„Behinderung und Entwicklung“ – „Inclusive Development“.

In einem relativ kleinen Workshop der Dritten Österreichischen Entwicklungstagung fanden sich ProjektmitarbeiterInnen bzw. -koordinatorInnen von Horizont 3000, der ADA und der Caritas sowie einige StudentInnen ein.

Die ReferentInnen Andrea Eberl und Lukas Scherak von Licht für die Welt (vormals Christoffel Blindenmission) stellten zu Beginn ihre Organisation vor und gingen dabei auf die Schwerpunkte Prävention, Heilung sowie Rehabilitation von Blinden, die Anwaltschaft für Blinde in Entwicklungsländern, sowie die Öffentlichkeitsarbeit in Österreich ein. Die Beachtung von Menschenrechten, die Integration und Inklusion (von Minderheiten im Allgemeinen) seien die wichtigsten Leitgedanken, der Großteil der Schwerpunktländer von Licht für die Welt befinde sich in Afrika. Die Neuerung des Inclusive Development forciere eine direkte Miteinbeziehung von Behinderten in beginnende Projektvorhaben und nicht mehr nur eine „einfache“ Integration in bestehende Stukturen.

Es folgte ein „interaktiver“ Teil, indem alle Workshop- TeilnehmerInnen ihre Assoziationen zum Thema Blindheit niederschrieben – dabei wurde in drei Kategorien unterteilt: das soziale Modell, das karitative Modell und das medizinische Modell. Im Zuge dieser Klassifizierung diskutierten die TeilnehmerInnen über die Bezeichnung für „Behinderung“ in verschiedenen Sprachen. Sie kamen zu dem Schluss, dass Menschen im bewussten Sprachgebrauch nicht als „Behinderte“ bezeichnet werden sollten, sondern als „Menschen mit Behinderung“. Ähnlich hat sich die Terminologie auch im Englischen vom inzwischen unkorrekten „handicapped“ zur neutraleren Bezeichnung „person with disabilities“ geändert.

Behinderung und Armut.

Andrea Eberl präsentierte statistische Daten: Etwa 600 Millionen Menschen leben weltweit mit einer Behinderung, 70-80 Prozent davon in Entwicklungsländern. Nur etwa 1-2 Prozent der Kinder mit Behinderung bekommen eine Basisausbildung, nur etwa 3-4 Prozent der Menschen mit Behinderung werden in Entwicklungsmaßnahmen integriert. Der Großteil der Behinderungen in Ländern des Südens wäre vermeidbar, da 50 Prozent aller gesundheitlichen Beeinträchtigungen armutsbedingt sind.

Andrea Eberl wies darauf hin, dass die gesetzlichen Grundlagen für Menschen mit Behinderung in Ländern des „Südens“ schlecht ausgeprägt seien, was sich durch ein geringes öffentliches Bewusstsein erklären lasse. Oft hätten ganze Familien aufgrund eines Familienmitglieds mit Behinderung mit Diskriminierung und Marginalisierung zu kämpfen. Viele interpretierten die Behinderung eines Familienmitgliedes in fatalistischer Weise als Strafe Gottes.
Aufgrund von allgemeiner Ressourcenknappheit in der Versorgung hätten Menschen mit Behinderung in manchen Gesellschaften oft bei der Grundversorgung das Nachsehen. Hier sehe Licht für die Welt seine Aufgabe, Menschen mit Behinderung als Rechtspersönlichkeiten gesellschaftlich zu integrieren.

Frauen mit Behinderung.

Andrea Eberl und Lukas Scherak erläuterten, dass Behinderung und Armut im Zusammenhang mit dem Thema „Gender“ eine besonders brisante Mischung ergeben könnten. Frauen seien ungleich mehr betroffen, unter anderem deshalb, weil viele von medizinischer Hilfe und (Aus-)Bildung ausgeschlossen und viele von sexuellem Missbrauch betroffen seien.

Seit der Novellierung des österreichischen Gesetzes für Entwicklungszusammenarbeit von 2003 ist die „Berücksichtigung der Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung“ zu einem wichtigen Prinzip der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit (OEZA) geworden. Um dieses Ziel zu verwirklichen, wird auch der sogenannte „Twin track approach“ forciert. Dabei geht es einerseits darum, behinderte Menschen als spezifische Zielgruppe zu erkennen und überdies das Thema Inklusion als Querschnittsmaterie in Projekten zu implementieren. Für die Eingliederung in Projekte ist eine „Checkliste“ vorgesehen; um die Kooperationsbereitschaft der PartnerInnen des Südens zu verstärken, sollen mit der Zivilbevölkerung der Partnerländer vermehrt Bewusstseinsbildungskampagnen betrieben werden.

Integration und Inklusion? Analyse eines Projekts.

Friedbert Ottacher von Horizont 3000 präsentierte schließlich ein Projekt seiner Organisation zur Unterstützung von Kleinbauernfamilien in Mozambique (durch Mikrokredite). Die WorkshopteilnehmerInnen sollten dabei die „Behinderten-Relevanz“ des Projekts analysieren, sowie die Qualitätskriterien Barrierefreiheit, Gleichberechtigung, allgemeine Machbarkeit sowie die Bedürfnisorientierung bewerten. Ob und wie weit das Projekt explizit auf Menschen mit Behinderung Rücksicht nimmt, wurde von ihnen unterschiedlich bewertet. Einig war man sich darüber, dass Barrieren oft nicht nur materiell-physische sind, viele Barrieren können eben auch sozial-psychologische Hindernisse sein. Einer Frau mit Behinderung werde es etwa kaum möglich sein, von einem Mikrokredit-Projekt zu profitieren, wenn sie nicht über ein eigenes Grundkapital verfüge, wenn sie nicht von A nach B gelangen könne um ihre Geschäfte zu erledigen oder wenn sie andere Familienmitglieder betreuen müsse. Um ein Projekt also behindertengerecht gestalten zu können, müssten eine Reihe von Rahmenbedingungen vorhanden sein, welche vielleicht auf den ersten Blick nicht relevant für Menschen mit Behinderung seien. Eine Teilnehmerin von der Caritas Auslandshilfe erklärte folgerichtig, dass die lokale Bevölkerung hierzu sensibilisiert, die Menschen mit Behinderung nach Möglichkeit mobilisiert und die Nutzbarkeit von lokalen Strukturen und Personalressourcen hierzu evaluiert werden müssten.

Andrea Eberl fasste zusammen, dass für die Entstehung eines behindertengerechten Projektes schon ab der ersten Projektphase Menschen mit Behinderung in die Planung miteinbezogen werden müssten. Der Workshop bot durch seine Zusammensetzung, einer Mischung aus ProjektexpertInnen und StudentInnen, anregende Diskussionen.

Factsheets:

Die MDGs 2015 & Behinderung – Factsheet (pdf 213.09 KB)
Inklusive Entwicklungspolitik – Factsheet (pdf 210.31 KB)

Die Autorin ist Studentin der Internationalen Entwicklung in Wien.

Veröffentlicht in Themen.