Zwei Wissensformen für zwei getrennte Welten

Wie können akademisches Wissen und Ideologiekritik mit praktischem
Wissen verbunden werden? Diese Frage diskutierten die 15
TeilnehmerInnen des Workshop Popular Education Today, der am Donnerstag, dem 13. September 2007, im Paulo Freire Zentrum stattfand.
Die spannende Diskussion brachte keine einfachen Antworten. Was kann für Bildungsvorhaben in Österreich von Brasilien gelernt werden? Wie kann akademisches Reflexionswissen für PraktikerInnen in sozialen und politischen Organisationen relevant werden? In welchem Verhältnis steht ideologischkritisches zu praktischem Lernen? Wie kann emanzipatorisches Lernen in einem autoritären Umfeld, wie es auch in Österreich weiterhin herrscht, erfolgreich sein? Mit diesen weitreichenden Fragen eröffnete Andreas Novy, wissenschaftlicher Leiter des Freire Zentrums, den Workshop. Novy präsentierte zum Einstieg jenes Projekt, das vom Freire Zentrum gemeinsam mit PartnerInnen in Brasilien durchgeführt wird, und das Erfahrungen und neue Wege der Volksbildung in Brasilien und Österreich heute untersucht. Am Workshop nahmen auch Personen teil, die direkt in diesem Projekt involviert sind.

Michaela Hauer, ehrenamtliche Mitarbeiterin des Freire Zentrums, stellte das gemeinsame Seminar vor, das von der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien mit der Universität Recife im Sommersemester 2007 durchgeführt worden war. Thema war das Verhältnis von Wissensökonomie und sozialräumlicher Polarisierung. Im Seminar wurde festgestellt, dass es zwei unterschiedliche Sphären des Wissens gebe, die scheinbar unabhängig voneinander parallel existierten: Zum einen gebe es das betriebswirtschaftlich ausgerichtete "wirtschaftliche Wissen", mit dem am Markt tätigen AkteurInnen geholfen wird, ihre Position im globalen Wettbewerb zu stärken. Das andere Wissen wird als "soziales Wissen" bezeichnet und kennzeichnet soziale Organisationen, die jene Menschen unterstützen, die am Markt keinen Platz finden und an den sozialen Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Die Spaltung dieser beiden Wissensformen ist Ausdruck der sozialen Spaltung, die unsere Gesellschaft in Österreich heute kennzeichnet.

Brasilianische Erfahrungen

Ana Fernandes, Universitätsprofessorin in Recife in Nordost-Brasilien, berichtete von sehr ähnlichen Erfahrungen, die sie im Rahmen eines Workshops in Recife machte. Dort gelang es erstmals, ein gemeinsames Seminar von Universitätsangehörigen mit AktivistInnen, sozialen Bewegungen und Kooperativen zu veranstalten. Es zeigte sich auch hier, wie wenig die spezifischen Wissensformen dieser beiden Welten miteinander zu tun haben. Sehr beeindruckt habe die Präsentation von zwei Frauen, die eine Kooperative von MüllsammlerInnen vertraten: Sehr wohl fragten diese nach universitärer Beratung und wissenschaftlicher Begleitung und waren an einem Erfahrungsaustausch sehr interessiert.

Geradezu schockierend erschien Ana Fernandes die Reaktion des ebenfalls anwesenden Vizerektors für Forschung ihrer Universität, der diese Anfrage gar nicht verstand. In seinem Weltbild wie generell im wissenschaftlichen Mainstream war es nicht vorgesehen, dass auch Müllsammelkooperativen auf das betriebswirtschaftliche Wissen einer Universität zurückgreifen wollen. Dennoch plant Ana Fernandes nun die Einrichtung einer sogenannten "Incubadora". Dies ist eine Einrichtung, in der Angehörige der Universität gemeinsam mit BasisaktivistInnen versuchen, Wissen und Technologie nicht einfach von der Universität zu nicht-universitären Einrichtungen zu transferieren, sondern einen gemeinsamen Lern- und Forschungsprozess zu beginnen, der Kontext-, Fach- und Strukturwissen verbindet.

Pia Lichtblau, die das Forschungsprojekt in Brasilien für das Freire Zentrum koordiniert, ergänzte diese Darstellung mit dem Hinweis, dass es für viele AktivistInnen von Kooperativen in Brasilien nicht nur darum gehe, anders zu wirtschaften, sondern sie auch eine andere Lebensform praktizierten. Dieser ganzheitliche Zugang ziele auf eine weitreichende Veränderung der Gesellschaft. Reflektiert wird in solchen Gruppen daher auch über die problematischen Folgen von technischen und organisatorischen Veränderungen auf die sozialen Prozesse innerhalb der Kooperativen und des sozialen Milieus, aus dem sie kommen.

Die Degeneration von Solidarökonomie

Len Arthur von der Universität Cardiff in Wales, Großbritannien, wurde um einen Kommentar zu diesen Darstellungen gebeten. Er erlebte selbst die Zeit der 1970er und 1980er Jahre, als Kooperativen auch in Europa weit verbreitet waren. Die Fachliteratur dazu zielte aber stets auf die Frage ab, wie man Kooperativen in den konventionellen Markt besser integrieren könne. Dadurch verlören aber die Kooperativen ein spezifisches Merkmal, das auch ihre Qualität ausmache: die interne Demokratie. Die Zusammenführung der zwei Wissensformen sie nicht unproblematisch, so Len Arthur. Sie führe in der Regel zur Übernahme der Sprache der Betriebswirtschaft, die einen Entfremdungsprozess bedinge. Wie solle man denn anders denken, wenn das eigene Sein in Kategorien von "Vision", "Mission", "Strategie" interpretiert werde? Dies treffe auch auf den Begriff "Innovation" zu. In seiner Erfahrung tendieren Universitäten dazu, den Austausch von Wissen als einen Einbahn-Prozess zu verstehen: Als Wissende wollen sie ihr Wissensgut in die Gesellschaft hineintransferieren. Ohne Wechselseitigkeit werde dies aber nicht zu einem demokratischen und bereichernden Prozess.

Emanzipation und Öffentlichkeit

In der weiteren Diskussion wurde mehrfach nach dem Begriff "Emanzipation" gefragt, von der auch in Solidaritäts-Netzwerken immer weniger die Rede sei. Die starke Dominanz des Konzepts der "Fairness" sei in diesem Zusammenhang nicht unproblematisch. Dieser Sicht wurde entgegen gehalten, dass es gelte, die FairTrade-Idee zu politisieren. Die Frage sei allerdings, ob diese, sehr marktkompatible Idee, sich für die Öffnung von öffentlichen Räumen für kontroversielle Debatten eigne.

Die Schwierigkeiten im Umgang mit den unterschiedlichen Wissensformen und bei der Beantwortung der Frage nach deren Bedeutung für Volksbildung und Solidarische Ökonomie lägen, so der abschließende Tenor der TeilnehmerInnen des Workshops, bei dem Verlust der "Großen Erzählung", die mit einem klaren emanzipatorischen Anspruch auftreten. Vom Willen zu sozialen und politischen Veränderung hänge vieles ab.

Veröffentlicht in Entwicklungsforschung.