Roma in Österreich II

Zahlreiche Roma haben mit Diskriminierungen zu kämpfen. Der Teufelskreis gesellschaftlicher Benachteiligung beginnt meist schon in der Schule aufgrund des fehlenden Muttersprachenunterrichts.

Roma haben in Österreich keinen einheitlichen sozialen Status. Dieser hängt wesentlich vom Rechtstatus ab: Burgenland-Roma sind Österreichische StaatsbürgerInnen und damit vergleichsweise gut positioniert. Dennoch zeigen die Anschläge von Franz Fuchs gegen die Roma-Siedlung in Oberwart im Februar 1995, dass sie durchwegs diskriminierenden Strukturen ausgesetzt sind. Migrantischen Roma mit Arbeitserlaubnis geht es besser als jenen ohne eine solche, die etwa als AsylwerberInnen im Land sind. Am schwierigsten ist es für jene, die als U-Boote in Österreich sind, etwa weil ihr Aslybescheid abgelehnt wurde.

Ihre soziale Lage ist unterschiedlich, für viele aber schlecht. Zu diesem Ergebnis kommen im Prinzip alle Studien, die sich mit Roma in Europa befassen (vgl. The other nomads 1987, Heinschink/Hemetek 1994, Bricke 1995, Liegeois 1995). Viele leben von Gelegenheitsjobs oder haben körperlich anstrengende Berufe, die dazu führen, dass der gesundheitliche Zustand im fortgeschrittenen Alter weit schlechter als bei MehrheitsösterreicherInnen ist. Aufgrund der Erfahrung der Diskriminierung auch in ihren Herkunftsregionen verleugnen viele Roma ihre Identität. So finden sich viele serbische oder bosnische Kinder in Wiener Schulen, die eigentlich Roma sind und von anderen SerbInnen oder BosnierInnen unter Umständen abgelehnt werden. Verstellung ist eine alte und immer wieder auch bewährte Strategie, diesen Diskriminierungen zu entkommen.

Diskriminierungserfahrungen

Dieter Halwachs fasst die Erfahrung der Diskriminierung der Roma und ihren Umgang damit so zusammen: Von Stigmatisierung und Diskriminierung sind die einzelnen Roma-Gruppen zwar unterschiedlich stark betroffen. Die Ausgrenzungs- und Verfolgungshistorie ist jedoch die offensichtlichste Gemeinsamkeit und auch das wichtigste Bindeglied zwischen den verschiedenen Gruppen, nicht nur der österreichischen Roma, sondern der gesamten europäischen Roma-Sozietät.

Trotz dieses verbindenden Elements Ausgrenzungs- und Verfolgungshistorie ist das Zusammenleben der österreichischen Roma-Gruppen eher ein Nebeneinander als ein Miteinander. Obwohl es sogar zu Eheschließungen zwischen Angehörigen verschiedener Gruppen kommt, existieren keinerlei regelmäßige Beziehungen zwischen den einzelnen Gruppen. Abgesehen von sporadischen Treffen einiger weniger Vereinsaktivisten gibt es wenig Inter-Group-Kontakte und dementsprechend auch wenig Solidarität. Grund hierfür ist wiederum das über Jahrhunderte andauernde Randgruppendasein: Einerseits überlebt eine diskriminierte Minderheit leichter in kleinen Gruppen, andererseits haben marginalisierte Bevölkerungsgruppen in der Regel keinerlei Teilhabe an politischer und ökonomischer Macht, was wiederum die Entwicklung größerer sozialer Gemeinschaften verhindert
(Halwachs 2004: 6).

Mangelnder Muttersprachenunterricht

Die räumliche Mobilität war in der Geschichte der Roma immer wieder eine Möglichkeit, politischer Diskriminierung zu entkommen, auch wenn Flucht nie die einzige Migrationsursache war. Der Ortswechsel mag helfen, doch damit ist soziale Mobilität nach oben, sprich gesellschaftlicher Aufstieg, noch nicht garantiert.

