Mit fremden Federn: Quetzalapanecáyotl – Ein Restitutionsfall.

Das Weltmuseum in Wien beherbergt den Gegenstand eines erbittert geführten Rückgabestreits: einen aufwändig gestalteten mexikanischen Federkopfschmuck, dem als letztes erhalten gebliebenes Exemplar besondere symbolische Aufladung zuteil wird. Das Quetzalapanecáyotl, wie es in Nahuatl bezeichnet wird, ist Projektionsfläche kollektiver Identitätsstiftung, Sinnbild kolonialer Habgier und nicht zuletzt ein anschauliches Beispiel umstrittener Haltungen in Restitutionsfragen. Anlässlich der Publikation des Buches „Mit fremden Federn: Quetzalapanecáyotl – Ein Restitutionsfall“ von Khadija von Zinnenburg Carroll (University of Birmingham) lud der Mandelbaum Verlag zu einer Podiumsdiskussion mit der Autorin, Nour Shantout (Akademie der bildenende Künste Wien) und Rolando Vázquez (Utrecht University) ein. Es moderierte Berthold Molden (Universität Wien).

Die lange Geschichte des Federschmucks.

Zunächst gab Khadija von Zinnenburg Carroll einen kurzen Einblick in ihr Buch. Dabei kam dem Rückgabestreit um den Federkopfschmuck aus Quetzal-Federn der Mexica (Selbstbezeichnung der Bewohner*innen Zentralmexikos, für die später der Begriff „Azteken“ etabliert wurde) eine zentrale Rolle zu. So sei der Besitz des Objektes eng mit der wenig reflektierten Kolonialgeschichte Österreichs verwoben. Erstmals wurde es 1596 als Teil der habsburgischen Kunstsammlung des Schloss Ambras, Tirol, urkundlich erwähnt. Während sich die Historiker*innen bis dato uneinig sind, wie die Federkrone ihren Weg nach Österreich gefunden hat, ist klar, dass auch sie Beutegut eines kolonialen Raubzuges war, der einem Großteil der indigenen Bevölkerung des amerikanischen Doppelkontinents das Leben kosten sollte.

Daraufhin ging Khadija von Zinnenburg Carroll in ihrem Vortrag auf den Codex Florentinus ein. In dem Werk des franziskanischen Missionars Bernandino de Sahagún wird von der Geschichte und Kultur der Nahua-Bevölkerung, die in der Region rund um das heutige Mexiko-Stadt beheimatet ist, berichtet. Dort lässt sich nicht nur eine ausführliche Schilderung vom Produktionsprozess des Kopfschmucks finden, sondern auch dessen kulturelle Bedeutung wird im Detail beschrieben. Diese Bedeutung beschränke sich allerdings keineswegs auf eine historische Dimension, argumentiert die Vortragende. Noch heute spiele der Kopfschmuck in der Populärkultur eine wichtige Rolle, etwa beim Lucha Libre, einer aus Mexiko stammenden Form des Wrestlings, wo er zum Bestandteil einiger Masken der Kämpfer*innen geworden ist. In diesem Kontext als „Penacho“ bezeichnet, sei auch in der mexikanischen Gegenwartsgesellschaft eine wichtige Debatte um Rückgabefragen im Gange. Das zeigte sich erst jüngst, als ein mexikanisches Aktivist*innen-Kollektiv die Audioguides des Wiener Weltmuseums hackte und dort eine Botschaft des mexikanischen indigenen Aktivisten Xokonoschtletl Gomora einschleuste, in der auch er nochmals die Rückgabe des Objektes fordert.

Die anhaltende Debatte um die Rückgabe kolonialen Raubguts.

Dabei ist der Quetzalapanecáyotl keineswegs das einzige Kulturgut, das zurückgefordert wird. Diese Rückgabeforderung, die auch durch den derzeitigen mexikanischen Präsidenten López Obrador mehrfach bekräftigt wurde, bettet sich in eine anhaltende Debatte um die Restitution kolonialer Kulturgüter ein. Als prominentes Beispiel wurden die Benin-Bronzen angeführt, die Ende des 19. Jahrhunderts aus dem damaligen Königreich Benin als Beutekunst nach Europa und in die USA gelangten. Die Restitution dieser Güter wird von der nigerianischen Regierung schon seit den 1970er Jahren gefordert, doch erst jüngst nahm diese Debatte Fahrt auf. So versprach sowohl der französische Präsident Emmanuel Macron die Rückgabe dieser bedeutungsvollen Kulturgüter, als auch das Humboldt-Forum in Berlin, dessen Eröffnung von diesen Rückgabeforderungen überschattet wurde. Bis heute befinden sich die Artefakte allerdings noch immer in Europa. Ebenso stellt es sich bei der mexikanischen Federkrone dar. Dass diese nicht zurückgegeben werden könne, weil sie zu fragil wäre, um sie zu transportieren, sei eine „andauernden Lüge“, stellte Khadija von Zinnenburg Carroll abschließend fest und unterstrich nochmals die große Bedeutung einer Restitution.

Das eurozentrische Projekt der Moderne und die epistemische Restitution.

