgegangen werden, was vor allem der finanziellen Situation und schwachen staatlichen Strukturen anzulasten sei.
Es gelingt somit, das „Wo?“ von zukünftigen Problemen zu veranschaulichen.
Und nun? Die Frage nach dem „Wie?“
Die Studie nennt einige Möglichkeiten, die Situation jener doppelt-, drei- oder gar vierfach betroffenen Regionen zu verbessern. Der Klimawandel müsse zum einen, so gut es geht, eingedämmt werden, zum Beispiel durch die Verringerung von Treibhausgasen. Zum anderen wird ein deutlicher Ausbau der Forschung zum Thema „hotspots“ gefordert.
Da der Zusammenhang von der Schadensanfälligkeit einer Region und der Möglichkeit, mit den Folgen des Klimawandels angemessen umgehen zu können, nur allzu deutlich zutage treten würde, dränge sich eine weitere Stoßrichtung auf: Die Schadensanfälligkeit zu verringern. Die Autoren fordern demnach eine bessere Vernetzung von klassischer Entwicklungszusammenarbeit und humanitärer Hilfe, da beide Zugänge Seiten ein und derselben Medaille seien. Der Ruf nach einer besseren Vernetzung von humanitärer- und langfristiger „Entwicklungsarbeit“ wird leider nicht näher konkretisiert. Es erscheint durchaus nachvollziehbar, die Stärkung der eigenen Hilfsmittel sowie staatlicher Strukturen zu fordern, um die Nothilfe, aber auch die Lebenssituation vieler Menschen zu verbessern die dann besser mit den Folgen von Naturkatastrophen umgehen können, so die Argumentation. Menschen sollen in ihrer Selbsthilfefähigkeit gestärkt werden, so die AutorInnen der Studie. Was genau damit gemeint ist, bleibt leider ein wenig unklar. Laut Titel und eigenem Verständnis der Studie war es auch nicht erklärtes Ziel, sich genau diesem Aspekt zu widmen. Vielmehr geht es ihr um die Kartenerstellung und darum, den Zusammenhang zwischen den Folgen des Klimawandels, humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit aufzuzeigen.
Wundermittel Entwicklungszusammenarbeit?
Entwicklungszusammenarbeit hat vielleicht sogar das Potential, Hand in Hand mit humanitärer Hilfe und der Veränderung politischer Rahmenbedingungen, die Folgen des Klimawandels weitestgehend zu minimieren. Fraglich ist nur, ob heutzutage ein solch konfliktscheu wirkender Bezug auf die Entwicklungszusammenarbeit wirklich möglich ist und die Forderungen der Studie sinnvoll erweitert. Mögliche Widersprüche zwischen den Folgen von Entwicklungszusammenarbeit und den Zielen des Umweltschutzes werden nicht problematisiert. Ein denkbarer Widerspruch wäre beispielsweise die Gleichsetzung von Entwicklung mit Industrialisierung, da sich hierdurch die Ziele von Entwicklung mit denen des Umweltschutzes nicht vertragen würden. Dies ist einer der Aspekte, der im Forum „Klima und Entwicklung“ auf der Vierten Österreichischen Entwicklungstagung in Innsbruck thematisiert werden wird: Kann „Entwicklung“ überhaupt klimafreundlich gestaltet werden?
Zur Homepage der Studie.
Der Autor studiert Internationale Entwicklung und ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum.