Darlina Tyawana war die zweite Hauptvortragende bei der Dritten Österreichischen Entwicklungstagung in Linz. Die Aktivistin fesselte das Publikum mit Einblicken in ihr Leben, das stark von der Eigentumsfrage geprägt war und ist.Darlina Tyawana ist Vorsitzende des New Women’s Movement in der Western Cape Province und auch in anderen Community Based Organisations und NGOs organisiert.
Veronika Wittmann vom Institut für Soziologie führte den Vortrag von Darlina Tyawana ein. Sie habe Darlina Tyawana vor sechs Jahren bei einer Feldforschung in Südafrika kennen gelernt, wo die bekannte Aktivistin respekt- und liebevoll Mama Darlina genannt werde. Um dem Publikum einige Eindrücke aus Townships in Südafrika zu geben, zeigte Veronika Wittmann zu ihrer Einleitung Bilder der sogenannten lost cities ohne Elektrizität oder fließendem Wasser.



Veronika Wittmann und "Mama" Darlina Tyawana bei der Dritten Österreichischen Entwicklungstagung 2005 in Linz. (Fotos: Bernadette Ralser)
Subsistenzwirtschaft und Enteignung
Darlina Tyawana gab dem Publikum einen Einblick in ihre Lebensgeschichte, ihre Kindheit und Jugend sowie Erlebnisse aus der Zeit der Apartheid. In Alice, einem kleinen Dorf in der Eastern Cape Province, vermutlich 1948 geboren, wuchs sie mit ihrer Mutter, ihren vier Geschwistern und ihrem Onkel auf, nachdem ihr Vater früh verstorben war. Darlina erinnert sich an die Gärten und Felder, auf denen ihre Familie Feigen, Marillen, Wassermelonen, Bohnen und Kürbisse anbaute. Das Land, das der Familie eine Subsistenzlandwirtschaft ermöglicht hatte, wurde ihr jedoch durch das Apartheidregime genommen.
Schulabbruch, Rassismus und Apartheidregime
Als 11-Jährige war sie aus finanziellen Gründen gezwungen, ihre schulische Ausbildung abzubrechen. Sie begann bereits als Mädchen für eine Blindenorganisation in Port Elizabeth als Pflegerin und Sekretärin zu arbeiten. Ab 1976 bemühte sich Darlina Tyawana Abendkurse im zweiten Bildungsweg neben der Arbeit zu besuchen, doch wegen der Jugendrevolten und der Unruhen der 1970er Jahre konnte sie erneut ihre Ausbildung nicht abschließen. Zehn Jahre lang war Darlina bei einer englischen Familie beschäftigt, wo sie für deren behinderte Tochter sorgte. Sie erzählt von der erniedrigenden Behandlung durch Weiße: Selbst der Hund der Familie sei besser behandelt worden als sie.
Im Juli 1987 kam sie schließlich nach Kapstadt, wo sie wiederum bei einer weißen Familie als Kindermädchen arbeiten wollte, was ihr jedoch durch strengere Apartheid-Bestimmungen verwehrt wurde. Das brachte Darlina Tyawana in eine schwierige Situation: Ohne Wohnmöglichkeit oder soziale Kontakte in Kapstadt, sah sie sich 1988 gezwungen, mit ihren Kindern in eine Hütte (engl. shack) in Philippi zu ziehen.
Lokale Organisation: "We need lots of voices"
Zu dieser Zeit begann ihr aktives Engagement in Community Based Organisations und NGOs. Unter dem Motto "We need lots of voices to change things" organisierte sie Demonstrationen und nahm an Hausbesetzungen teil, um politischen Druck auszuüben. Das Ziel war, die triste Wohnsituation in den Townships zu verbessern und durch Subventionen des Staates den Menschen eine Chance auf ein Eigenheim zu geben.



"Mama" Darlina Tyawana bei ihrem Vortrag im Rahmen der Dritten Österreichischen Entwicklungstagung 2005 in Linz. (Fotos: Bernadette Ralser)
Hausbesetzungen
Nach etlichen Demonstrationen erklärte sich die Regierung schließlich bereit, Toiletten zu errichten. Darlina Tyawana und andere AktivistInnen empfanden sanitäre Einrichtungen ohne Haus jedoch als Provokation. Im Jahr 1993 organisierten sie daraufhin groß angelegte Streiks. Während bis zu dem Zeitpunkt nur Land besetzt wurde, beschlossen sie erstmals auch leer stehende Häuser zu okkupieren, um ihrer Wohnungsnot Ausdruck zu verleihen. Die Polizei reagierte auf diese Aktionen mit Einsatz von Tränengas und Massenverhaftungen. DemonstrantInnen informierten sich über Steuern und staatliche Förderungen für Wohnungsbau für Weiße. Am 16. November 1993 besetzte eine Gruppe unter ihnen das Rathaus von Kapstadt. Nach drei Tagen erfuhren sie schließlich, dass auch Schwarze Anspruch auf bestimmte Zuschüsse für Wohnungsbau hätten, ihnen das jedoch von offizieller Seite nie gesagt worden war.
Auch die Hausbesetzungen führten 1994 zu Erfolgen, als die Gemeinschaft endlich an elektrische Versorgung angeschlossen wurde. Gleichzeitig wurden sie jedoch gezwungen, die besetzten Häuser zu verlassen und in von der Regierung aufgestellte Hütten zu ziehen, in denen es weder Türen noch Fenster gab. Daraufhin beschlossen sie kurzerhand Türen und Fenster der besetzten Häuser auszubauen und in die neuen Hütten mitzunehmen. In der Zeit entwickelten AktivistInnen die Idee, sich selbst um Hausbau zu kümmern und sie gründeten die Homeless People’s Federation. Diese stelle einerseits einen Sparverein dar, gleichzeitig werde jedoch auch versucht, Wissen über Hausbau zu vermitteln.
Ihre Erzählungen zeigen deutlich, dass Darlina Tyawana die Konfrontation mit Autoritäten nicht fürchtet. Darlina Tyawana betont, dass Frauen oft die Initiativen für Aktionen ergreifen und diese leiten, jedoch auch Männer aktiv beteiligt sind. Bei Polizeieinsätzen halten sich männliche Aktivisten eher im Hintergrund, da sie mit größerer Wahrscheinlichkeit verhaftet würden.
In der anschließenden Diskussion drückte Darlina Tyawana ihre Überzeugung aus, dass die Regierungspartei ANC ihr Bestes gäbe, um die Wohnungsnot zu verbessern. Außerdem beurteilte sie die steigende Unterstützung des Homeless People’s Movement durch Irland als vielversprechend. Zusammenarbeit mit anderen Staaten des Südens existiere zwar, sie sei jedoch aufgrund von infrastrukturellen Schwierigkeiten der NGOs, die Kommunikation über weitere Strecken erschwert, beschränkt.
Den Text des Vortrags von Mama Darlina Tyawana in englischer Sprache finden Sie hier (pdf – 464.39 KB).
Die gesammelte Nachbetrachtung der Dritten Österreichischen Entwicklungstagung finden Sie hier.
Die Autorin studiert Arabistik und Internationale Entwicklung und ist Praktikantin des Freire-Zentrums.