Solidarökonomie und fairer Handel als Strategie zur Veränderung Chance oder Illusion? Ein Workshop auf dem Weg zur Entwicklungstagung 2005.
In den letzten Jahren hat die Idee des fairen Handels in Österreich steigende Aufmerksamkeit erfahren. Gleichzeitig hat der Gedanke, abseits der konventionellen Handelsströme im Rahmen eines Solidaritätsnetzwerkes einen anderen, besseren, weil fairen Handel zu etablieren, eine lange Tradition in der Entwicklungspolitik. Dies gilt ebenso für die Forderung nach gerechten Verhältnissen im Welthandel. In Zusammenhang mit der Entwicklungstagung 2005 sind die Eigentumsverhältnisse von Interesse, die hinter dem globalen Handel stehen.
Freie Marktwirtschaft und Ideal der Konkurrenz
Die freie Marktwirtschaft beruht auf dem Ideal der vollständigen Konkurrenz. Die Frage der zugrunde liegenden Eigentumsverhältnisse wird dabei nicht angesprochen. In der Realität des alternativen Handels wurde lange Zeit am Ideal der Genossenschaften und des genossenschaftlichen Eigentums festgehalten; sowohl an der Peripherie als auch in den Vertriebsorganisationen im Zentrum.
Dies ging mit der unausgesprochenen Wertung einher, dass es besser sei, gemeinsam als alleine zu wirtschaften. Gemeinsamer Besitz an Produktionsmitteln, gemeinsames Entscheiden über die Führung des Unternehmens und die Verwendung der Gewinne, dies sind zentrale Angelpunkte der Solidarwirtschaft.
Solidarökonomie
""Solidarökonomie" lehnt die Trennung zwischen Arbeit und Besitz der Produktionsmittel […] ab. […] Das Kapital des solidarischen Unternehmens ist im Besitz derer, die in ihm arbeiten, und nur von ihnen. […] Die solidarische Wirtschaft besteht vorwiegend aus Unternehmungen, die wegen ihres Ursprungs wirklich demokratisch und egalitär sind und diese Eigenschaften in ihrer täglichen Praxis immer wieder bestätigen." (Singer 2001:1 f., 25.2.2005)
In den letzten Jahren hat das solidarische Wirtschaften an Beachtung und Bedeutung gewonnen. Gleichzeitig erfolgte eine mehr oder weniger deutliche Abkehr von den genossenschaftlichen und selbst verwalteten Organisationsformen. Stillschweigend wird von vielen die behauptete Überlegenheit kapitalistischen Eigentums akzeptiert. Auf diese Weise können auch Handelskonzerne zu PartnerInnen des Fairen Handels werden.
An der Peripherie bauen Fair-Trade-Initiativen weiterhin auf der direkten Beziehung zwischen KonsumentIn und ProduzentIn auf das Kriterium des Gemeinschaftseigentums bildet dabei eine wichtige Grundlage der Kooperation. Die österreichische EZA Dritte Welt GesmbH beispielsweise nennt als KooperationspartnerInnen in Entwicklungsländern explizit "Kooperativen, Selbsthilfegruppen, Genossenschaften und ähnlich zielgerichtete Organisationsformen und deren Zusammenschlüsse, die sich durch die möglichst direkte und umfassende Beteiligung aller Betroffenen (z.B. Mitbestimmung, gemeinschaftliche Besitzformen und Beteiligungen, etc.) und die Bemühung um die gemeinschaftliche Überwindung der Unterentwicklung auszeichnen".
Der Gedanke von Fair Trade orientiert sich am Grundsatz "Handel statt Hilfe" und setzt sich zum Ziel, "Produktions- und Lebensbedingungen in Entwicklungsländern durch die Vermarktung von fair gehandelten Produkten zu fördern". (https://www.eza3welt.at/produzentinnen.htm, 11.5.2005)
Nicht vergessen darf man dabei aber, dass auch Fair Trade den Spielregeln des globalen Handelssystems unterliegt und Verbesserungen daher nur innerhalb dieser engen Grenzen möglich sind.
Aus diesem Spannungsverhältnis ergeben sich einige fundamentale Fragen: Welches Potential haben gemeinschaftliche Besitzstrukturen als gesellschaftspolitische Alternativen? Können Solidarökonomie und Fairer Handel unter den genannten Bedingungen tatsächlich zur Verbesserung der Lebensbedingungen in Entwicklungsländern beitragen?
Von Interesse ist weiters die Frage, im Rahmen welcher Strukturen der Verkauf der fair und kooperativ hergestellten Waren erfolgen kann und soll. An der Peripherie und in der Produktion bildet die Frage des Eigentums eines der Kriterien für Fairen Handeln. Warum gilt dies für die Vertriebsformen im Zentrum nicht?
In Vorbereitung der Österreichischen Entwicklungstagung 2005 findet am 16. Juni 2005 in Wien ein Workshop mit dem Titel Gemeinsam Wirtschaften statt.
Bei diesem Workshop wird gefragt, ob Solidarökonomie eine sinnvolle Variante des Umgangs mit Eigentum im Zusammenhang mit Entwicklungsprozessen darstellt. Darüber hinaus geht es um die Frage, ob fairer Handel als eine Verwirklichung solidarökonomischer Produktionsverhältnisse eine Antwort ist auf die Herausforderungen, die uns die globale Ungleichhheit stellt.
Details zum Workshop finden Sie hier.
Lesen Sie auch:
den Bericht vom Workshop: Solidarökonomie und fairer Handel: Strategien für Veränderung?