Bissige Kritik aus der Dose

Über einen britischen Schablonenkünstler, der zwischen
bissiger Gesellschaftskritik und Banalität balanciert und mit Fragen des Eigentums
jongliert.
Um auf ein Werk von Banksy zu stoßen, müssen oft nicht einmal touristische Pfade verlassen werden. Im Gegenteil. Zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, kann es durchaus sein, dass man auf einem der zentralen und bekannten Plätze der Millionenstadt Londons, wie dem Trafalgar Square, auf den hingesprayten Schriftzug "designated riot area" trifft. Oder man stößt im Tate Modern, nachdem man auf den mit dem Hinweis "mind the crap" versehen Stufen ins Innere gelangt war, auf ein von ihm modifiziertes, altes Ölbild, das er selbst, als Pensionist verkleidet, dort angebracht hat. Seine vereinfachten Darstellungen widersprüchlicher Elemente zeigen, auf einer Schablone vereint, Polizisten mit Smily-Gesichtern, ein Mädchen, das innig eine Bombe umarmt, oder einen Geparden, der aus seinem Käfig in Form eines Barcodes ausbricht. Banksys Motive finden sich mittlerweile in ganz Europa, den USA und sogar auf der West Bank Barrier in Israel. Doch neben der Schablonenkunst zählen auch modifizierte Ölbilder, großflächige Malereien, Installationen, bemalte Kühe und Schafe oder das Plattencover einer Blur CD zu seinem Repertoire.

Was seine Werke betrifft, so hat sein Bekanntheitsgrad mittlerweile globale Dimensionen angenommen. Anderes ist jedoch der Fall, wenn es um seine Person geht. Seine Identität verbirgt er seit Jahren erfolgreich. Nicht nur vor der Öffentlichkeit. In einem Interview mit der britischen Zeitung The Guardian beteuerte er, dass nicht mal seine Eltern wüssten, was er mache. Sie glauben, so Banksy, er sei Maler und Dekorateur. Seine Identität preiszugeben wäre vermutlich weniger in künstlerischer als viel mehr in juristischer Hinsicht waghalsig, zumal aufgrund seiner "Arbeitsweise" in London seit Jahren ein Haftbefehl wegen Vandalismus gegen ihn vorliegt. Bekannt ist lediglich, dass er aus Bristol stammt, einer Stadt mit blühender Graffiti-Kultur was seine Laufbahn entscheidend geprägt habe. Zu sprayen habe er mit 14 Jahren begonnen. Graffitis, so Banksy weiter in dem Interview, stärkten sein Selbstwertgefühl hätten ihm eine Stimme gegeben.

Graffiti, Robin Hood und Eigentum

Graffitis als Sprachrohr zu benutzen, entwickelte sich in den späten 1960er Jahren in New York City, als Jugendliche damit begannen, ihre Initialen auf U-Bahnwaggons, -stationen oder andere Orte zu sprayen. Die noch geringe Öffentlichkeit reagierte mit Ablehnung. Was die einen als Kunstwerke bezeichneten, wurde von den anderen als Sachbeschädigung, Vandalismus degradiert. Erst ein Interview der New York Times mit dem Graffiti Sprayer Taki 183 im Juni 1971 brachte diesem Thema erstmals einen breiteren Bekanntheitsgrad. Als zwei Jahre später dann der Soziologiestudent Hugo Martinez die UGA (United Graffiti Artists) gründete, wandelte sich plötzlich das Bild der Öffentlichkeit. Die Graffiti Szene etablierte ihre eigene Richtung in der Kunst und erlangte dadurch weit reichende Akzeptanz während die Gesetze gegen die Ausübung dieser Kunstform im öffentlichen Raum immer strenger wurden. Die Akzeptanz beruhte vermutlich nicht zuletzt auf der Verlagerung dieser Kunstform vom öffentlichen Raum der Straßen in öffentliche Ausstellungsräumlichkeiten. Doch was als Kunstwerk bezeichnet wurde (und wird), ist lediglich das materielle Produkt. Ein Teil des Gesamtkunstwerks denn der entscheidende Akt, in dem der/die KünstlerIn den (wortwörtlichen) Rahmen sprengt, sich fernab jeglicher konventioneller Möglichkeiten auf verbotenes Terrain begibt geht dabei vollständig verloren.

