Der Autor ging auf dem Seminar „Wissen und Volksbildung: Dialog zwischen Wissensformen und Erfahrungen“ in Recife aus europäischer Perspektive der Frage nach, was der Pädagoge Paulo Freire zur Reflexion über Wissensgesellschaft im 21. Jahrhundert beitragen kann.Wenn über die Bedeutung Paulo Freires in der Wissensgesellschaft gesprochen wird, dann sind zwei Klarstellungen vorweg notwendig: Zum einen interessiert im 21. Jahrhundert weniger seine Methode der Alphabetisierung als seine Haltung und Philosophie, die auf Dialog mit und Respekt gegenüber den Benachteiligten beruht. Zwar ist die Methode Freires weiterhin relevant, insofern sie am Alltag und Arbeiten der Menschen ansetzt. Alphabetisierung ist aber in vielsprachigen Zusammenhängen, wie dies in Europa normal ist, nicht auf den Erwerb der Landessprache reduzierbar. Europa braucht innovative Modelle, mit Mehrsprachigkeit umzugehen. Zum anderen ist die Wissensgesellschaft eine Phase kapitalistischer Entwicklung, in der sich Widersprüche bloß neu darstellen: sei dies die Kluft zwischen Besitzenden und Besitzlosen, wobei nun Wissen vermehrt selbst als Ressource gilt; sei dies bezogen auf das befreiende und destruktive Potential von Wissen, das für Gesundheit oder Rüstung nutzbar gemacht werden kann. Eine Pädagogik der Befreiung steht weiterhin vor der Herausforderung, Selbst- und Weltveränderung immer als ganzheitliches Projekt der Befreiung zu verstehen.

Es gibt Aspekte der freireanischen Philosophie, die Eingang in das
Bildungs- und Wissenschaftssystem gefunden haben. Dazu gehört die
Einsicht in die Kontextgebundenheit von Wissen und Lernen und die
Notwendigkeit, praktisches Wissen zur Lösung konkreter Probleme
einzusetzen. Wissenschaftstheoretisch wird dies Transdisziplinarität
genannt.
(Photo: Andreas Novy beim Seminar in Recife)
Hierbei geht es um einen doppelten Dialog zwischen verschiedenen Disziplinen innerhalb des Wissenschaftsbetriebs und zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Der doppelte Dialog mobilisiert gleichermaßen Erfahrungswissen, das Handeln reflektiert, und wissenschaftliches Wissen. Im Vordergrund dieses, auch von der Europäischen Union geförderten Forschungszugangs steht die Lösung konkreter Probleme zusammen mit PraktikerInnen und nicht so sehr die Erarbeitung sozialer Gesetzmäßigkeiten. Für die wissenschaftliche Unterstützung von Solidarökonomie liegt darin die Chance, "Aktionismus" und "Verbalismus" zu überwinden und wissenschaftlich fundiert zu einer besseren Praxis solidarökonomischer Betriebe beizutragen. Ein Beispiel ist die Kooperative Pirambu Digital in Fortaleza, einer Millionenstadt im Nordosten Brasiliens. Ziel dieser erfolgreichen Initiative ist es, Jugendlichen eines Armenviertels nicht nur den Zugang zum Universitätsstudium zu ermöglichen, sondern die Jugendlichen auch zu befähigen, MultiplikatorInnen zu werden, die im eigenen Stadtteil die Barrieren im Zugang zu neuen Technologien abbauen.
Leider gibt es wichtige Einsichten der Befreiungspädagogik Freires, die weiterhin marginalisiert sind. Als größtes Problem ist hierbei die tief sitzende elitäre Grundhaltung zu nennen, die jegliche Form populären oder nicht-elitären Wissens und Handelns rasch als populistisch abwertet. In Brasilien jedoch waren in den 1950er Jahren, als Freire seine Theorie entwickelte, Volks- und Lernbewegungen eng verwoben. Basisinitiativen waren die Trägerinnen und Orte der Bildungsbemühungen. Gewerkschaften, Genossenschaften, Kirchen und Parteien unterstützten in unterschiedlichen Bereichen und auf verschiedene Weisen diese Initiativen. Gemeinsam hatten diese Bemühungen die Hinwendung zum Volk, verstanden als die arme und benachteiligte Bevölkerungsmehrheit. Die Bildungsbewegung war somit Teil einer umfassenden Bewegung zur sozialen Demokratisierung. Die verschiedenen solidarökonomischen Initiativen, wie die oben beschriebene Pirambu Digital, sind praktische Versuche, Bildungszugänge zu verbreitern, indem die Universität Vor-Ort-Strukturen in Armenvierteln schafft.
Dieses Interesse für die Basis der Gesellschaft ist in Europa, das eigentlich auf eine lange Tradition der Genossenschafts- und Arbeiterbewegung zurückblickt, rasant im Nachlassen. Das Vertrauen, dass von unten nicht nur Probleme, sondern auch Lösungen kommen, ist gerade unter den Meinung machenden Eliten gering. Gegen diesen Zeitgeist steht die Freireanische Haltung in deutlicher Opposition und lädt zur neuen Prioritätensetzung einer solidarischen Wissensgesellschaft im 21. Jahrhundert ein. Ressourcen und Energien wären deutlich besser angelegt, wenn die vielfältigen, oftmals ungenutzten Potentiale aktiviert werden, die an den Rändern unserer Städte und Regionen schlummern. In Lateinamerika, aber vor allem in Brasilien, leben im Unterschied zu Europa die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts weiter. Staat und vielfältige engagierte Initiativen experimentieren mit sozialen Innovationen in Kultur, Bildung und solidarischem Wirtschaften. Hier täte Europa Wissensaustausch gut, denn bei uns fehlt bis dato der Mut zur sozialen Innovation und ein politisches Bekenntnis zu gleichen Bildungschancen.
Einen Bericht über das Seminar in Recife finden Sie hier.
Das Programm des Seminars in Recife finden Sie hier.
Der Autor ist wissenschaftlicher Leiter des Paulo Freire Zentrums.