Am 27. März 2008 fand in Recife ein Seminar statt, in dem Erfahrungen der Praxis sozialer Initiativen mit dem Wissen aus Universitäten ausgetauscht wurden. Das Paulo Freire Zentrum Wien hatte das Seminar mitorganisiert.Das Seminar "Wissen und Volksbildung: Dialog zwischen Wissensformen und Erfahrungen" war gleichzeitig der Abschlussworkshop eines von der Kommission für Entwicklungsfragen (KEF) unterstützten Forschungsprojekts des Paulo Freire Zentrums Wien.
An der Universität Recife (Pernambuco, Brasilien) trafen bereits zum zweiten Mal soziale Initiativen aus dem Nordosten Brasiliens und WissenschafterInnen und Studierende zusammen, um einen Tag lang praktische Erfahrungen und wissenschaftliche Erkenntnisse auszutauschen und zu diskutieren.
Den Schwerpunkt bildete dabei die Frage nach Demokratisierung von Wissen und Bildung. Dies ist in peripheren Regionen wie Pernambuco von großer Bedeutung. Auch zu öffentlichen Universitäten, die kostenlos sind, ist der Zugang oft einer meist wohlhabenden Minderheit vorbehalten, die sich auf teuren Privatschulen auf die Aufnahmsprüfungen bestens vorbereiten kann. Gerade deshalb haben die öffentlichen Universitäten, ihre Lehrenden und Studierenden, eine Verpflichtung gegenüber der Allgemeinheit. Diese orten viele der ReferentInnen des Seminars unter ihnen Andreas Novy vom Paulo Freire Zentrum Wien darin, ihr Wissen weiterzugeben und marginalisierte Teile der Gesellschaft aktiv daran teilhaben zu lassen. Bildung und Wissenschaft sollten auf eine breitere Basis gestellt werden, indem Universitäten verstärkt mit sozialen Bewegungen in Dialog treten und sich ihren praktischen Erfahrungen öffnen. Die Potenziale von Alltagswissen sollen erkannt und eine weitere Elitisierung der Bildung verhindert werden.
Räume erobern, Gemeinschaft bilden
Auf dem Seminar kamen verschiedenste Initiativen zu Wort, die im urbanen sowie ruralen Umfeld Räume und Möglichkeiten für und mit ausgeschlossenen Gruppen schaffen. Sie zeigten, wie vielfältig und reich die Erfahrungen der "educação popular" in Brasilien auch heute noch sind, und inspirierten die SeminarteilnehmerInnen selbst aktiv zu werden.

TeilnehmerInnen des Seminars in Recife am 27. März 2008 (Photos: Neuhauser/Zobernig)
Besonders beeindruckend war das Projekt "Coque Vive", in dem Jugendliche eines Armenviertels in Recife gemeinsam mit Studierenden ein Journal (Print und Online) herausgeben und Begnungszentren schaffen. Das allgemeine Bild des Stadteils "Coque", der von den Medien als Ort der Kriminalität und Hoffnungslosigkeit stigmatisiert wird, soll verändert und ein neues, positveres gezeichnet werden, mit dem sich die BewohnerInnen von Coque identifizieren können. Dies stärke das Selbstbewusstsein der Jugendlichen, die wieder aktiv an der Gestaltung ihres Stadtteils teilhaben. Mit der Schaffung alternativer Informationen und Artikulationsmöglichkeiten werden neue sowohl virtuelle als auch reale Räume besetzt und soziale Netzwerke und Gemeinschaften gebildet.
Staat als Promotor der Solidarökonomie
Als prominenter Gast war Paul Singer, Brasiliens Staatssekretär für Solidarökonomie, geladen. In seinem Vortrag beschrieb er seine Vorstellung vom Verhältnis zwischen Staat und Zivilgesellschaft: "Ich wünsche mir einen Staat, der aktiv die Multiplikation von Alternativen fördert", sei es in der Zusammenführung von Einzelinitiativen oder alternativen Wissensnetzwerken.

Für Singer (Photo links, beim Seminar) zeige die Solidarökonomie, dass eine andere, solidarischere
Form des Wirtschaftens nicht nur möglich ist, sondern auch schon
konkret gelebt wird. Um die enorme Diversität der sozialen Bewegungen
und solidarökonomischen Initiativen zu erhalten und durch den Staat zu
fördern, bedürfe es jedoch einer weiteren Vertiefung der
institutionellen Struktur. Es werde daher an der Errichtung von
regionalen Zweigstellen und einem nationalen Institut für
Solidarökonomie gearbeitet.
Einzelerfahrungen sammeln, Synergien bilden
Der größte Erfolg des Seminares war es, unterschiedliche Erfahrungen zusammen zu führen und in einen fruchtbaren Austausch zu bringen. Gegen Ende des Seminars blieb jedoch die Frage im Raum stehen, wie sich die unterschiedlichen Initiativen auch in Zukunft sammeln sollten. Die öffentlichen Universitäten könnten hierfür ein Beispiel geben, indem sie zu "Brutstätten solidarischer Wissensnetzwerke" werden.
Abermals wurde deutlich, dass sich die Kräfte, die am Aufbau eines alternativen Gesellschaftsprojektes arbeiten, bündeln müssen, um Synergien zu bilden. Denn so wie Pamela Cristina von der solidarökonomischen Initiative "Arte Calango" bemerkte, bleibe "ein Traum, der alleine geträumt wird, nur ein Traum, während gemeinsame Träume zur Realisierung führen".
Das Programm des Seminars finden Sie hier.
Die AutorInnen studieren Internationale Entwicklung in Wien und absolvieren zurzeit ein Auslandssemester in Recife/Brasilien.