Analog dazu führt das Verlassen gesellschaftlich anerkannter Kunsträume zum Verlust der Anerkennung als Kunst und wird durch Verletzung öffentlichen oder privaten Eigentums ersetzt. Anstelle von Ausstellungseröffnungen treten Gerichtstermine. Dennoch ist genau die Frage des Eigentums in heutigen Zeiten eine sehr interessante. Durch die "Anbringung" seiner Werke im öffentlichen Raum spielt Banksy mit genau dieser Frage. In einem Interview meinte er: "Wenn du kein Zugunternehmen besitzt, gehst du eben hin und bemalst eines. Es ist im Grunde wie in der Schule mit den Namensschildern sie ließen etwas dir gehören. Du kannst die halbe Stadt besitzen, indem du deinen Namen wo draufkritzelst." Banksy weiter dazu in einem Interview mit dem Falter: "Als Kind war ich ein Fan von Robin Hood. Heutzutage ist es wohl am ehesten möglich, von den Reichen zu nehmen, indem man eine Plakatwand übermalt oder in sein Viertel geht, und es mit Bildern überzieht, die Wände den Leuten zurückgibt."

Pointierte Kritik oder provokative Banalität?

Die ersten Aktionen unter dem Pseudonym Banksy waren Adbustings, die durch gestalterische Veränderungen Werbeträger (v.a. Schilder) sinnentfremden. Dieser Technik bedient sich Banksy auch heute noch. Durch die Fusionierung widersprüchlicher Elemente wie die Queen als Affe, oder zwei sich küssende Polizisten, erzeugt Banksy grotesk provokative Spannungssituationen. Durch die Vereinfachung schafft er eine sehr pointierte Darstellung, der es dennoch gelingt, Widersprüche deutlich aufzuzeigen. Seine Werke sind somit nicht länger reine Provokation, sondern beinhalten konkrete Kritik an sozialen Zuständen und moralischen Vorstellungen der Gesellschaft. So ragen führende Köpfe aus der Politik ebenso wie deren politische Entscheidungen (wie etwa die Beteiligung Großbritanniens am Irak-Krieg) nicht selten als Motive von diversen Wänden. Banksy illustriert das, wofür andere Worte wie "Entfremdung von der Natur", "Konsumgesellschaft" oder "demokratische Freiheit" verwenden.

Während andere KritikerInnen das sichere Terrain von Fernseh- oder Radiosendungen vorziehen, ist die Methode der Kommunikationsguerilla eine, zwar nicht legale, aber auf jeden Fall (massen)wirksamere.

Dennoch darf gerade bei Banksy die Zweischneidigkeit der Vereinfachung nicht außer Acht gelassen werden. Wann ist die Grenze zur Banalität überschritten? Stellt die Konfrontation der Öffentlichkeit mit diesen Werken eine reine Konfrontation dar, die belustigt, verärgert, irritiert, aber keinen "Erkenntnisschock" mit sich bringt? Oder ist es gerade die Vereinfachung, die in einer von Reizen überfluteten Gesellschaft das Bewusstsein zu schärfen vermag?


Quellen

Dusini, Matthias und Loebenstein, Michael: Ratten an der Wand. In: Falter. Wien, 9.07.2003. [letzter Zugriff: 24. Jänner 2006]

La Placa, Joe: London Calling. In: ArtNet, 11. März 2004. [letzter Zugriff: 24. Jänner 2006]

Something to spray. In: The Guardian, 17. Juli 2003. [letzter Zugriff: 24. Jänner 2006]

Die Autorin ist Studentin der Internationalen Entwicklung

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.