„Jetzt sind wir hier“ (I)

Campesinos stellen die Landfrage in Los Angeles. In einer zweiteiligen Serie berichtet der Autor von einer Landnahme und deren politischer Verteidigung im District South Central.
Seit dem 12. Januar wird vor dem Berufungsgericht von Los Angeles der Fall der "South Central Farmer" verhandelt. 347 überwiegend illegalisierte Familien aus Lateinamerika klagen gegen die Stadt L.A. Denn diese hat einfach das Brachgelände mit ihren Gärten verkauft welche wiederum offiziell gar nicht existieren dürften. Die Campesinos organisieren nun eine beispiellose Kampagne gegen die Privatisierung.

Unter der Skyline des Financial District

Zehn Autominuten südlich des Financial Districts von L.A. kann man die Skyline der Innenstadt noch gut erkennen. Geradezu höhnisch glänzen die Glasfassaden der Wolkenkratzer durch die Baulücken zwischen den verfallenen Wohnhäuser von South Central. Der vor allem von Schwarzen und LateinamerikanerInnen bewohnte Stadtteil gilt als extrem sozial benachteiligt. (1)

Arbeitslosigkeit, Drogenprobleme und Bandenkriminalität sind die Stereotype, die die meisten BewohnerInnen von L.A. mit diesem Viertel verbinden. Hier liegen auch die Gärten der South Central Farmer. Mitten in einem Industriegürtel, der South Central vom Stadtteil Vernon mit seinen unzähligen Sweatshops, Lagerhäusern und Niedriglohnfabriken trennt. Auf einem riesigen Brachgelände an der 41. Straße haben die über 1000 MigrantInnen liebevoll ihre Obst- und Gemüsegärten angelegt. Eine grüne Oase inmitten einer Betonwüste.

Seit zwölf Jahren

"Ziemlich genau zwölf Jahre ist es jetzt her, dass wir mit den Gärten angefangen haben. Damals lag hier noch alles voller Schutt", erzählt Pedro Barrera. Der gebürtige Mexikaner war von Anfang an dabei. Heute zeigt er stolz auf die reifen Bananenstauden in seinem Garten. Das milde Klima in L.A. erlaubt bis zu vier Ernten im Jahr und so können die Campesinos über die Bewirtschaftung der Industriebrache ohne Probleme ein Drittel ihres Lebensmittelbedarfs abdecken. An den Wochenenden kommen NachbarInnen, FreundInnen und Bekannte, um durch die grünen Gärten zu schlendern. Gemüse, Obst und Kräuter werden verkauft, getauscht und verschenkt. In Stadtteilen wie Vernon und South Central, in denen das durchschnittliche Familieneinkommen bei etwa 1500 Dollar pro Monat liegt , macht eine solche Form "solidarischer Ökonomie" (2) einen Unterschied ums Ganze.

South Central: notorisch aufständisch

Dass es die Gärten an der 41. Straße überhaupt gibt, ist vor allem einer Verkettung merkwürdiger Umstände geschuldet. Bis Mitte der 1980er Jahre war das Gelände mit Lagerhallen bebaut. Gegen eine Entschädigung von 4,7 Millionen Dollar hatte die Stadt den damaligen Besitzer Ralph Horowitz enteignet und die Hallen dann abgerissen, um auf dem Grundstück eine Müllverbrennungsanlage zu bauen. "Aber daraus ist nichts geworden", sagt Pedro Barrera. Zu heftig waren die Proteste der AnwohnerInnen und zu groß war die Befürchtung, man könne im Elendsviertel South Central in ein Wespennest stechen.

