Der kleine Riese Teil I

MPA, die Bewegung der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, ist eine der Organisationen von Via Campesina, die sich für eine ökologische und solidarische Landwirtschaft einsetzen. Sie zeigen, dass campesin@s, die kleinen Riesen, die Zukunft der ländlichen Entwicklung sind.

Mein Freund Carlos Winckler, Kenner der sozialen Bewegungen Brasiliens, und Cristovão Feil, Berater des MPA (Movimento dos Pequenos Agricultores, Bewegung der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern), sind meine Reiseführer auf dem Weg nach Santa Cruz zum neuen Bildungszentrum des MPA in Südbrasilien. 120 Kilometer von Porto Alegre entfernt, in der ehemaligen Grenzregion zum spanischsprachigen Amerika gelegen, gab es hier Jahrhunderte lang eine starke deutsche Zuwanderung, die bis heute an den vielen deutschen Namen, aber auch am Umstand zu erkennen ist, dass Lokalzeitungen noch deutsche Beilagen haben. Auf dieser dünn besiedelten, sich endlos am Horizont erstreckenden Ebene dominieren die Weideflächen der Rinder und, rund um Santa Cruz, die Tabakmonokultur. Philip Morris, der legendäre Tabakkonzern, beherrschte hier lange Zeit die lokale Wirtschaft. Heute gibt es komplizierte Verwicklungen des Finanzkapitals, die aber nichts an der zentralen Rolle der Tabakwirtschaft und seiner monopolistischen Stellung ändern. Mittels Knebelverträgen werden die Kleinbäuerinnen und Kleinbauern zur Monokultur gezwungen, was oftmals in Verschuldung und modernen Formen der Schuldknechtschaft endet.



Die Geburtsstunde der MPA

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Foto von: Cristóvão Feil

1996 spitzte sich die Situation durch eine Trockenheit zu und 25000 Kleinbäuerinnen und Kleinbauern besetzten wochenlang Straßen, um auf ihre katastrophale Situation und die Vernachlässigung der familiären Landwirtschaft durch die Politik aufmerksam zu machen. Der MPA war geboren.

Heute gibt es in mehreren Bundesstaaten Regionalgruppen und ein nationales Büro in Brasília. Doch weiterhin nimmt Rio Grande do Sul, der südlichste Bundesstaat Brasiliens, eine wesentliche Rolle in der Bewegung ein nicht zuletzt deshalb, weil es im Rest Brasiliens niemals eine eigenständige kleinräumige Landwirtschaft und Bauernschaft gegeben hat. Wo immer möglich, haben die Latinfundistas nicht nur die besten Böden in Anspruch genommen, sondern oftmals den Anbau von Nahrungsmitteln sogar verboten.

Nach zwei Stunden Autofahrt erreichen wir das Bildungszentrum Centro de Formação Camponesa São Francisco de Assis. Das 41 Hektar große Grundstück wurde von der Gemeinde nach zähen Verhandlungen geschenkt. Die großzügigen und schlichten, aber schönen und nach traditionellen Kriterien errichteten Gebäude entstanden im Rahmen eines Projekts mit Petrobras, dem staatlichen Energiekonzern Brasiliens. Doch noch ist vieles provisorisch, die Straße ist bei Regen kaum befahrbar, die Gebäude, zumeist in Eigenarbeit errichtet, stehen zwar, doch drum herum herrscht weiter Baustelle. Sarai und Gilberto empfangen uns, ihre Familiennamen Brixener und Tuthenhagem verweisen auf ihre Wurzeln: Sarai, obwohl schon in der achten Generation in Brasilien, ist noch mit deutschen Kinderliedern aufgewachsen. Nach einem klassischen bäuerlichen Mittagessen aus Eigenproduktion Reis, Bohnen, Salat, Polenta und Schwein nehmen auch wir zusammen mit 36 jungen Bäuerinnen und Bauern aus den verschiedenen Regionen des Bundesstaates an der Eröffnung dieses ersten regionalen Weiterbildungskurses, bei dem zukünftige LeiterInnen der Bewegung ausgebildet werden, teil.

Organisation & Kontrolle!

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Foto von: Cristóvão Feil

Eröffnet wird mit der Hymne des MPA: Der Kleine in der Bewegung, ein Riese in der Produktion, vereint in der Landwirtschaft, um diese Nation zu ernähren. Sarai erklärt, dass der MPA neue, junge LeiterInnen braucht, um die großen Aufgaben anzugehen, vom Tabak unabhängig zu werden und eine diversifizierte Landwirtschaft aufzubauen. Dabei reicht es nicht, zu produzieren, sondern es braucht auch Organisation. Und der weitere Nachmittag wird zeigen, dass die Aufgaben, denen sich der MPA stellt, in der Tat hohe Anforderungen für Organisation und Ausbildung stellen. Nachdem einige der TeilnehmerInnen ihre Erwartungen dargelegt hatten, durfte auch ich kurz das Paulo Freire Zentrum und unseren Bildungsansatz der Einen Welt vorstellen.

Danach zeigte uns Gilberto die neuen Biodieselanlagen, die einerseits Speiseöl aus der Region und andererseits Nutzpflanzen wie Tungue, die bis zu drei Tonnen Öl pro Hektar produzieren. Diese von der staatlichen Banco do Brasil finanzierten Anlagen sollen die Energieunabhängigkeit der Bäuerinnen und Bauern ermöglichen. Doch mehr noch, es geht darum, dass die ProduzentInnen wieder die Kontrolle über den Produktionsprozess erlangen, was nur möglich ist, wenn sie die Technologie beherrschen. Es ist für Gilberto klar, dass ländliche Entwicklung mehr ist als Landwirtschaft, und Unabhängigkeit auch bedeutet, dass die wesentlichen Produktionsschritte selbst kontrolliert werden. Aus diesem Grund wurde COOPERFUMOS gegründet, eine Genossenschaft der Bauern und Bäuerinnen, die neben Tabak auch andere Produkte anbauen wollen. Dies erfordert den kleinräumigen und integrierten agro-forstwirtschaftlichen Anbau von ölhaltigen Nutzpflanzen, aus denen Biodiesel hergestellt werden kann. Das ist der Weg, um Schritt für Schritt aus der jahrzehntelangen Verschuldung und der daraus resultierenden Knebelung der Tabakkonzerne herauszukommen.

Zum (portugiesischen) Artikel über die Eröffnung des MPA im Blog von Cristóvão Feil .

Zum Teil II.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.