Paulo Freire-Symposion: Volksbildung heute?Eine Reflexion zu politischer Bildung

Europahaus Hütteldorf
4.-6. Dezember 2006

Bildung ist wohl immer politisch, aber welche politische Ausrichtung die real praktizierte Bildung erhält, ist eine umstrittene Angelegenheit. Das Paulo Freire-Symposion will in der Bildungsarbeit tätigen Personen Raum geben, sich über Einschätzungen, Erfahrungen und Perspektiven für Bildungsarbeit mit politischem Anspruch auszutauschen.

Den Menschen zu bilden war eines der großen Vorhaben der Aufklärung gewesen. Aber dieses Projekt wurde nicht mit universeller Zielsetzung verfolgt; damals ging es (noch) nicht um die Bildung aller, sondern die Bildung der bürgerlichen Schicht. Bildung wurde zum Kennzeichen des Bürgertums, das sich damit vom ungebildeten Pöbel ebenso wie von höfisch geprägten Adel, dessen Verhaltungsformen als künstlich und oberflächlich kritisiert wurden, unterscheiden konnte. Mit der Französischen Revolution begann dann aber die große Diskussion über die Universalisierung nicht nur der Menschenrechte, sondern auch der Bildung. Napoleon führte konsequenterweise in Frankreich ein durchdachtes und umfassendes Bildungssystem ein.

Heute können wir auf eine Bildungsgeschichte zurückblicken, in der der Aufbau der Institution Schule mit den schönsten Motivationen gerechtfertigt wird.

Doch nicht nur Ivan Illich kritisierte die Verschulung der Gesellschaft. Kritik am edlen Ethos der Allgemeinbildung kann sich auch auf Adorno und Horkheimers Dialektik der Aufklärung berufen. Die Moderne wollte nicht einfach weisere und klügere, mithin selbstbestimmtere Menschen, sie wollte der aufkommenden Industrie auch qualifizierte Arbeitskräfte und der aufzubauenden Bürokratie verlässliche Beamte zur Verfügung stellen.

Volksschulen für alle BewohnerInnen eines Staates einzurichten, kann einerseits zur Folge haben, dass Menschen dank gewisser Kulturfertigkeiten Zugang zu emanzipatorischen Wissen haben. Andrerseits lässt sich in diesen Volksschulen auch ganz gut die Nation erzieherisch herstellen. Es war eine Strategie der konservativen und kontrollierten Modernisierung von oben: „Alles für, nichts mit dem Volk“ lautete die bevormundende Strategie Josephs II, dem österreichischen Reformer.

Dem steht die ab 1870 entstehende Bewegung der ArbeiterInnen-Bildung entgegen, die Befreiung und Mündigkeit anstrebte. Doch auch die Volkshochschulen waren nicht davor gefeit, Ausbildungsbedürfnissen der herrschenden Gruppen zu dienen.

In den Staaten der Peripherie ging Volksbildung „von oben“ mit Nationsbildung einher. In einer Kolonie, in einer Sklavenhaltergesellschaft, gab es kaum Interesse, das Volk zu bilden. Die herrschenden Gruppen waren relativ schmale Segmente der Bevölkerung, die in regem Austausch mit der Kolonialmacht standen. Aus dem Volk wurden die Arbeitskräfte rekrutiert, die selbst politisch rechtlos blieben.

Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurde „Volk“ in Lateinamerika zu einer Kategorie des Politischen. Zunächst diente das Volk populistischen Regierungen als Gegenstand der Verführung und die inszenierten Massen erlaubten die Legitimation zahlreicher Diktaturen. Ab den 1950er Jahren entstanden nach und nach Organisationen „von unten“, im Rahmen derer sich Unterdrückte zusammenfanden. Viele dieser Organisationen entstanden, weil Angehörige der Mittelschicht zur Erkenntnis gelangt waren, dass eine Demokratisierung unumgänglich sei und auch Angehörige der Unterschicht vom politischen Geschäft nicht mehr länger ausgeschlossen werden dürften.

Kann an diese, so ambivalente und facettenreiche, Geschichte heute noch angeknüpft werden? Können Erfahrungen der Peripherie in einen Staat des Zentrums übertragen werden?

Ein Hinweis: Die angekündigte Silvia Andrade da Silva Telles aus São Paulo, die zum Thema Paulo Freire in Brasilien & darüber hinaus referieren wollte, musste aufgrund gesundheitlicher Probleme leider ihre Teilnahme kurzfristig absagen. An ihrer Stelle wird Carlos Roberto Winckler aus Porto Alegre referieren. Winckler arbeitet zum Thema Citizenship politisches Handeln und politische Bildung.

Darüber hinaus wird das Symposion einem stark dialogischen Ansatz verpflichtet sein. Mit Weltcafé, Bienenkörben und anderen interaktiven Methoden darf gerechnet werden!

 

Zeit: 4.-6. Dezember 2006
Ort: Europahaus Wien, Linzerstraße 429, 1140 Wien
Teilnehmer*nnenbeitrag:
– VerdienerInnen: 30 Euro (inkl. 10% USt)
– Nicht-VerdienerInnen: 20 Euro (inkl. 10% Ust)

 

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