Das Politische Potential von Krisen: Krieg, Pandemie und Erderwärmung als Wendepunkte für eine besserer Zukunft?

Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine hält die Welt in Atem. Während die Höchstzahlen der Corona-Infektionen gerade erst überwunden sind, rufen die ersten Hitzewellen des Sommers auf der Nordhalbkugel die Klimakrise schmerzlich ins Bewusstsein. Doch kann diese Pluralität an Herausforderungen auch zu positiven Veränderungen führen? Dieser Frage stellt sich Johannes Waldmüller (Universität Wien), indem er einige der wichtigsten Kipppunkttheorien aus dem Blickwinkel der internationalen politischen Ökonomie betrachtet. Seine Einschätzung teilte er bei der IPW-Lecture „Disasters as Political Tipping Points: Between Socioecologically Transformative Approaches to IPE and Militarizing Postliberalism“ am 11. Mai 2022.

“The old world is dying, and the new world struggles to be born; now is the time of monsters” – Antonio Gramsci.

Waldmüller beginnt seine Präsentation mit diesem Gramsci-Zitat, welches seiner Meinung nach aufzeigt, wie sich Krisen entwickeln. Derzeit würden wir uns an einem Wendepunk befinden, wo man die monströsen Auswirkungen der diversen Krisen bemerken könne. Zum einen die Pandemie, aber auch die Klimakrise seien essenziell für unsere Zeit, da wir noch nicht wüssten, wie sich diese Krisen weiterentwickeln. Es bestehe jedoch die Möglichkeit, dass sie tatsächlich strukturellen Wandel hervorbringen könnten.

Die Internationale Politische Ökonomie als theoretischer Rahmen?

Bei der Internationen Politischen Ökonomie (IPÖ) handelt es sich um ein Teilgebiet der Internationalen Beziehungen, das Staaten und deren machtpolitische Ziele nicht als monolithische Einheiten, sondern als Ausdruck von Interessensgegensätzen in den jeweiligen Gesellschaften begreift. Mit diesem Zugang ist ein Fokus auf die Verflechtungen zwischen der mikro/lokalen und der makro/globalen Ebene verbunden. Als theoretischer Bezugsrahmen für das Erforschen von Kipppunkten in den erwähnten Krisen wirke die IPÖ laut Waldmüller daher zunächst sehr passend, jedoch falle auf, dass der Reflexion über Strukturwandel und von Krisen induzierte Kipppunkte in diesem Fach bisher kaum Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Um sich dieser Fragestellung anzunähern sei es daher wichtig, sich unterschiedliche strukturelle Dimensionen – Waldmüller nennt hier Handel und Produktion, den Finanzsektor, Sicherheitsaspekte sowie Wissen und Technologie – anzusehen, in denen Veränderung vorkommt. Zusätzlich müsse man eine vertiefende Analyse der Krisen angehen, um nicht nur die Spitze des Eisberges anzusehen. Hinzukommt, dass die Politikwissenschaft sich bisher wenig mit der Theorie der Krisen und Kippunkte beschäftigt hat, sondern vor allem die Soziologie und Geografie.

Krisenforschung.

Mark Pelling und Kathleen Dill, zwei Krisenforscher*innen, haben Kipppunkte, also plötzliche Veränderungen in langfristigen, nicht-linearen Prozessen gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen, als mögliche Folgen von Katastrophen diskutiert. Dieses Konzept kann sowohl im Hinblick auf die Möglichkeit der Stärkung, als auch der Schwächung von Transparenz, Rechtsstaatlichkeit und freiheitlich-demokratischer Ordnung angewendet werden. Waldmüller deklariert, dass der Konsens bestehe, dass der Vulnerabilitätsstatus in einer Gesellschaft vor einer Krise über die Auswirkungen und die mögliche Veränderung nach einer Krise entscheide. Je unstabiler die Situation davor, desto schlechter seien auch die Chancen, eine positive Veränderung danach zu etablieren. Dies hänge mit der Verteilung der Ressourcen, der Wahrnehmung der Eliten durch die Bevölkerung sowie der sozialen Ungleichheit zusammen. Zusätzlich unterstreicht er die zentrale Rolle lokaler Gegebenheiten, da sich historisch gesehen zeige, dass die Veränderung durch Krisen immer pfadabhängig sei.

Post-Liberalismus.

Derzeit würden wir uns im Zeitalter des Post-Liberalismus befinden. Doch worum handelt es sich dabei? Post-Liberalist*innen haben sowohl mit dem Liberalismus als auch mit dem Neoliberalismus gebrochen. Wie seine vorlaufenden Konzeptionen verfügt auch der Post-Liberalismus über seine eigenen Formen der Wahrheit, der Subjektivität und der Macht. Der Neoliberalismus verstärkt und setzt die Marktmechanismen und die Privatisierung der sozialen Dienste neu ein. Der Post-Liberalismus hingegen verändert durch die Vervielfältigung und Radikalisierung der Mechanismen zur Kontrolle des menschlichen Lebens die menschliche Erfahrung grundlegend. Waldmüller meint, dadurch würden unsere alltäglichen Erfahrungen auf das, was Michael Dillon und Julian Reid den „Biohuman“ nennen, reduziert werden. Dabei handelt es sich um eine Abstraktion des menschlichen Daseins, bei der vor allem die biologischen Eigenschaften und Fähigkeiten im Vordergrund stehen und soziale und philosophische Charakteristiken als nichtig erklärt werden. Ein von diesem Menschenbild geprägtes Zeitalter hätte enorme Auswirkungen auf die unterschiedlichen Krisen, die uns bevorstehen, weshalb die von diesem Paradigma ausgehenden Bedrohungen nicht unterschätzt werden dürften.

Sozial-ökologische Transformation oder dystopische Überlebensvision?

Der Post-Liberalismus verwende die Vernunft des „geregelten Chaos oder der verwalteten Nicht-Ordnung“ als Strukturierungsmerkmal für die Regulierung der Weltordnung. Im Gegensatz zu den strategischen und totalisierenden Ambitionen der Politik, die als das Streben nach Ordnung verstanden werden könnten, sei diese neue politische Logik taktisch und fragmentarisch. Waldmüller meinte, sie gäbe die Kohärenz des Ganzen zugunsten der Effizienz des einzelnen Teils auf. In Zeiten globaler Katastrophen, Pandemien und Klimakrisen würde der Post-Liberalismus ein neues institutionelles und strukturelles Gefüge erfordern, das noch nicht geboren ist. Wie vergangene gesellschaftliche Umbrüche jedoch zeigten, bestehe ein enormes Risiko, die Chance für eine Transformation hin zu mehr sozialer und ökologischer Gerechtigkeit zu verpassen und mit einer dystopischen Überlebensvision zu enden. Dabei könnten durchaus positive Veränderungen aus strukturellen Krisen hervorgehen, zeigte sich Waldmüller überzeugt. Wie genau dies aber am besten funktioniere, würde für jeden Fall einzeln geklärt werden und stünde auch noch offen. Daher appelliert Waldmüller an jeden einzelnen und vor allem Wissenschaftler*innen: „Wir müssen kritisch darüber nachdenken, wie wir unsere Strukturen aufbauen“ um Krisen als Chance für einen positiven strukturellen Wandel begreifen zu können.

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

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Veröffentlicht in Sozial-ökologische Transformationen.