Eine soziolinguistische Langzeituntersuchung, die von 1999 bis 2003 lief, zeigte auf, inwiefern sich Diskriminierungen in den Herkunftsgebieten in Serbien und der Türkei in Österreich perpetuierten. Für Roma-Kinder wurde festgehalten:

Die Minderheit der Roma erhielt, ähnlich wie in den meisten anderen Staaten, auch im ehemaligen Jugoslawien keinerlei muttersprachliche und kaum schulische Förderung: die Analphabetenrate war und ist exorbitant hoch. Dazu kommt ein überaus hohes Maß an gesellschaftlicher Diskriminierung. Die Sprache Romanes wird daher fast ausnahmslos innerfamiliär verwendet und meist mit anderen Sprachen (Serbisch, Rumänisch) gemischt oder aber zugunsten einer dominanten Sprache aufgegeben (Brizi 2006: 37).



ein typisches Schicksal?

Um eine Fremdsprache wie Deutsch gut lernen zu können, müssen Kinder ihre Muttersprache gut beherrschen. Dies ist unumstrittenes Ergebnis der Fremdsprachenlernforschung. In Wiener Schulen gibt es zum Teil muttersprachlichen Ergänzungsunterricht, der diese Erkenntnisse zu berücksichtigen versucht. Er hilft dann aber nicht, wenn Serbisch gar nicht die eigentliche Muttersprache der Kinder ist, wie dies bei Roma-Kindern der Fall ist.

Roma sind aber nicht als Einzige mit diesem Problem konfrontiert: Ähnliche Ergebnisse liegen für Kinder aus der Türkei vor, deren Eltern selbst erst kürzlich die türkische Sprache erworben haben. In der Türkei gibt es etwa 40 Sprachminderheiten, die ca. 40 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Diese Sprachgemeinschaften aber unterliegen seit Gründung der modernen türkischen Republik einer kaum zu überblickenden Vielzahl sprachlicher und ökonomischer Diskriminierungsmaßnahmen bis hin zur Umsiedlung und Deportation (Brizi 2006: 36).

dem negativen Kreislauf entkommen

Der Lernkontext vieler migrantischer Kinder unterscheidet sich nicht nur in kultureller Hinsicht von jenem der Kinder aus der österreichischen Mehrheitsbevölkerung. Er ist von politischen und ökonomischen Machtverhältnissen geprägt, die ein selbstbewusstes emanzipatives Lernen erschweren. Die Erfahrungen von Roma-Kindern lehren, globale Zusammenhänge von Migration, Bildung und sozialem Status besser zu verstehen. Und es stellt sich die Frage, welchen Beitrag Bildung dazu leisten kann, dem Kreislauf von Herkunft aus der Subalternität, Diskriminierung, Scham, Verleugnung, schlechte schulische Ergebnisse und daher weiterhin Verbleib in subalterner Position zu entkommen.

Lesen Sie auch Teil I von „Roma in Österreich„.


Literatur:

Bricke, Dieter W. (1995): Minderheiten im östlichen Mitteleuropa. Deutsche und europäische Optionen. Baden-Baden: Nomos (Stiftung Wissenschaft und Politik: Aktuelle Materialien zur Internationalen Politik ; 38).

Brizi, Katharina (2006): Das geheime Leben der Sprachen. Eine unentdeckte migrantische Bildungsressource. In: kurswechsel 2/2006, 32-43.

Halwachs, Dieter (2004): Roma und Romani in Österreich.

Halwachs.pdf  (179.64 KB) 

Heinschink, Mozes F. / Hemetek, Ursula. Hg (1994): Roma. Das unbekannte Volk. Schicksal und Kultur. Wien u.a.: Böhlau.

Liegeois, Jean-Pierre (1995): Roma/Gypsies. A European minority. London: Minority Rights Group. (MRG International Report. 0305-6252; 4-95)

The other nomads (1987). Peripatetic minorities in cross-cultural perspective. Köln: Böhlau (Kölner Ethnologische Mitteilungen ; 8).

Veröffentlicht in Entwicklungsforschung, Globale Ungleichheiten, Themen.