Forumtheater und Demokratie in Indien

Jana Sanskriti in Indien ist die weltweit größte Theater der Unterdrückten-Bewegung neben Brasilien, der Geburtsstätte dieser Theaterform. Sanjoy Ganguly, Mit-Initiator der Bewegung, erzählt mit Geschichten die Geschichte von Jana Sanskriti. Er gibt tiefen Einblick in seine Erlebnisse, sein Wissen und Reflexionen. Birgit Fritz, die mit Ganguly seit 2005 zusammenarbeitet, machte seinen reichen Erfahrungsschatz nun auch für den deutschsprachigen Raum zugänglich.Ganguly reflektiert auf ehrliche und (selbst-)kritische Weise seine Suche nach politischem Aktivismus wirklich demokratischer Natur, die ihn letztendlich zum Theater brachte. Angetrieben vom Willen zur Verbesserung der Lebensumstände der Armen ging er in ein westbengalisches Dorf. Dort stellte sich bald heraus, dass die Ermächtigung der anderen nicht so funktionierte, wie es sich der junge, gebildete Städter vorgestellt hatte. Stattdessen wurde erst er selbst ermächtigt, indem er in die reiche Volkskultur von Musik, Tanz und Theater eingeweiht wurde. Das zarte Pflänzchen einer Kultur des Dialogs war gesprossen, doch dauerte es viele Jahre bis aus ihm ein stämmiger Baum mit einem großen, verzweigten Astwerk wurde. Das Buch beschreibt das Wachstum der Bewegung Jana Sanskriti in den letzten 25 Jahren. 

Vom Propagandatheater zur Kultur des Dialogs

Ganguly lernte von den DorfbewohnerInnen die traditionelle Kultur kennen und schätzen wodurch sie ihn kennen und schätzen lernten. Diese Lernpartnerschaft markierte den Beginn einer Beziehung auf gleicher Augenhöhe. Der politische Aktivist gewann Zugang zum traditionellen Dorftheater und begab sich in die Rolle des Regisseurs. Doch die Thematik des ersten Stückes war noch weit entfernt von den Menschen. Als er die Diskrepanz zwischen Lebensrealität und Stück erkannte, änderte er den Inhalt zu Gunsten lokaler politischer Relevanz. Er entwickelte Propagandatheaterstücke, wo politische Probleme mitsamt ihrer Lösung präsentiert wurden. Doch wie konnte jemand über die Lösungen der Probleme anderer Menschen entscheiden? Solch ein paternalistisches Vorgehen war dem Ziel der Ermächtigung und Demokratisierung diametral entgegengesetzt. Der politische Aktivist durchlebte einen ähnlichen Prozess wie Augusto Boal, der Vater des Theaters der Unterdrückten, von dessen Existenz er damals aber noch nichts wusste. Mit dem Kennenlernen von Boals Arbeit wurde nach und nach der Monolog durch den Dialog ersetzt und die Stücke so von den SchauspielerInnen selbst kreiert. Das Produktionsmittel Theater wurde an die EigentümerInnen übergeben, so formulierte Boal diesen Vorgang in Anlehnung an Marx. Damit war das Theater der Unterdrückten auch in Indien geboren.

Vom politischen Theater zum Theater als Politik

Forumtheater, die wohl bekannteste Form des Theaters der Unterdrückten, hebt die Trennung zwischen SchauspielerInnen und Publikum auf. Letztere werden zu ZuspielerInnen (Spectactors), indem sie selbst im Stück intervenieren können. Das Handeln bleibt aber nicht auf die Bühne beschränkt, sondern fängt dort erst an. Theater ist Politik und trägt zur Demokratisierung der Politik bei, ist der Autor überzeugt. Denn dieses Medium der direkten politischen Intervention ermöglicht die Partizipation aller Menschen. Gangulys Worte vermitteln lebendige Begeisterung und Optimismus. Er versteht das Theater der Unterdrückten als dynamisches Vehikel, das uns auf eine Reise zur Ermächtigung mitnimmt. Es dient den über 1000 LandarbeiterInnen und TheateraktivistInnen, die mit diesem Medium fünf Millionen InderInnen erreichen, als politisches Werkzeug, um ihre Lebensumstände zu verbessern.

Von der inneren zur äußeren Revolution

Die persönlichen Geschichten bezeugen die ermächtigende Wirkung des Theaters der Unterdrückten. Es sind Geschichten von Personen auf dem Weg zur Menschwerdung: von Frauen, die sich erstmals ihrer gesellschaftlichen Rolle und Unterdrückung bewusst werden und ihre Rechte einfordern; von SlumbewohnerInnen, die sich mithilfe der Solidarität durch das große Jana Sanskriti Netzwerk erfolgreich gegen kapitalistische Großprojekte wehren; und auch von Menschen, die sich ihrem unterdrückerischen Verhalten gewahr werden und in Folge eine innere Transformation vollziehen. Vergleichbar mit der Sichtweise Paulo Freires, dass die Welt-Entwicklung eine Selbst-Entwicklung voraussetze, betont Ganguly den durch das Theater initiierten Prozess von der inneren zur äußeren Revolution, der im Kollektiv vollbracht zu einer totalen Revolution führen könne. Das Buch entspricht Freires Verständnis von Praxis: Sie bestehe in gleichem Maße aus Aktion und Reflexion. Ebenso nährt sich die Erkenntnis für den/die LeserIn aus einer abwechslungsreichen Mischkost aus Erfahrungsberichten vom indischen und globalen Theateraktivismus und Gangulys reflektierenden Gedanken, gepaart mit jenen von Marx, Freire und Boal sowie indischen PhilosophInnen und PoetInnen.

Von Süd nach Nord

Das Buch, das auch Beiträge von Ralph Yarrow, Gerald Faschingeder und Birgit Fritz enthält, ist das Produkt einer erfolgreichen langjährigen Kooperation zwischen Süd und Nord. Ganguly widmet ein Kapitel den Workshop-Erfahrungen in Europa und spricht wichtige Unterdrückungsmechanismen an, derer wir uns bewusst werden sollten, wie die internalisierte Unterdrückung, der Konsumismus und der Individualismus. Das Buch ist ein Plädoyer für eine respektvolle Lernpartnerschaft auf gleicher Augenhöhe in jeder Beziehung. Nur so kann die größte Bibliothek der Welt, das kollektive Erfahrungswissen erschlossen werden. Ganguly schreibt, dass er die Bedeutung von idealer Demokratie in der Gemeinschaft indigener Stämme gelernt habe. Wir EuropäerInnen können auch eine Menge von den InderInnen lernen: beispielsweise hoffnungsvollen Optimismus und Gemeinschaft. Das Buch leistet einen wichtigen Beitrag dazu.



Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Freire Zentrums.

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Ganguly, Sanjoy: Forumtheater und Demokratie in Indien. Wien 2011: Mandelbaum kritik & utopie.  ISBN: 978385476-605-6.

Erhältlich beim Mandelbaum-Verlag: www.mandelbaum.at/books/806/7402 

„Theater der Unterdrückten“ in Wien:

www.inexactart.com

www.tdu-wien.at

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