Forum 4: Auf dem Boden der Realität. Die Früchte der globalisierten Landwirtschaft

Weltweit sinkende landwirtschaftliche Erträge auf der einen und eine steigende Bevölkerungsrate auf der anderen Seite führten zu einer Situation, die heute als Weltnahrungsmittelkrise Schlagzeilen macht. Im Forum Landwirtschaft wurden abseits von Monokultur und Massenproduktion sozial gerechte Antworten auf die Krise gesucht.

Eine rasche Abfolge von Bildern versetzte die TeilnehmerInnen direkt mitten ins Thema und auf den Boden der Realität. Christian Salmhofer vom Klimabündnis Kärnten erinnerte zum Einstieg eindrücklich daran, dass in der globalisierten Landwirtschaft soziale und wirtschaftliche Unstimmigkeiten besonders deutlich zu Tage treten.

Biologische Landwirtschaft als Perspektive zur Ernährungssicherung?

Die weltweite Nahrungsmittelknappheit, so Michael Hauser vom Research for Development Forum der Boku Wien, habe verschiedene Gründe. Sinkende Produktivität (auch wegen sinkender Fertilität der Böden), Veränderungen in der Verwendung des Bodens (Städtewachstum, Agrotreibstoffe, etc.), Spekulation und sich verändernde Ernährungsgewohnheiten seien nur einige davon. Da es sich um eine Vielzahl von Faktoren, die in einem komplexen Zusammenspiel zueinander stehen, handle, könne biologische Landwirtschaft nicht das einzige Mittel zur Ernährungssicherung sein. Biologische Landwirtschaft stelle nur dann eine Antwort auf die Nahrungsmittelkrise dar, betonte Michael Hauser, wenn diese multifunktional sei. Als eine Art Kultur (Agri-kultur) müsse Landwirtschaft demnach nicht nur hochwertige Nahrungsmittel produzieren, sondern auch wirtschaftlich realisierbar sein, positive Effekte auf die Umwelt haben und gesellschaftliche Gerechtigkeit fördern. Biologische Landwirtschaft laut diesem umfassenden Verständnis kann daher nur gesamtgesellschaftliche Auswirkungen haben, wenn sie für lokale und regionale Märkte produziert.

Das Africa2000Network in Uganda, berichtete Fred Kabuye, habe für den regionalen Handel ein nationales biologisches Gütesiegel geschaffen, durch das der Zertifizierungsprozess vereinfacht werden könne. Für Uganda stelle sich insbesondere die Herausforderung der Produktivitätssteigerung. Produziert werden biologische landwirtschaftliche Produkte sowohl für den Export nach Europa, als auch für regionale Märkte. Auf der Vortagung zur 4. Österreichischen Entwicklungstagung im Mai 2008 in Uganda, haben ugandische NROs, WissenschafterInnen, PolitikerInnen und ProduzentInnen als zentrale Herausforderungen für eine Steigerung der Ernährungssicherung durch biologische Landwirtschaft die Umsetzung nationaler Richtlinien, Lobbying für biologische Landwirtschaft und die Herausbildung eines nationalen Marktes hervorgehoben.

For more than 800 million people, the food crisis is not new…

…sondern, die Tatsache, dass wir sie wahrnehmen, heißt, dass diese in die urbanen Mittelschichten vorgedrungen ist, so Gertrude Klaffenböck (FIAN Österreich). Das Recht auf Ernährung sei eines der grundlegenden wirtschaftlichen und sozialen Rechte, das allzu oft missachtet werde. Leistbar und auch im physischen Sinne erreichbar müsse Nahrung in ausreichender Qualität für jede/n sein. Staaten sollten dies garantieren, tun dies leider nicht immer ausreichend (Bsp.: Vertreibungen). Gertrude Klaffenböck forderte einen sofortigen Stopp aller Aktivitäten, die das Recht auf (gesunde) Nahrung gefährden.

Über Schwierigkeiten bei dem Versuch, durch biologische Landwirtschaft neue Einkommens- und Ernährungsquellen zu erschließen, berichtete Agnes Gagyi, ungarisch-rumänische Referentin des Romanian Institute for Research on National Minorities (RIRNM). EU-Richtlinien für die Qualität landwirtschaftlicher Produkte seien dabei oft ein unüberwindbares Hindernis für KleinproduzentInnen. Deren Einkommensmöglichkeiten blieben dadurch auf die Produktion zur Subsistenz bzw. für lokale Märkte beschränkt.

Café con leche

Petra Koppensteiner (Horizont3000) hat die Initiativen von waldviertler Milchbauern und -bäuerinnen und ecuadorianischen KaffeeproduzentInnen zur Kleinproduktion für regionale Märkte verfolgt und zieht daraus Schlüsse: Ohne sich in Gruppen zu organisieren sei es für KleinproduzentInnen schwierig, am Markt erfolgreich zu sein. Lokale Märkte seien einfacher zu verstehen, da die KundInnen bekannt seien, Zertifizierung sei daher zweitrangig. Kleinbäuerliche Produktions- und Vermarktungsstrukturen seien nicht nur in Entwicklungsländern, sondern auch in Österreich ein aktuelles Thema. Für beide, stellte Petra Koppensteiner fest, sei es in erster Linie wichtig, sich gemeinschaftlich zu organisieren. Erst in zweiter Linie sei eine Zertifizierung für den Export notwendig.

A Message to Uganda

In Kleingruppen sollten als Antwort auf die während der Vortagung in Uganda  entstandene Message to Austria die Möglichkeiten Österreichs zur Unterstützung Ugandas im Bereich der kleinbäuerlichen landwirtschaftlichen Produktion ausgelotet werden. Zu fortgeschrittener Stunde entstand dabei ein buntes Potpourri an Ideen: Reisefreiheit als Voraussetzung für Begegnung und Partnerschaft, Stärkung der lokalen Märkte durch Produktion heimischer Produkte, Reduzierung Österreichs übergroßen Fußabdrucks, Technologietransfer, Stipendienprogramme, Informationsfluss und Transparenz schaffen, Interesse am anderen, einen Dialog mit der österreichischen Regierung führen, Erkenntnisse aus dem österreichischen Kontext teilen,…

Fred Kabuye unterstrich zusammenfassend die für ihn wichtigsten Teile der Botschaft, die er überbringen wird. Ein gegenseitiges Verständnis des Kontexts und der Herausforderungen, vor denen man stehe, ebenso wie der Austausch von Wissen und Erfahrungen, seien Grundvoraussetzung für ein gemeinsames Vorgehen.

Zum Forumbericht von TRIALOG (auf Englisch).

Die Autorin hat Internationale Entwicklung und Spanisch studiert und ist ehemalige Praktikantin des Paulo Freire Zentrums.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.