Filmrezension: The Ants and the Grasshopper.

Eine landwirtschaftlich geprägte Region in Malawi: In einem Dorf, welches das volle Ausmaß der Klimakrise erlebt, engagiert sich Anita Chitaya als Wortführerin für Veränderung. Als Aufklärerin im Bereich Gender und Arbeitsteilung, Versorgerin unterernährter Kinder ihres Dorfes und als Expertin für den Anbau von Pflanzen steht sie im Mittelpunkt des Eröffnungsfilmes des 11. Hunger.Macht.Profite. Filmfestivals. Die Dokumentation „The Ants and the Grasshopper“ (dt. Die Ameisen und der Grashüpfer) folgt Anita und ihrer Freundin Esther Luafua auf ihrer Reise in die Vereinigten Staaten von Amerika, wo die beiden mit unterschiedlichen Landwirt*innen über die Folgen des Klimawandels in ihrer Heimat sprechen, um so zur Abwendung der lebenzerstörenden Krise beizutragen.

Malawi – zwischen Klimakrise und vergeschlechtlicher Arbeitsteilung.

Der ästhetisch produzierte, schnell voranschreitende 74-minütige Dokumentarfilm beginnt im ostafrikanischen Malawi. Gebeutelt vom Klimawandel versucht das kleine Dorf, sich das Überleben zu sichern. Wasser ist ein knappes Gut, welches in einem langwierigen Prozedere aus einem kleinen Loch in einem ausgetrockneten Fluss abgeschöpft werden muss. Als Hauptnahrungsmittel wird Mais angebaut, da dieser auf dem vertrockneten Boden noch am besten wächst, ohne die Ausbeutung des Bodens weiter fortschreiten zu lassen. Anita steht als Vermittlerin zwischen Natur und Menschen, versucht ihr Wissen weiterzugeben und auch für eine gerechte Arbeitsteilung zu Hause zu sorgen. Sie spricht sich gegen Stereotypen aus und vermittelt den Männern des Dorfes die Wichtigkeit von geteilter Sorge- und Hausarbeit. Auf die Zusehenden wirkt Anita wie das Paradebeispiel einer aufgeklärten Aktivistin; intelligent, aufgeschlossen, gütig und geduldig. Die Zwangsheirat mit ihrem Ehemann, welche nach den einleitenden Szenen plötzlich zur Sprache kommt, wirkt dabei schockierend auf die Rezipient*innen, wird jedoch im Laufe des Filmes nicht weiter thematisiert.

Die Reise und ihre Ziele – „When elephants fight, the grass suffers“ (Wenn Elefanten kämpfen, leidet das Gras).

Die Filmproduzenten Raj Patel und Zak Piper arrangieren für Anita und Esther eine Reise in die USA, um mit Landwirt*innen und, so hoffen alle, mit Politiker*innen in Washington D.C. zu sprechen. Obwohl vor allem Anita sich nur mit einem Übersetzer in ihrer Muttersprache Tumbuka verständigen kann, lässt sie sich von den wohlhabenden weißen Farmer*innen, die die beiden Frauen in Iowa treffen, nicht einschüchtern. Wenngleich die Menschen, mit denen die beiden Frauen sich unterhalten, Biobauernhöfe betreiben und diese sich für eine nachhaltige Landwirtschaft einsetzen, zeigen sie wenig Interesse an der Problematik der globalen Erwärmung. Die Frauen aus Malawi sind darüber enttäuscht, aber die Arbeit der schwarzen Kleinbäuer*innen, die sie im ganzen Land treffen, wie zum Beispiel auf der „D-Town Farm“ in Detroit und dem „Black Dirt Farm Collective“ in Maryland, ermutigt sie, für Veränderung zu kämpfen. Als Protagonistin verdeutlicht Anita auch die Ähnlichkeiten zwischen den USA und Malawi. In der Kluft zwischen Arm und Reich erkennt sie, dass „die Armen im Globalen Norden wie sie selbst aussehen“. Ebenso fällt ihr auf, dass in einem Land, indem scheinbar alles vorhanden ist, der Überfluss als selbstverständlich angesehen wird. Besonders sticht der Versuch, über den geteilten religiösen Glauben Landwirt*innen zu erreichen, hervor, denn Anita meint „Gott habe Menschen als Hüter*innen auf die Erde gebracht und diese müssten die Erde pflegen“. Ihrer Meinung nach können wir einander nicht nur Wissen sondern auch Vergebung lehren, um so Veränderung zu ermöglichen.

