Die europäische Aufklärung gilt als eine der prägendsten Epochen in der Ideengeschichte des Westens. Doch ist die Aufklärung wirklich ein emanzipatorisches Projekt, als das sie gefeiert wird? Oder steckt dahinter ein blinder Fleck, der hinterfragt werden muss? Was passiert, wenn diese Erzählung kritisch hinterfragt wird? Am Mittwoch, den 7. Mai 2025, fand in der Diplomatischen Akademie Wien ein Gespräch zwischen der Moderation Martina Neuwirth (Vienna Institute for International Dialogue and Cooperation – Global Dialogue) und der Politikwissenschaftlerin Nikita Dhawan (Professorin für Politische Theorie an der Technischen Universität Dresden) statt, in dem sie ihr aktuelles Buch Die Aufklärung vor Europa retten präsentierte. Die Veranstaltung bot ein Einblick in zentrale Fragen zu Kolonialgeschichte, Aufklärung und postkolonialem Denken – mit einem besonderen Fokus auf die Widersprüche der Moderne und das Spannungsverhältnis zwischen Emanzipation und Ausgrenzung.
Die Aufklärung als Projekt mit Schattenseiten
Bereits der Titel des Buches Die Aufklärung vor Europa retten lädt zur Reflexion ein. Dhawan geht es nicht darum, die europäische Aufklärung zu verwerfen, sondern darum, sie kritisch zu prüfen. Die Aufklärung habe große emanzipatorische Potenziale hervorgebracht – etwa Ideen von Menschenwürde, Gleichheit und Demokratie –, doch gleichzeitig sei sie historisch eng mit Kolonialismus, Versklavung und Ausbeutung verbunden.
Im Vortrag erinnerte Dhawan an das berühmte Bild der europäischen Kaffeehäuser, in denen Denker der Aufklärung ihre Ideen austauschten. Doch woher stammte der Kaffee, den sie dort tranken? Diese scheinbar einfache Frage verweist Dhawan auf koloniale Lieferketten und ökonomische Ausbeutungsverhältnisse, die die materielle Grundlage für viele europäische Freiheiten bildeten.
In diesem Zusammenhang betonte Dhawan die „koloniale Amnesie“ (die Tendenz, koloniale Gewalt in europäischen Erinnerungskulturen auszublenden) in weiten Teilen Europas. Während in Deutschland die NS-Vergangenheit intensiv aufgearbeitet wird, bleibt der Kolonialismus häufig ein Randthema. Dhawan betont, dass es hier nicht um Schuldzuweisung geht, sondern um eine differenzierte Auseinandersetzung mit historischen Kontinuitäten – auch dort, wo sie unbequem sind.
Kant und die Komplexität des Denkens
Ein zentrales Thema des Abends war die Auseinandersetzung mit Immanuel Kant – einem zentralen Denker der Aufklärung, dessen Philosophie heute noch Grundlage vieler Konzepte von Menschenwürde und universellem Recht ist. Dhawan sprach offen über ihre eigene Ambivalenz gegenüber dem Philosophen: Einerseits habe Kant entscheidende Beiträge zur modernen Ethik und zum Begriff der universellen Menschenwürde geleistet. Andererseits fänden sich in seinen Schriften auch Aussagen, die Frauen, nicht-europäische Menschen und andere Gruppen abwerteten.
Diese Widersprüche seien kein Grund, Kant pauschal abzulehnen, sondern ein Anlass, kritisch mit seinem Werk umzugehen. „Wir müssen bessere Kantianer*innen werden“, formulierte Dhawan. Die Idee ist dabei nicht, historische Denker zu „canceln“, sondern universelle Ideen weiterzuentwickeln, ohne dabei ihre historische Ausschlüsse zu übersehen.
Zivilgesellschaft und staatliche Macht
Ein zentrales Anliegen Dhawans ist es, jene Menschen sichtbar zu machen, die keinen Zugang zu staatlicher Macht oder öffentlicher Repräsentation haben. Sie greift hier auf Antonio Gramscis Begriff der „Subalternen“ zurück – Menschen, deren Stimmen in dominanten Diskursen nicht gehört werden. Besonders eindrücklich schilderte Dhawan eigene Erfahrungen mit Dalit- und Adivasi-Frauen in Indien, die Opfer sexualisierter Gewalt wurden, ohne je Zugang zu rechtlicher Gerechtigkeit zu erhalten.
