Besetztes Land

Die Commissão Pastoral da Terra setzt sich für die Durchführung der vom brasilianischen Präsidenten Lula versprochenen Agrarreform ein. Ein wichtiger Teil ihrer Arbeit ist die Begleitung und Unterstützung von LandbesetzerInnen bei der Durchsetzung ihrer Rechte. Ein Bericht vom Besuch dreier Landbesetzungen.Notdürftige Zelte aus Ästen und schwarzen Plastikplanen, eng aneinandergedrängt. Dazwischen kleine Gemüsegärten und Kochstellen. Keine sanitären Anlagen, kein fließendes Wasser. Rund 45 Familien leben in dem Acampamento rund eine Autostunde von Recife entfernt. Die BewohnerInnen stammen aus der unmittelbaren Umgebung, einer Region, die bis zum Horizont nur aus Zuckerrohrfeldern zu bestehen scheint. Sie kämpfen darum, nicht genutztes Land zu erhalten, um sich darauf anzusiedeln, Gemüse und Obst anzubauen und Tiere zu halten. Bereits seit gut einem Jahr leben sie hier unter diesen Umständen.

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Die Küche des Acampamento (links) und eine Ansicht des Acampamento. (Photos: Pia Lichtblau)

Das Land, um das es sich in diesem Fall dreht, gehört zum Besitz einer Zuckermühle, die darauf nicht verzichten will im Gegenteil: Am Weg zum Acampamento kommen wir an einem frisch gepflügten Landstück vorbei. Marluze und Junior, mit denen ich unterwegs bin, erklären mir, dass auf diesem Landstück bis vor kurzem einige Familien gelebt haben, in Häusern, mit Obstbäumen und Gemüsegärten. Sie wurden vertrieben, um Platz für noch mehr Zuckerrohr zu machen.

Zucker für den Tank

Verschärft wird die Situation noch durch die Aussichten auf fette Profite die globale Diskussion um Agro-Treibstoffe, die unter anderem aus Zuckerrohr hergestellt werden, lässt den Anbau von Zuckerrohr so gewinnträchtig wie schon lange nicht mehr erscheinen. Eine Win-Win-Situation für die AutofahrerInnen der Industriestaaten und die wenigen BesitzerInnen der Agroindustrie-Betriebe Brasiliens. Den Preis dafür zahlen dritte die ArbeiterInnen, die unter unmenschlichen Bedingungen, oft illegal, unterbezahlt oder sogar als moderne SklavInnen in den Zuckerrohrfeldern schuften, die landlosen Menschen, die in Obdachlosigkeit und Armut leben und generell die arme Bevölkerung Brasiliens, die unter steigenden Preisen für Obst und Gemüse durch die Verdrängung des Nahrungsmittelanbaus durch die Zuckerplantagen besonders leiden. Und Lula, in den gerade von diesen Menschen so viel Hoffnung gesetzt worden war, verkündet stolz: "Ich werde den Biodiesel auf den G8-Gipfel bringen! Wenn Industriestaaten Interesse an Agro-Treibstoffen haben stehen wir bereit mit Land, Wasser, Sonne und Arbeitskräften!"

Land für Autonomie

Die MitarbeiterInnen der Commissão Pastoral da Terra (CPT) haben andere Vorstellungen davon, wie die Agrarreform aussehen soll: Die Menschen sollen als selbständige Bäuerinnen und Bauern auf ihrem Land arbeiten und Lebensmittel für den eigenen Bedarf und regionale Märkte erzeugen. Der Weg dorthin ist lang in einem ersten Schritt muss brachliegendes Land gefunden werden, auf dem ein Acampamento errichtet wird. Daraufhin müssen Anträge eingebracht werden, ExpertInnen müssen beurteilen, ob das fragliche Land wirklich brachliegt und dem Eigentümer somit vom Staat abgekauft und den LandbesetzerInnen übereignet werden kann. All diese Prozeduren müssen die LandbesetzerInnen selbständig durchstehen die CPT unterstützt sie dabei.

Im Acampamento wird eine Versammlung einberufen, Marluze und Junior erklären den LandbesetzerInnen, wann sie zu welchem Amt gehen müssen, an wen sie sich dort wenden sollen, welche Ziele dabei jeweils verfolgt werden und welche Schritte darauf erfolgen müssen. Eine verwirrende Bürokratie, die zu bewältigen ist und das, wo das Bildungsniveau der LandbesetzerInnen zum großen Teil ausgesprochen niedrig ist, viele können nicht einmal lesen und schreiben.

