Eigentum anders: Kämpfen für diese andere Welt

Im dritten Hauptvortrag der Dritten Österreichischen Entwicklungstagung
in Linz forderte Andreas Novy, wissenschaftlicher Leiter des
Freire-Zentrums, neue Zugänge in der Eigentumsfrage.Ausgehend von den Vorstellungen der griechischen Antike zeichnete Andreas Novy vier problematische gesellschaftliche Auswirkungen des privaten Eigentumskonzepts nach:

  • Privates Eigentum sei immer stark mit Autorität und Männlichkeit verbunden, deshalb hänge das Herstellen von Geschlechtergerechtigkeit "wesentlich davon ab, eine andere Form von Eigentum zu entwickeln".
  • "Es gibt dann welche, die kein Eigentum mehr haben, wenn andere sich ihr privates Eigentum verschaffen." Deshalb ist privates Eigentum immer ausschließend und oft mit Gewalt verbunden.
  • Die Eigenheit des kapitalistischen Eigentums liege in seiner Tendenz zur Monopolisierung der Produktion. Dies führe dazu, dass "Groß Klein frisst", weil die Großen mehr leisten könnten, als die Kleinen.
  • Schließlich fördere privates Eigentum eine biedermeierliche Einstellung. Frei nach dem Motto: "Wenn wir die Augen vor der Weltentwicklung verschließen, dann wird sie uns nicht treffen", zögen sich die Menschen heute immer mehr in ihre "Privatsphäre" zurück und interessieren sich nicht mehr für Politik.

Staatliches Eigentum die Alternative?

Die meistgenannte Alternative zum privaten Eigentum, das staatliche Eigentum, sei mit ähnlichen Problemen verbunden: Der Staat sei eine von Männern dominierte Institution. Gemeinsam mit der patriarchalischen Grundstruktur mache ihn eine autoritär handelnde Bürokratie zu einem unattraktiven alternativen Eigentumskonzept. Die geschichtliche Erfahrung des Wohlfahrtsstaates in den "nördlichen" Industrieländern bzw. jene des Entwicklungsstaates in den Ländern des "Südens", lege jedoch auch wichtige Vorteile staatlichen Eigentums offen: Der Staat habe immer wieder nach Versagen von Unternehmen im Privateigentum die Infrastruktur, wie Verkehrswege, Wasser- und Energieversorgung, gewährleistet. Mit der Devise: "Was alle angeht soll auch von allen entschieden werden", sei eine gesellschaftliche Teilhabe für breite Bevölkerungsschichten im wohlfahrtsstaatlichen Demokratiemodell ansatzweise umgesetzt worden. Durch die aktuellen liberalen Umstrukturierungen seien beide Errungenschaften unterminiert worden.

Solidarisches Eigentum drei Wegweiser für eine Alternative

Der erste Wegweiser zu einem alternativen Eigentumsbegriff thematisiere das Verhältnis zwischen dem Staat und den Menschen, die von seinen Strukturen und Handlungen betroffen seien. Novy zufolge gehe es darum, den Staat zu öffnen. Das partizpative Budget in der brasilianischen Stadt Porto Allegre zeige das Potential, das in der Öffnung des Staates stecke. Die BewohnerInnen der Stadt hätten dort die Möglichkeit, über die Verwendung des kommunalen Haushalts weitgehend mitzubestimmen. Die Einführung dieser Institution habe die Teilhabe und das Interesse an Politik gesteigert, wie auch das Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Nutzung öffentlicher Güter.

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Andreas Novy bei seinem Vortrag anlässlich der Dritten Österreichischen Entwicklungstagung 2005 in Linz. (Fotos:
Bernadette Ralser)
Als zweiten Wegweiser streicht Novy die Bedeutung der Eigentumsregelung für wichtige natürliche Ressourcen wie Wasser, Öl und Luft heraus. Das Beispiel Öl zeige sehr deutlich, dass die derzeitigen Eigentumsverhältnisse an natürlichen Ressourcen Krieg und Totalitarismus fördern. Das in den 1980er Jahren entstandene Klimabündnis illustriere, dass ein globales Bewusstsein sowie globale Solidarität möglich seien und zu einer nachhaltigeren Nutzung der natürlichen Ressourcen beitragen könnten. Die Frage, ob diese andere Art der Verfügung über natürliche Ressourcen zu einer verbreiteten Praxis werde, sei sehr stark mit der zukünftigen Gestaltung des Lebensstils in den "nördlichen" Industrieländern verbunden.

Da heute zunehmend von Wissensgesellschaft gesprochen werde, sei die Frage, wem dieses Wissen gehöre, von zentraler Bedeutung für den Entwicklungsprozess: "Wissen wächst dann, wenn es von allen geteilt wird. Es ist nichts Knappes. Das Potential von Wissen liegt in seiner Nutzung durch möglichst viele." Patente stülpten diesem Wissen die Zwangsjacke der Warenform über, schlössen aus und töteten nicht nur die Kreativität, sondern verhinderten z.B. im Gesundheitsbereich, dass viele heilbare Erkrankungen geheilt würden. Die Entwicklung des Computerbetriebssystems Linux zeige, dass der öffentlicher Umgang mit Wissen sowie persönliche Kreativität und Engagement sich gegenseitig stimuliere. Würde man diese Organisationsweise von Wissen auf den Gesundheitsbereich umlegen, "wäre es möglich", so Novy, "die großen Krankheiten wie Aids und Malaria zu überwinden".

Kämpfen, für diese andere Welt

Novy betonte abschließend die Wichtigkeit des "Eigenen" für die Entwicklung, was aber nicht einem "Unseren" widerspreche. Er hob hervor, dass es "nicht das eine richtige Konzept von anderer Entwicklung und von anderen Eigentumsformen" gebe: "Eine andere Form von Eigentum ist notwendig, wenn wir eine andere Welt wollen, und ich glaube, dass eine andere Welt notwendig und möglich ist." Er appellierte an die Kreativität, den Mut und das Engagement der ZuhörerInnen, für die Umsetzung einer anderen Welt und somit einer anderen Form von Eigentum zu kämpfen.

Der Autor studiert Soziologie und Internationale Entwicklung an der Universität Wien und ist Mitorganisator von https://www.keineuni.org/.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.