Denn South Central gilt nicht nur als sozial benachteiligt, sondern auch als notorisch aufständisch. 1965 waren hier die Watts-Riots ausgebrochen. Die Verhaftung eines betrunkenen Autofahrers hatte damals bürgerkriegsähnliche Zustände ausgelöst. Polizei und National Guard brauchten sechs Tage, um den Aufstand niederzuschlagen. 34 Menschen wurden getötet, fast alle waren Schwarze. Als 1992 der Bau der Mülldeponie anstand, kam es erneut zu schweren Unruhen. Ein kalifornisches Gericht hatte am 29. April 1992 mehrere Polizisten freigesprochen, die den Schwarzen Rodney King bei einer Verhaftung zusammengeprügelt hatten, während dieser wehrlos am Boden lag. Das Amateurvideo von dem Polizeiübergriff wurde von allen TV-Sendern ausgestrahlt. Nach der Urteilsverkündung begannen in South Central die Ausschreitungen, die schnell auf andere Stadtteile übergriffen. In den Auseinandersetzungen kamen 50 Menschen um, 4000 wurden verletzt, der Sachschaden belief sich auf mehr als eine Milliarde US-Dollar. 12.000 Personen wurden verhaftet. Angesichts des aufgeheizten Klimas verzichtete die Stadt auf den Bau der Mülldeponie.

Statt dessen wurde das Gelände an der 41. Straße zwischen verschiedenen Behörden hin- und hergeschoben und schließlich wurde es sich selbst überlassen. "Und jetzt sind wir hier", sagt Barrera. Nach und nach sind die Familien auf die Brachfläche gekommen. Sie haben den Bauschutt abgeräumt, Parzellen eingeteilt und angefangen den Boden zu bestellen. Die Los Angeles Food Bank, die das Gelände seit den 1990er Jahren verwaltet, duldete die Gruppe inoffiziell. Einen offiziellen Anspruch auf die Nutzung der Fläche hat man den Campesinos jedoch nie zugestanden. Und das wurde ihnen nach zehn Jahren zum Verhängnis.

Rückkauf des einstigen Besitzers

Denn 2002 machte der ursprüngliche Besitzer Ralph Horowitz eine Rückkaufklausel geltend, die er sich bei der Enteignung vorbehalten hatte. Wieder im Besitz des Geländes, wollte der Unternehmer hier neue Lagerhallen errichten. Die Stadt ließ es auf ein Gerichtsverfahren ankommen und zunächst schien es tatsächlich, als würde Horowitz sich für seine Baupläne ein anderes Grundstück suchen müssen. Dann jedoch einigte man sich außergerichtlich. Für 5,05 Millionen Dollar, weit unter dem aktuellen Marktpreis, ging das Brachgelände überraschend zurück an die Libaw-Horowitz Investment Company.

Die Campesinos, die das Gelände zu diesem Zeitpunkt bereits seit über zehn Jahren bewirtschafteten, bekamen von all dem freilich nichts mit. Wie überhaupt der Verkauf der riesigen Industriebrache merkwürdig schnell und ohne großes Aufsehen über die Bühne ging. Statt dessen wurden die MigrantInnen im Herbst 2003 schriftlich informiert, dass das Gelände binnen weniger Wochen zu verlassen sei. Für Februar 2004 wurde die Räumung der Gärten angekündigt, wobei wohl weder die Stadtverwaltung noch der alte und neue Besitzer mit ernsthaftem Widerstand rechneten. Nie hatte es vertragliche Zusagen an die Campesinos gegeben, viele von ihnen hielten sich illegal in den USA auf, und die meisten sprachen nicht einmal Englisch.

1) Mike Davis: City of Quartz: Ausgrabungen der Zukunft in Los Angeles und neuere Aufsätze. Berlin, 1999, S. 423ff und 461ff.
2) Elmar Altvater und Birgit Mahnkopf: Die Informalisierung des urbanen Raums. In: NGBK (Hg.): Learning from. Städte von Welt, Phantasmen der Zivilgesellschaft, informelle Organisation. Berlin, 2003, S. 17-30, 28f.

Lesen Sie im zweiten Teil über den politischen Widerstand gegen die Räumung der Gärten.

Der Autor ist Politologe und Mitarbeiter der Prokla-Redaktion. Als Stipendiat der Hans-Böckler-Stiftung arbeitet er an einer Dissertation über Konflikte um öffentliche Stadträume.

Die zweiteilige Serie erschien zuerst als eine leicht gekürzte Fassung in iz3w, Nr. 284, April/Mai 2005, S. 8-9.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.