Am 12. April 2010 fand im Centrum für Internationale Entwicklung die Präsentation des von der ÖFSE publizierten Buches „Internationalisation of Higher Education and Development Zur Rolle von Universitäten und Hochschulen in Entwicklungsprozessen“ statt.
Nach der Eröffnung durch Gerhard Bittner, Geschäftsführer der ÖFSE, übernahm die wissenschaftliche Mitarbeiterin Margarita Langthaler das Wort und stellte das Buch kurz vor. Der Sammelband dokumentiert eine Tagung zum gleichnamigen Thema, die 2009 an der BOKU stattfand. Dabei wurden die Zusammenhänge zwischen Internationalisierung und Entwicklung aus unterschiedlichen Perspektiven diverser Regionen (Afrika, Osteuropa und Westeuropa) analysiert. Ziel des Sammelbandes ist es, die Verantwortung der Hochschulinstitutionen für Entwicklung zu diskutieren und den Beitrag, den Internationalisierungsstrategien diesbezüglich leisten können, zu erörtern.
Die Geschichte Bolognas

Nach der Buchvorstellung folgte ein Vortrag von Antoni Verger, Soziologe der Universidad Autonoma de Barcelona (UAB), der in seinen Arbeiten unter anderem die Rolle der WTO und speziell das WTO Abkommen GATS (General Agreement on Trade in Services) in Bezug auf die Hochschulbildung analysiert.
In seiner Präsentation erklärte er, dass die Internationalisierung von Universitäten kein neues Phänomen sei. Allerdings sei die Zahl von ausländischen StudentInnen an westlichen Universitäten und Hochschulen (vor allem in den USA, Großbritannien und Deutschland) besonders seit den 1990er Jahren stark angestiegen.
Als 1999 29 Länder die Bologna-Erklärung unterzeichneten, strebten diese ein einheitliches Notensystem, eine erleichterte Mobilität der Studierenden und eine problemlose Anerkennung von universitären Zertifikaten in den Partnerländern an. Die Europäische Kommission unterstützte den Bologna-Prozess, um die europäische Hochschulbildung zu modernisieren, AuslandstudentInnen nach Europa zu locken und einen Brain-Drain europäischer Studierenden zu vermeiden. All dies wird in der im Jahr 2000 entwickelten Lissabon-Strategie deutlich, die sich als Ziel die Entwicklung Europas zur weltweit größten Wissensökonomie bis zum Jahr 2010 setzte. Des Weiteren sollten die akademischen Studiengänge an den Arbeitsmarkt angepasst werden, was eine Ökonomisierung der Bildung zur Folge hatte.
Positiver Entwicklungseffekt
Die Europäische Kommission unternahm ebenfalls zahlreiche Versuche, das hiesige Bildungssystem auch in nicht europäischen Ländern umzusetzen. Als Beispiel hierfür kann die Zusammenarbeit der EU-LAC (Europäische Union mit Lateinamerika und den Ländern der Karibik) bezüglich der Realisierung eines gemeinsamen Hochschulsystems genannt werden. Zwar wird in diesem Rahmen von Dialog und Partnerschaft zwischen Europa und Lateinamerika gesprochen, jedoch werden viel eher europäische Normen und Standards nach Lateinamerika transportiert als umgekehrt.
Nach dem Vortrag Vergers meldete sich schließlich auch das Publikum mit Fragen an den Gastreferenten zu Wort. Einige Anwesende sahen durchaus einen positiven Entwicklungseffekt der Internationalisierung von europäischen Bildungssystemen auf ärmere Länder. Daraufhin entgegnete Verger allerdings, dass die alleinige Umsetzung moderner Bildungsstandards in bestimmten Ländern nicht genüge, da wichtige grundsätzliche Voraussetzungen, die für diese modernen Standards von Nöten wären, häufig nicht gegeben sind. Die alleinige Existenz von Universitäten würde noch nicht zu einer positiven Entwicklung führen. Andere wichtige Voraussetzungen, wie die Ausstattung mit wissenschaftlichem Lehrmaterial oder auch die Englischkenntnisse von Studierenden, sind oft nicht gegeben und verhindern somit ein qualitativ hochwertiges Studium.

Foto: ÖFSE
Machtverhältnisse im Handel mit der Bildung
In der anschließenden Podiumsdiskussion meldeten sich die geladenen Gäste zu Wort. Wolfhard Wegscheider, Rektor der Universität Leoben, äußerte sich zum ECTS-System, das seine Funktion als international vergleichbares Instrument von Hochschulabschlüssen seiner Meinung nach nicht erfülle, da die Qualität der unterschiedlichen Hochschulsysteme keineswegs einheitlich sei. Reinhold Gruber von der Abteilung für Entwicklungspolitik und -strategie im Außenministerium verwies darauf, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse und Standards in Entwicklungsländern an die der westlichen Welt angepasst werden müssten, um die gesetzten Ziele der MDGs erreichen zu können. Zwischen dem Entwicklungspolitik-Gedanken und jenem, europäische Universitäten zu den stärksten und wettbewerbsfähigsten zu machen, sieht er einen Widerspruch.
Karin Fischer, Lehrende an der Johannes Kepler – Universität in Linz, betonte in der Diskussion die Notwendigkeit, Machtverhältnisse, die bei der Internationalisierung von Strukturen mitspielen, zu beachten. Wer bestimmt, welche Strukturen internationalisiert werden? Fischer berichtete von der Diskussion über die Einführung von Englisch als Unterrichtssprache, die im Rahmen der „Internationalen Entwicklung“ geführt wurde. Mehrheitlich wurde dieser Vorschlag jedoch abgelehnt mit der Begründung, dass sich zwar die Zahl Studierender aus Entwicklungsländern erhöhen würde, diese Regelung jedoch abermals nur einen Teil der dortigen Bevölkerung privilegieren würde und somit nicht für alle einen Vorteil bedeutet.
Bildung weiterhin ein öffentliches Gut
Sigrid Maurer, Vorsitzende der ÖH-Bundesvertretung, wies in der Diskussion auf die Vernachlässigung sozialer Fragen hin, die beim Thema Internationalisierung und Bildung miteingebunden werden müssten. Allein das Studieren österreichischer StudentInnen in anderen Ländern mit höheren Lebenshaltungskosten sei oft bereits problematisch. Des Weiteren äußerte sie sich schockiert über die Bezeichnungen „Bildungsexport und -import“, da Bildung keine Ware sei, sondern aus ihrer Sicht immer noch ein öffentliches Gut.
Die Abschlussworte gehörten dem Leiter der Podiumsdiskussion Erich Thöni, Vorsitzender des Runden Tisches für Bildungszusammenarbeit. Er appellierte an die Anwesenden unser universalistisches Denken zu hinterfragen und stärker zu differenzieren, wenn es um die Internationalisierung von Bildung und ihren Beitrag zu Entwicklungsprozessen geht.
Lesen Sie auch die Berichte der Tagung 2009:
Internationalisierung und entwicklungspolitische Dimensionen an Fachhochschulen und Universitäten Teil I
Internationalisierung und entwicklungspolitische Dimensionen an Fachhochschulen und Universitäten Teil II
Die Autorin studiert Internationale Entwicklung und ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum.
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