Lernen, zu wissen, zu handeln, zusammenzuleben und zu sein

Neben dem Wissen über diese juristischen Angelegenheiten und Alphabetisierungskurse stellt aber auch das Zusammenleben im Acampamento einen Lernprozess dar. Soziale Probleme treten auf und müssen gemeinsam bewältigt werden, etwa der Umgang mit Alkohol oder Gewalt unter den BewohnerInnen. Die Versammlung bietet auch für diese Diskussionen Zeit und Raum einige der Bewohner kämpfen mit Alkoholproblemen. Die Anwesenden diskutieren, wie sich das auf die Gemeinschaft auswirkt, wie die Betroffenen ihre Probleme in den Griff bekommen können, wo sie Hilfe finden und wie die Gemeinschaft sie unterstützen kann. Die LandbesetzerInnen müssen ein Bewusstsein dafür entwickeln, was es heißt, Mitglied einer Gemeinschaft zu sein, gemeinsam Probleme und alltägliche Angelegenheiten zu diskutieren, Entscheidungen zu treffen und Handlungen zu setzen.

Am Ziel?

Wurden all die rechtlichen Prozeduren erfolgreich bewältigt, "enteignet" der brasilianische Staat das umstrittene Land und macht die BesetzerInnen zu rechtmäßigen BesitzerInnen. Die Siedlungen Belo Horizonte und Ismael Filipe sind seit etwas mehr als einem Jahr solche Assentamentos, wie die Siedlungen nach der Legalisierung genannt werden. Hier haben die Menschen kleine Häuser, einfache Ställe, sie halten Hühner, Ziegen, Rinder und andere Tiere und bauen Gemüse und Obst an. Der Kampf um das Land war aber keineswegs nur ein juristischer es gab gewaltsame Auseinandersetzungen mit den ursprünglichen BesitzerInnen, Todesfälle, Gefängnisaufenthalte. Und er ist lang im Fall des Assentamento Ismael Filipe hat er über neun Jahre gedauert.

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Ein Wohnhaus des Assentamento und eine Arbeitsgruppe bei der Diskussion. (Photos: Pia Lichtblau)

Zur Verbesserung der Situation der LandbesetzerInnen stellt der brasilianische Staat verschiedene Kredite zur Verfügung. Um die zu erhalten, sind aber weitere bürokratische Hürden zu überwinden, unter anderem müssen die BewohnerInnen der Assentamentos einen Entwicklungsplan erstellen. Was soll angebaut, welche Tiere sollen gehalten werden? Will jeder für sich auf seinem Stück Land arbeiten oder soll gemeinsam gewirtschaftet werden? Oder soll eine Mischform gewählt werden? Welche Möglichkeiten bietet das Land überhaupt, wie ist der Boden beschaffen, wieviel Wasser steht zur Verfügung? Diese Dinge werden in den Versammlungen der Assentamentos diskutiert. In Arbeitsgruppen diskutieren die Anwesenden, beschließen, möglichst viele unterschiedliche Gemüsesorten anzubauen, damit sie nicht so stark von Schädlingen oder Schwankungen der Nachfrage abhängig sind.

Der Prozess ist langwierig, zudem werden die Geldsummen, die Brasilien für die Kredite bereitstellt, von Jahr zu Jahr kleiner während 2005 noch 128.000 Millionen Reais zur Verfügung gestanden sind, waren es letztes Jahr nur mehr 66.000 und für dieses Jahr 37.000 Millionen. Zusätzlich verzögern die Behörden die Vergaben absichtlich. Keines der beiden Assentamentos hat bisher Geld erhalten, obwohl beide ja schon über ein Jahr bestehen.

In der Zwischenzeit geht das Leben auf einfachem Niveau weiter. Die Häuser bestehen lediglich aus einem einzigen Raum, in dem die ganze Familie lebt, als Küche dient ein Anbau mit offener Feuerstelle. Trinkwasser wird durch das Sammeln von Regenwasser und das Graben von Brunnen gewonnen. Sanitäre Anlagen, Elektrizität? Gibt es nicht.

Ob die Menschen glücklich sind, unter diesen Bedingungen zu leben? Drei junge Frauen leisten mir beim Mittagessen Gesellschaft auf meine Frage lächeln sie melancholisch. "Nein", sagt eine. "Hier gibt es nichts, alles ist so weit weg. Sogar in die Schule braucht man ewig." Und, nach einer Pause: "Du kommst aus Europa? Es muss wunderbar sein, reisen zu können und die Welt kennen zu lernen …" Selten zuvor ist mir meine eigene privilegierte Situation stärker bewusst geworden.

Die Autorin ist Koordinatorin des Freire-Zentrums für das Forschungsprojekt in Brasilien.

Veröffentlicht in Paulo Freire, Entwicklungsforschung, Themen.