Das Buch Forumtheater und Demokratie in Indien von Sanjoy Ganguly wurde von Birgit Fritz ins Deutsche übersetzt und herausgegeben. Dies war Anlass für eine Podiumsdiskussion und Buchpräsentation im C3 am 30. Jänner 2012. Die Herausgeberin diskutierte mit Gerald Faschingeder, der auch einen Beitrag in dem Buch verfasst hat, und der Theaterethnologin Eva Wallensteiner unter anderem die Entstehung der sozialen Bewegung Jana Sanskriti und die Wirkungsmacht des Theaters in Indien.
Jana Sanskriti, die wohl größte Theater der Unterdrückten-Bewegung neben jener in Brasilien, zählt über 1000 Mitglieder und erreicht ca. fünf Millionen InderInnen. Die AktivistInnen sind großteils aus ländlichen Gebieten und zu 70 % Frauen. Das Theater der Unterdrückten stellt für sie ein wichtiges politisches Werkzeug dar, schreibt Ganguly, der die Bewegung vor 25 Jahren initiiert hat. In ihren interaktiven Forumtheaterstücken werden Unterdrückungsstrukturen thematisiert, wie das Kastensystem, Geschlechterverhältnisse, politische und wirtschaftliche Herrschaft.
Jana Sanskriti: eine Melange aus Tradition und Transformation
Die Theaterethnologin Eva Wallensteiner bot eine Einführung in die indische Theaterkultur. Diese gilt seit jeher der Weitergabe des Wissens, das in den heiligen Schriften, den Veden, enthalten ist. Theater als Ort des Lernens hat also lange Tradition in Indien, besonders in Westbengalen, wo auch Jana Sanskriti seinen Anfang nahm. Doch während damals das übermittelte religiöse Wissen den oberen Kasten vorbehalten war, zeichnet sich das Theater der Unterdrückten gerade durch die Möglichkeit der Inklusion und Partizipation aller Menschen aus.
Ein weiterer wesentlicher Unterschied ist die Art der Wissensgenerierung im Theater der Unterdrückten: Es herrscht die Kultur des Dialogs. Es werden Fragen gestellt und Konflikte von der Wurzel her untersucht, um gemeinsam an Lösungen zu arbeiten. Dies steht im Gegensatz zum modernen Erziehungs- oder Propagandatheater, das auch in der Entwicklungszusammenarbeit sehr populär geworden ist. Es will den Menschen zwar entgegenkommen indem es die Sprache der lokalen Bevölkerung spricht, tut dies aber in der hierarchischen Form des Monologs. Da es meist aus dem Norden komme, widerspiegele es Vorstellungen der westlichen Gesellschaft, kritisiert Gerald Faschingeder und betont, dass Jana Sanskriti ein erfolgreiches Beispiel eines Süd-Süd-Austausches ist (und auch eines Süd-Nord-Austausches, wie das Buch und die Veranstaltung aufzeigen).
In ihren Anfängen hatte die Bewegung noch viel mit dem Propagandatheater gemeinsam, womit Ganguly aber nicht zufrieden war. Auf der Suche nach Wegen zu größerer Partizipation und Demokratie eröffnete ihm der Brasilianer Augusto Boal das Tor zum Dialog. Das Theater der Unterdrückten wurde in die indische Kultur integriert und abgeändert: Übungen und Methoden des Theaters der Unterdrückten wurden mit traditionellen indischen Elementen, wie Volksmusik und -tänzen, verflochten. Von der außergewöhnlichen Ästhetik der Stücke und dem immensen Engagement der AktivistInnen konnte sich das Publikum im C3 selbst überzeugen. Ein Ausschnitt aus dem Film Jana Sanskriti – A theatre in the field brachte nicht nur Abwechslung, sondern auch eine bildhafte Vorstellung von indischer Volkskultur in die Diskussion.
Kultur ist für den Direktor des Paulo Freire Zentrums in den Alltagspraxen lokalisiert. Er betonte die Widersprüchlichkeit und Fragilität von Kultur. Am Beispiel Jana Sanskriti ist ersichtlich, wie mit kulturellen Mitteln Kultur bearbeitet und verändert werden kann. So wird beispielsweise die traditionelle Mitgift, die indische Mädchen diskriminiert, deutlich weniger praktiziert seitdem Jana Sanskriti diese in ihren Aufführungen thematisiert hat.
Die Wirkung im Kleinen sehen
Birgit Fritz und Sanjoy Ganguly verbindet eine langjährige Freundschafts- und Arbeitsbeziehung. Fritz erklärte berührt, dass die Bekanntschaft mit ihm ihr Leben als Theateraktivistin beeinflusst habe. Sie erzählte mit leuchtenden Augen von der Lebens- und Theaterkultur ihrer indischen FreundInnen und bezeichnete Jana Sanskriti als Modell gelebter Utopie.
Fritz‘ enthusiastische Berichterstattung über die vielen konkreten Erfolge von Jana Sanskriti überzeugten aber nicht jedeN im Publikum. In der Schlussdiskussion entfachte sich eine Debatte über die Wirkung des Theaters. Ein Gast forderte Belege und Messbarkeit ein. Eva Wallensteiner rückte das Licht auf die kleinen Veränderungen, die Großes bewirken können. Der Beginn einer Transformation finde auf individueller und kollektiver Bewusstseinsebene statt. Das Erlangen von Optimismus und Hoffnung in der Gruppe sei zentral für eine Ermächtigung der Zivilgesellschaft, welche zu gesellschaftlichen und/oder gesetzlichen Änderungen führen kann. Sie sehe zum Beispiel einen enormen Ermächtigungsprozess bei Frauen, die sich ihres Selbstwerts und ihrer Rechte bewusst werden und in Folge darum kämpfen. Da das Theater beim Bewusstsein ansetzt, sei es schwierig, Erfolge zu messen und klar zuzuordnen. Es gebe viele mikroskopische Veränderungen, die es wert seien, anerkannt zu werden, ist die Theaterethnologin überzeugt.
Eine langjährige Theateraktivistin aus dem Publikum teilte ihre Erfahrung mit einem von Sanjoy Ganguly geleiteten Workshop in Wien. Sie berichtete begeistert, wie sie von ihm Langsamkeit und Geduld gelernt hat und so in der Lage war, sich auf sonst vernachlässigte Dinge, wie Wahrnehmung und Wirkung zu fokussieren. Faschingeders Begrüßungsworte, die im Lichte der Veranstaltung von Dezentralisierung und dem Lernen des Nordens vom Süden handelten, fanden sich in dem mit Enthusiasmus geschilderten Erlebnis wieder.
Lesen Sie auch die Rezension des Buches von Sanjoy Ganguly.
Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Freire Zentrums.
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