Der Soziologe Rolando Vázquez betonte in seiner kurzen Intervention, dass die Restitution über die schlichte Rückgabe des Objekts an den mexikanischen Nationalstaat hinausgehen müsse. „Der Raub des Quetzalapanecáyotl stellt den Beginn der eurozentrischen Welt dar“, konstatierte er. Damit spielte er darauf an, dass die Entstehung des „westlichen Projekts der Zivilisation“ nur über die Eroberung Amerikas verstanden werden könne. Dies habe Europa schließlich zum „Besitzer der Welt“ gemacht. Doch er betonte auch, dass bereits historisch ein Interesse an pluralen Welten über einen europäischen Universalismus hinaus zu sehen sei. „Die Rückgabe des Kopfschmucks stellt das europäische Projekt der Moderne in Frage“, war seine starke Behauptung. Die Kategorie des Besitzes sei allerdings bereits in kapitalistische Prinzipien eingebettet und auch das ethnographische Museum sei „eine Produktion eurozentrischer Repräsentation“. Deswegen müsse mit der Rückgabe eine „epistemische Restitution“ einhergehen, das heißt, es müsse ein neuer Prozess des Zuhörens stattfinden, in dem indigenen Stimmen und deren Wissen ein neuer Wert zugestand wird.

Das „Museum der geschmuggelten Kleider“ als Gegenarchiv.

Die palästinensische Künstlerin Nour Shantout bewegte sich in ihrem Vortrag nun etwas von der Thematik der Federkrone weg und berichtete von dem fiktiven „Museum der geschmuggelten Kleider“. Sie erzählte: „Dieses Museum habe ich als Gegenarchiv zu kolonialen Narrativen geschaffen, das indigene Narrative zum Ausgangspunkt musealer Kunst macht.“ Dort stellt sie palästinensische Kleider aus, um das „verlorene Land“ wieder sichtbar zu machen, womit sie sich auf den langandauernden Konflikt zwischen Israel und Palästina bezieht. Aufgrund der durch den Konflikt etablierten Machtverhältnisse komme oftmals israelischen Personen die Macht der Benennung palästinensischer Objekte zu, wie dies auch im Weltmuseum Wien die Praxis sei. Die Autorität dieser Benennung werde über eine „ethnographische Ästhetik“ hergestellt, die sie als gegenwärtig dominante Ästhetik kolonialer Narrative ausmacht. Dabei denkt sie an die vielerorts bekannten Schilder, wie sie neben musealen Objekten zu finden sind, und auf denen meistens der Name, das Entstehungsjahr und der Herkunftsort des Objekts angeführt werden. In ihrer eigenen Ausstellung bedient sie sich bewusst dieser Ästhetik, um sie infrage zu stellen. Dies könne durch die gezielte Politisierung musealer Objekte geschehen. Etwa dann, wenn die palästinensischen Kleider, die Nour Shantout zeigt, als Symbol eines antikolonialen Widerstandes verstanden werden.

Fazit.

Die abschließende Diskussion verband schließlich die Beiträge der drei Vortragenden. Berthold Molden betonte, dass es notwendig sei, die Machtmechanismen, die kolonialen Repräsentationen zugrunde liegen, zu dekonstruieren. Die Kunst könne dafür ein probates Mittel bieten, denn sie sei in der Lage, neue und dringende Fragen anzusprechen und sich der Hegemonie der Museen zu widersetzen, ergänzte Khadija von Zinnenburg Carroll. Rolando Vázquez hob dabei die Bedeutung einer dekolonialen Herangehensweise hervor, die sich gegen die systematische Verstummung indigener Stimmen einsetzt. Nour Shantout betonte, dass diese Personen nicht als „Menschen der Vergangenheit“ betrachten werden sollten. Obwohl die museale Ausstellung ihrer Kulturgüter das suggeriere, müssen auch die gegenwärtigen Kämpfe indigener Gruppen als „Archiv der Gegenwart“ dokumentiert werden.

Deutlich wurde jedenfalls, dass der Restitutionsdebatte im gesellschaftlichen Diskurs ein hoher Stellenwert zukommen muss. Dabei kann es nicht nur um die Rückgabe einzelner musealer Objekte gehen, vielmehr müssen die andauernden kolonialen Strukturen hinterfragt und den betroffenen Menschen eine Stimme gegeben werden. Auch die österreichische Gesellschaft muss ihren Teil zu dieser Debatte beitragen, denn die hiesigen Besitzverhältnisse sind ebenso von historisch gewachsenen Ungleichheitsverhältnissen geprägt. Dabei ist noch ein langer Weg zu gehen. Während österreichische Museen zwar vereinzelt schon koloniales Raubgut zurückgegeben haben, fehlt eine systematische Auseinandersetzung mit der Thematik. Bezeichnend war schließlich auch, dass trotz Einladung kein*e Vertreter*in des Weltmuseums Wien vor Ort war. Den dringend nötigen Dialog zur Rückgabe der Federkrone zu führen, kann schließlich nur funktionieren, wenn beide Parteien dafür offen sind.

Der Autor ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Weiterführende Links:
Ein Artikel aus dem STANDARD berichtet von mexikanischen Aktivist*innen, die ihre Rückgabeforderung in die Audioguides des Wiener Weltmuseums eingeschleust haben: https://www.derstandard.at/story/2000133544148/audioguides-zum-montezuma-federkopfschmuck-im-weltmuseum-gehackt

Beim Titelbild handelt es sich um eine Abbildung einer Reproduktion des Quetzalapanecáyotl, die im Museo Nacional de Antropología e Historia in Mexiko ausgestellt ist. © Thomas Ledl, eigene Arbeit, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=41846248

Veröffentlicht in Globale Ungleichheiten.