Filmrezension: Writing with Fire.

Das von Dalit-Frauen geführte, unabhängige Nachrichtenportal Khabar Lahariya (dt.:“Nachrichtenwellen“) gilt als Hoffnung für viele von Gewalt und Diskriminierung betroffene Menschen im Norden Indiens. Die Dokumentation „Writing With Fire“ begleitet die Journalistinnen in ihrem Alltag, und zeichnet dabei zahlreiche Schicksale und mitreißende Bilder auf. Obwohl die Journalistinnen selbst Opfer von Unterdrückung sind, versuchen sie anderen eine Stimme zu geben.

Inoffizielles Weiterbestehen des Kastensystems.

Indien gilt als eine von Gegensätzen und Extremen geprägte Nation. Das positive Image des Landes als demokratischer Rechtsstaat und aufstrebende Weltmacht wird von Armut, Gewalt, Korruption und Diskriminierung überschattet. Trotz der offiziellen Abschaffung des Kastensystems im Jahre 1949 bestimmt es nach wie vor den Alltag der indischen Gesellschaft. Es handelt sich dabei um ein traditionelles Wertekonzept, welches die Bevölkerung in vier hierarchisch abgestufte Kasten unterteilt. Die Gruppe der Dalits steht außerhalb des Kastensystems und nimmt die niedrigste Position ein. Ihnen wird eine dauerhafte, vererbte Unreinheit zugeschrieben. Sie gelten als „Unberührbare“ und werden von der Gesellschaft ausgegrenzt – räumlich, sozial und auch beruflich. Demnach sei Journalist ein Beruf für Männer höherer Kasten, und nicht für Frauen, geschweige denn Dalit-Frauen.

Journalismus als Mittel zur Demokratie.

„Ich glaube im Journalismus liegt die Essenz für Demokratie. Bürger*innen erzählen uns ihre Geschichten und wir können ihre Anliegen der Regierung vermitteln. So kämpft man für Gerechtigkeit in einer Demokratie“, erklärt Meera. Sie ist eine der 24 Journalistinnen bei Khabar Lahariya. Das unabhängige Nachrichtenportal wurde im Jahre 2002 von einer Gruppe Dalit-Frauen in der Provinz Uttar Pradesh gegründet. Sie decken Unterdrückung und Ungerechtigkeiten auf, kämpfen mit ihren Smartphones für die Schicksale anderer. Nicht nur ihre Kastenzugehörigkeit, sondern auch der Umgang mit digitalen Technologien stellt dabei eine Hürde dar. Viele der Journalistinnen halten zum ersten Mal ein Smartphone in ihren Händen, aber sie wissen das Potential – Interviews aufzeichnen, und Situationen in Bildern festhalten zu können – zu schätzen. Denn die digitale Öffentlichkeit bringt eine Reichweite mit sich, die allein durch Printmedien unmöglich wäre.

Vom System ignoriert.

„Wir vertrauen niemandem außer euch. Khabar Lahariya ist unsere einzige Hoffnung.“ – Eine Frau wurde mehrmals vergewaltigt, doch die Polizei weigert sich etwas zu tun. Die Familie setzt auf die Journalistinnen, um ihre Geschichte publik zu machen. Dadurch soll der Druck auf die Behörden erhöht, und ein angemessenes Verfahren eingeleitet werden. Auch bei tödlichen Unfällen in illegal operierenden Mienen fordert Khabar Lahariya Gerechtigkeit. Der illegale Betrieb von Mienen ist in der der Provinz Uttar Pradesh weit verbreitet. In Kooperation mit Polizei und Verwaltung unterdrückt die sogenannte Bergbau-Mafia die lokale Bevölkerung, sowie Arbeiter*innen – Unfälle werden strafrechtlich weder dokumentiert noch verfolgt und die Mafia droht den Menschen mit Gewalt, um sie zum Schweigen zu bringen. Ähnliche Szenen spielen sich im Kontext einer von Lastwägen zerstörten Straße ab. Suneeta, eine der Journalistinnen, ist mit dem Thema vertraut. Ihre Familie lebt selbst nahe der Mine. Als Kind sammelte sie dort Steine, um Geld zu verdienen.

Die Gefahr der Berichterstattung.

Die Berichterstattung über heikle und illegale Aktivitäten kann für die Journalistinnen sehr gefährlich werden. So erzählt auch Suneeta von Drohungen im Zusammenhang mit ihrer Berichterstattung zu den illegalen Minen. Indien zählt zu einem der gefährlichsten Orte für Journalist*innen. Aber die Frauen um Khabar Lahariya lassen sich nicht unterkriegen. Auch vor kritischen Fragen im Interview mit Politikern, religiösen Führern und der Polizei schrecken sie nicht zurück. Provokation ist für sie nicht nur der Schlüssel für eine einzigartige Berichterstattung, sondern auch um tiefgreifende Veränderungen auszulösen. Sei es durch das Aufzeigen der Machenschaften des organisierten Verbrechens und von Korruption seitens der Polizei, oder auch durch Kritik an der konservativen, hindunationalistischen Bharatiya Janata Partei (BJP).

Erfolge, die Hoffnung bringen.

Ihre Arbeit kostet viel Kraft und kann frustrierend sein. Es gibt jedoch Lichtblicke. In einem ihrer YouTube-Videos zeigen sie, wie auf Grund ihrer Berichterstattung neue Straßen asphaltiert, das Stromnetz erweitert und sexuelle Straftäter zur Verantwortung gezogen wurden. Beeindruckende Erfolge konnten sie auch bei Debatten um illegalen Bergbau erzielen. Ihre Narrative wurden in landesweiten Medien übernommen. Während die Journalistinnen anfangs belächelt wurden, haben sie sich nach fast 20 Jahren einen Namen gemacht ¬– ihr YouTube-Kanal hat 151 Millionen Aufrufe und Khabar Lahariya wächst weiter.

Mitreißende Bilder.

Mit viel Feingefühl gelingt es den Regisseur*innen Rintu Thomas und Sushmit Ghosh die Arbeit der Journalistinnen zu dokumentieren. Die Kameraführung lässt uns an ihrem Alltag teilhaben. Egal ob bei Interviews, Gesprächen untereinander, oder gewöhnlichen Situationen wie Busfahrten – man hat das Gefühl, dabei zu sein, Emotionen und Gedanken mitfühlen zu können. Durch den schnellen Wechsel von Szene zu Szene bleibt dem Film jedoch nur wenig Raum für die Betrachtung des Kontexts und der Hintergründe der angesprochenen Konflikte. Die Regiesseur*innen legen ihren Fokus vielmehr darauf, die Vielfalt der Berichterstattung darzustellen. Meera und Suneeta, zwei der Journalistinnen von Khabar Lahariya, stehen dabei klar im Zentrum. Nicht nur als erfahrene Mentorinnen für ihre Kolleginnen, sondern als Beispiel für die notwendige Durchsetzungskraft und den Mut, den ihr Beruf erfordert. Sie haben es sich zur Lebensaufgabe gemacht, Ungerechtigkeiten aufzuzeigen und dagegen anzukämpfen. Folglich stellt sich die Frage nach der Intention der Dokumentation selbst. Soll „Writing With Fire“ einen ähnlichen Effekt haben? Sollen Menschen, die diese Bilder sehen, auch nicht mehr wegsehen können?

Writing with Fire feierte im Dezember 2021 bei this human world – International Human Rights Film Festival Österreich-Premiere.

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Veröffentlicht in Genderungerechtigkeit, Filmrezensionen.