Am 17. Oktober 2007 fand im Bundesministerium für europäische und
internationale Angelegenheiten die Vortagung für das Symposium
"Perspectives on Development Studies" (25. bis 27. Oktober 2007) in
Mattersburg statt.
In Erinnerung an österreichische Persönlichkeiten wie Polanyi oder Schumpeter betonte Andreas Novy, der wissenschaftliche Leiter des Paulo Freire Zentrums, in seiner Begrüßung die zentrale Rolle Österreichs in der historischen Entwicklungsforschung. Ungefähr 50 TeilnehmerInnen diskutierten einen Tag lang über Inhalt und Zweck von bzw. Erwartungen an Entwicklungsforschung.
Wer forscht wo und wie über oder für Entwicklung?
Zu Beginn erwartete das internationale Publikum ein Vortrag von Birgit Habermann (Kommission für Entwicklungfragen bei der Österreichischen Akademie der Wissenschaften – KEF) und Margarita Langthaler (Österreichiche Forschungsstifung für Internationale Entwicklung – ÖFSE) über Entwicklungsforschung in Österreich.
Dabei wurden drei Komponenten dieses Feldes präsentiert. Erstens historisch gewachsene Strukturen, wie Universitäten, Forschungsinstitute, private Initiativen und NGOs. Zweitens die von internationalen und EU-Vorgaben beeinflussten AkteurInnen, wie WissenschafterInnen, PraktikerInnen in der Entwicklungszusammenarbeit (EZA), u.a. Und drittens involvierte Forschungsfelder.
Hier unterteilten die Referentinnen erneut in Forschung über Entwicklung, in Forschung für Entwicklung und in Forschung über/für Politik ("Development Policy Research"). Sie wiesen auf die Existenz von vielen Vorurteilen in allen diesen drei Bereichen hin. Ein wichtiger Punkt sei die Relevanz einer gemeinsamen Vision, sowie die Beachtung von Rechenschaftspflicht und Verantwortlichkeit aller beteiligten AkteurInnen.
Sichtweisen aus Österreich Praxisnähe als oberstes Gebot?
Nach dieser ersten Annäherung an das Thema formulierten Anton Mair (Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten – BMeiA), Margit Scherb (Austrian Development Agency – ADA) und Petra Navara (Arbeitsgemeinschschaft Entwicklungszusammenarbeit – AGEZ, Horizont 3000) in kurzen Beiträgen, welche Erwartungen die Institutionen der Entwicklungspolitik und EZA an die Entwicklungsforschung haben.
Anton Mair definierte zwei verschiedene Ansätze, um Entwicklungsforschung zu fördern: "Research as a support function" im Gegensatz zu "Research as a subject for support". Entwicklungsforschung solle nachfrageorientiert, multidisziplinär, und unter Berücksichtigung der Eigenverantwortlichkeit der PartnerInnen durchgeführt werden. Sie dürfe nicht abgehoben im sprichwörtlichen Elfenbeinturm sitzen, sondern benötige vielmehr eine Anbindung an politische EntscheidungsträgerInnen.
Als Vertreterin der ADA forderte Margit Scherb, die "scientific community" zu stärken, und einen institutionalisierten Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis zu etablieren. Die praktische Erfahrung der ADA bedürfe kritischer Reflexion und biete EntwicklungsforscherInnen ein breites Tätigkeitsfeld.
Laut Petra Navara müsse das wachsende Interesse an globaler Entwicklung genutzt werden, um die Forschungsleistung im Dienst der EZA zu stärken. Forschung, die oft als arrogant und abgehoben wahrgenommen werde, habe die Aufgabe handlungsorientiertes Wissen zu schaffen.
"Development is back on the table of discussions!"
Der Mittagspause folgte ein Vortrag von Professor Adebayo Olukoshi (Council for the Development of Social Science Research in Africa – CODESRIA, Senegal), in dem er die letzten zweieinhalb Dekaden als "Death of Development" beschrieb. Dass Entwicklung heute wieder einen höheren Stellenwert habe, wird von ihm als direkte Antwort auf den Neoliberalismus und die Strukturanpassungsprogramme der Vergangenheit verstanden.
Als zentrales Problem sieht er die Ansicht, Europa forsche ausschließlich für den "Süden", Entwicklungsforschung betreffe nur "die Anderen". Man müsse sich außerdem bewusst werden, dass die Entwicklungsinstitutionen des "Südens" direkt auf kolonialen Strukturen aufbauten. Damals wie heute werde versucht, europäische Entwicklung einfach nachzuahmen. Entwicklung sei aber ein kontinuierlicher Arbeitsprozess und über verschiedene Wege zu verwirklichen.
Weiterdenken in Arbeitsgruppen
Am Nachmittag wurden die bisherigen Impulse in kleineren Gruppen diskutiert und mit den Erfahrungen und Kenntnissen der jeweiligen TeilnehmerInnen verknüpft. Beispielsweise beschäftigte man sich mit der begrifflichen Trennung von Entwicklungsforschung und EZA. Hat Forschung die Aufgabe, Projekte der EZA zu evaluieren? Ist Forschung, die sich nicht direkt in die Praxis umsetzen lässt, legitim? Soll für oder über die EZA geforscht werden?
Letzte Runde
Nach einer kurzen Präsentation der Diskussionen in den Arbeitsgruppen übernahmen Anton Mair, Margit Scherb, Michael Hauser (KEF) und Walter Schicho (Mattersburger Kreis) das Schlusswort am Podium.
Positives war von Anton Mair zu vernehmen, der die am Vormittag angesprochenen Grenzen ein klein wenig überschritten sah und sich über das große Interesse am Thema freute.
Ein bewusstes Anstreben von Kooperationen mit WissenschafterInnen nahm Margit Scherb von der Tagung mit in die ADA. Man solle einfach mit der Zusammenarbeit beginnen und schauen, wo diese hinführe.
Michael Hauser sprach von gegenseitiger Wertschätzung und Vertrauen, Kommunikation und Lernfähigkeit sowie kollektivem Handeln. Diese seien notwendig, um gemeinsame Ziele zu erreichen. Es fehle an Berührungspunkten zwischen den jeweiligen Forschungsfeldern, daher gebe es keinerlei Konflikte.
Dies verneinte Walter Schicho, der die Existenz von Konflikten bestätigte, die allerdings nicht im Wissenschaftsbereich ausgetragen würden. Weiters unterstrich er die Relevanz einer Definition von Entwicklungsforschung, um die Konsolidierung dieser neu entstehenden Wissenschaft zu unterstützen.
Nach vielen Stunden der gemeinsamen Diskussion, einigen Annäherungen und vielen Fragen klang die gelungene Veranstaltung bei einem Gläschen Wein aus, um mit neuem Elan nächste Woche in Mattersburg weitergeführt zu werden.
Photos von der Vortagung finden Sie hier.
Dokumentation
Eine Dokumentation der Veranstaltung finden Sie hier … (externer Link zu pdf-file, 0,5 MB)
Die AutorInnen sind PraktikantInnen des Paulo Freire Zentrums. Simone Grosser studiert Kultur- und Sozialanthropologie und Portugiesisch. Martin Reif studiert Politikwissenschaft.