Zivilgesellschaft, so Dhawan, dürfe nicht idealisiert werden. Sie sei oft von privilegierten Gruppen dominiert und schließe marginalisierte Stimmen systematisch aus. Die Frage laute daher: Wer hat Zugang zum Diskurs? Wer gilt als Teil des „Demos“, also des politischen Gemeinwesens? Sie verwies auf den italienischen Philosophen Antonio Gramsci, dessen Konzept der Subalternität für das Verständnis unterdrückter Stimmen bis heute zentral sei.
Ambivalente Werte und neue Imaginationen
In ihrem Vortrag betonte Dhawan zudem die Notwendigkeit, „europäischen Werte“ wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit im Kontext ihrer Entstehungsgeschichten zu betrachten. Sie erinnerte an die haitianische Revolution von 1791, in der versklavte Menschen gegen die französische Kolonialherrschaft kämpften – und eben jene Werte artikuliert, eingefordert und verwirklich haben. Die Frage sei demnach nicht, ob diese Werte universell seien, sondern: Wer beansprucht sie? Wer profitiert davon? Und wer wurde systematisch davon ausgeschlossen?
Dhawan plädierte dafür, die vermeintlich europäischen Werte in ihrer globalen Dimension zu verstehen – als etwas, das viele Gesellschaften auf unterschiedliche Weise geprägt habe.
Auch auf aktuelle geopolitische Spannungen ging Dhawan ein. Am Beispiel der Diskussionen um Israel, den Internationalen Strafgerichtshof oder Antisemitismus im globalen Süden machte sie deutlich, wie komplex die Lage sei – und wie leicht moralische Urteile ohne Kontext neue Ungerechtigkeiten schaffen können. Die Welt, so Dhawan, sei voller ethischer Dilemmata, die sich nicht mit einfachen Antworten lösen lassen.
Hoffnung trotz Widersprüche
Trotz der kritischen Analyse vermittelte der Vortrag auch eine hoffnungsvolle Botschaft. Dhawan zitierte Gramsci, Salman Rushdie und andere Denker, um zu zeigen, dass Zukunft nur dann möglich ist, wenn wir uns mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Ihre Erzählweise war dabei nicht nur theoretisch fundiert, sondern auch erzählerisch lebendig, gespickt mit kleinen Anekdoten, Analogien und Reflexionen, die den Abend zu einem dekolonialen und eindrücklichen Erlebnis machten.
Fazit
Nikita Dhawan lieferte an diesem Abend keine einfachen Antworten, sondern eine Einladung zum Denken – und zum Verlernen. Ihr Vortrag war ein kraftvolles Plädoyer für ein postkoloniales Bewusstsein, das weder Europa dämonisiert noch idealisiert, sondern Verantwortung und neue Solidaritäten einfordert. Auf die Frage, wie wir einer unsicheren Zukunft begegnen können, antwortete sie: „Wir müssen unsere Komfort-Zone verlassen!“
Die Aufklärung vor Europa retten wurde im November 2024 auf die ZEIT-Bestenliste Sachbuch aufgenommen. Es verbindet politische Theorie mit drängenden gesellschaftlichen Fragen und bietet kluge Denkanstöße für eine gerechtere globale Ordnung. Eine klare Leseempfehlung – für alle, die Lust darauf haben, über die Schattenseiten einer vermeintlich lichten Epoche nachzudenken.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Titelbild © Tsepang (Tespa) Malephane.
Die Veranstaltung war eine Kooperation zwischen VIDC und Mattersburger Kreis, als Einleitung stellte Lucile Dreidemy den Bogen zur jüngsten Veröffentlichung des Mattersburger Kreises her: Stimmen des Antikolonialismus. Eine globalhistorische Spurensammlung 1615-1915. Hg. von Lucile Dreidemy, Johannes Knierzinger, David Mayer, Clemens Pfeffer. Wien 2025.
Weiterführende Links:
Das Buch Die Aufklärung vor Europa retten auf der Website des campus-Verlages
Die Veranstaltung auf der Website des VIDC (Dokumentation folgt bald ebendort).