In einer zweiteiligen Serie beschreiben die AutorInnen die Konsequenzen des
Eindringens des kapitalistischen Verwertungsprozesses in die Natur
wirtschaftlich unterentwickelter Länder. Teil I: Bioprospektion und
Entwicklungszusammenarbeit.
Für die Erkundung von Lagerstätten natürlicher Rohstoffe (Erze, Erdöl etc.) gibt es den Fachbegriff Prospektion. Folgerichtig geht es bei Bioprospektion um die Erkundung von "Lagerstätten" biologischer Rohstoffe, d.h. um Orte, wo pflanzengenetische Ressourcen bzw. Pflanzen, Mikroben und Tiere gefunden werden, aus denen biologisch aktive Moleküle isoliert werden können. Im Zeitalter der Gen- und Biotechnologie, welches zugleich das Zeitalter der massiven Zerstörung tropischer Regenwälder und anderer Lebensräume ist, steht Bioprospektion hoch im Kurs.
Einerseits bietet die moderne Molekularbiologie analytische Möglichkeiten, die noch vor zwei Jahrzehnten völlig undenkbar waren. Andererseits wird es angesichts fortdauernder Habitatzerstörung in Zukunft immer schwieriger werden, diese auf der biologischen Vielfalt (Biodiversität) beruhenden Ressourcen zu finden. Deshalb vertreten Institutionen wie das Fogarty International Center (FIC) die Meinung, dass die Erforschung des medizinischen Potentials der Pflanzen, Tiere und Mikroorganismen dringend notwendig sei. Das FIC, einer der wichtigsten öffentlichen GeldgeberInnen für die globale Bioprospektion, weist darauf hin, dass knapp die Hälfte aller in den letzten 20 Jahren entwickelten Arzneimittel ursprünglich aus Pflanzen, Tieren und Mikroorganismen isoliert wurden.
Die verschiedenen Facetten der Bioprospektion
Bioprospektion hat viele Gesichter. Naturschutzorganisationen streben nach "Inventarverzeichnissen" der geschützten Gebiete. Die Entwicklungszusammenarbeit der Industriestaaten bietet den Ländern des Südens Debt-for-Nature-Swaps an – Schuldenerlass im Tausch für den Erhalt von Biodiversität, nicht selten verknüpft mit Bioprospektionsprogrammen – man möchte schließlich wissen, wofür man die Schulden erlässt.
Die Dunkelziffer der Bioprospektionsaktivitäten ist vermutlich groß. Niemand weiß, wie viele Verträge zwischen privaten Firmen und Regierungen der Länder des globalen Südens existieren. Auch über die weitere Verwendung der vermeintlich aus Naturschutzgründen angelegten Inventarverzeichnisse herrscht nicht immer Klarheit. Bei den Patentämtern ist keine Offenlegung der Herkunft gefordert und die GesetzgeberInnen weigern sich hartnäckig, diese Herkunftsangaben obligatorisch zu machen.
Ein Bioprospektionsprogramm, das aufgrund der geltenden Gesetze zu Transparenz verpflichtet ist, sind die von den USA seit Mitte der 1990er Jahre finanzierten International Cooperative Biodiversity Groups (ICBG). Diese in Asien, Afrika und Lateinamerika angesiedelten Projekte werden durch das oben erwähnte Fogarty International Center betreut und mit jährlichen Summen von 5-6 Millionen US-$ gefördert. All diese Projekte haben eine klare Dreier-Konstellation: eine US-amerikanische Universität, ein Pharma- bzw. Agrar-Konzern und ein lokaler Partner, der ggf. neu "erfunden" wird, arbeiten zusammen.
Das übergeordnete Ziel in den sieben zur Zeit aktiven ICBG-Projekten wiederholt sich von einer Projektbeschreibung zur nächsten. Es geht um "die Verbesserung von Gesundheit und Wohlbefinden des Menschen", eine Formulierung, die sich in den Public-Relations-Broschüren eines jeden Pharma-Konzerns wieder findet. Merkwürdig ist nur, dass den Statistiken der pharmazeutischen Unternehmen nie die Zahl der geheilten PatientInnen zu entnehmen ist. Stattdessen wird – wie bei jedem anderen profitorientierten Unternehmen – die Zielerreichung an Gewinnen bzw. prozentualen Erlössteigerungen gegenüber dem Vorjahr ausgewiesen.
Profitorientierung
Die identische Wortwahl in den ICBG-Projektbeschreibungen weckt den Verdacht, dass es langfristig auch hier um nichts anderes geht als um den Profit, der aus der "Entdeckung" biologisch aktiven Moleküle erwächst. Im günstigsten Fall sind damit positive Nebeneffekte verbunden – der Heilung von Kranken oder ein, oftmals problembehafteter, Vorteil für die lokale Bevölkerung (vgl. Artikel 15, Absatz 7, der Konvention zum Schutz der Biologischen Vielfalt). Der Verdacht der Profitorientierung erhärtet sich, wenn Bioprospektion und Patenrecht in einem Atemzug genannt werden – so in dem ICBG-Projekt "Naturschutz und nachhaltige Nutzung der Biodiversität in Papua-Neuguinea" bei dem es unter anderem darum geht, für Papua Neuguinea ein Gesetz zum Schutz geistiger Eigentumsrechte zu entwickeln. Das lässt die Alarmglocken bei all jenen läuten, die sich mit dem Thema Biopiraterie beschäftigen und die institutionalisierte globale Biopiraterie auf Basis des von der Welthandelsorganisation (WTO) geförderten Schutzes geistiger Eigentumsrechte ablehnen.
Naturschutz: Schutz der Wertschöpfungsreserve
Bioprospektion konzentriert sich auf Gegenden mit besonders großer biologischer Vielfalt, und nicht selten wird Bioprospektion als Quelle zur Finanzierung von Naturschutz angesehen. Für die Eliten des Nordens hat die Eindämmung des Regenwaldverlusts keine existentielle, sondern strategische Bedeutung. Durch den Wachstumszwang kapitalistischen Wirtschaftens werden Umwelt, Klima und Naturräume in globalem Maßstab zerstört. Zugleich versuchen Pharma- und Biotechnologiekonzerne, sich mit "Naturschutz" ein Stück des schwindenden Kuchens für später zu reservieren. Sie kommen mit der Wertschöpfung nicht so schnell hinterher. Dabei wird die "Rettung" der Biodiversität in Form von Entwicklungszusammenarbeit zur Aufgabe des Staates, getreu dem Prinzip, Aufwendungen zu sozialisieren und (spätere) Gewinne zu privatisieren.
Lesen Sie am 27. Juni 2007 im zweiten und letzten Teil der Serie: Vertreibungen aus Naturschutzgebieten.
Die AutorInnen arbeiten in der Buko (Bundeskoordination Internationalismus)-Kampagne gegen Biopiraterie.