„We have to live more simply so others can simply live“ (Wir müssen einfacher leben, damit andere einfach leben können).

Anitas und Esthers Reise endet dort, wo sie angefangen hat – in ihrem Heimatdorf. Ohne dass sich Poltiker*innen für sie Zeit nahmen und ohne besonderen Durchbruch bei den Landwirt*innen reisen die beiden zurück nach Malawi. Auch wenn ihre Tour durch die Vereinigten Staaten den Zusehenden im Großen und Ganzen eher hoffnungslos erscheint, so werden mit den Aufnahmen am Ende des Filmes Mut und Kraft für Veränderung noch einmal geweckt. Bei einem Besuch des Filmteams einige Jahre nach der Reise zeigt sich, dass sich die Männer in Anita und Esthers Heimat geändert haben; beim Kochen und Anpflanzen helfen sie nun fleißig mit, aber auch bei der Kindererziehung versuchen sie, ihren Nachkommen Geschlechtergleichstellung zu vermitteln. Auch die Landwirt*innen in den Vereinigten Staaten haben – auch durch die Covid-19 Pandemie – ihr Leben teils drastisch verändern müssen. Viele zogen um, wechselten Berufe und einige versuchten, ihren Betrieb ökologischer zu gestalten.

„There is no culture without agriculture“ (Es gibt keine Kultur ohne Landwirtschaft).

Der Film wird der Komplexität der globalen Verbindungen, die durch die Klimakrise sichtbar wird, gerecht. Die Regisseure versuchen die Themen Gendergerechtigkeit, Ernährungssouveränität, globale Gerechtigkeit, ökologische Anbaumethoden und Rassismus intersektional zusammenzuführen, um so den Zusehenden ein umfassendes Bild des Problems, aber auch von Lösungsversuchen zu vermitteln. Dabei wird auf plakative Bildsprache im Film nicht verzichtet. Vielmehr setzen Patel und Piper diese als ausgewähltes Stilmittel ein, wenn beispielsweise einige Ameisen einen Grashüpfer davontragen. So wird verdeutlicht, wie aus Sicht der Filmemacher Veränderung erreicht werden kann – von unten und in einer organisierten Gruppe.

„So many ants but only a few are lifting the grasshopper“ (So viele Ameisen, aber nur wenige heben den Grashüpfer).

Diesem Wunsch nach Veränderung wurde auch in der anschließenden Diskussion über den Film genauere Beachtung geschenkt. Auch die Verschränkung von Gender und Klima wurde von einer Vertreterin von FIAN (FoodFirst Informations- und Aktions-Netzwerk) für das Publikum genauer aufgearbeitet. Durch diese Einordnung wurde noch einmal deutlicher, weshalb es notwendig ist, Anita und Esther als die zwei Protagonistinnen hervorzuheben – und nicht etwa das Verhältnis zwischen Anita und ihrem Ehemann genauer zu beleuchten: Um in einem vielschichtigen Nexus an Herausforderungen die beiden als Fixpunkt für den Zusehenden zu verankern. Dabei wird die Frage nach dem Wie der Veränderung von dem Film und einem Vertreter der „System Change not Climate Change“ Bewegung, mit kollektiver „bottom-up“ Arbeit beantwortet. Schlussendlich möchte der Film Menschen dazu inspirieren, sich zu organisieren und für eine Welt einzustehen, in der wir alle leben können.

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Zu Hunger.Macht.Profite., die Filmtage zum Recht auf Nahrung, die noch bis 6. Mai 2022 an verschiedenen Standorten in ganz Österreich zu Gast sein werden.

 

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