Im Rahmen des Filmfestivals „This Human World“ war der Dokumentarfilm „Fly so Far“ der schweizerisch-salvadorianischen Regisseurin Celina Escher zu sehen. Im Mittelpunkt steht Teodora del Carmen Vásquez, die im Jahr 2018 nach elfjähriger Haft auf Druck der internationalen Gemeinschaft und Amnesty International aus einem Gefängnis in El Salvador freikommt. Dieser Film ist nicht nur eine Dokumentation, sondern auch ein Sinnbild für die Kriminalisierung von Abtreibung in einem staatlichen System, das von patriarchalen Strukturen geprägt die tägliche Gewalt gegen Frauen reproduziert.
Frauen werden dafür bestraft, Frauen zu sein.
Als Teodora del Carmen Vásquez 2007 im neunten Monat schwanger ist, erleidet sie eine Totgeburt und fällt aufgrund dessen in Ohnmacht. Als sie aufwacht, findet sie sich umgeben von Polizist*innen in einem Spital wieder, unmittelbar danach wird sie ins Frauengefängnis Ilopango gebracht. Sie wird beschuldigt, ihr Baby getötet zu haben – und bekommt die Härte der salvadorianischen Abtreibungsgesetze zu spüren. 30 Jahre Haft, so lautet das Urteil. Die Anklage: Erweiterter Totschlag, Mord. Ein Befürworter dieser harten Gesetze in El Salvador ist der Parlamentsabgeordnete Ricardo Velasquéz Parker von der rechtskonservativen Partei ARENA, der Abtreibungen als „größten Völkermord der Geschichte, größer als während des Zweiten Weltkriegs“ ansieht. Komplikationen während der Schwangerschaft, die zum Tod des Babys führen, oder Schwangerschaftsabbrüche, sieht er als einen „grausamen, barbarischen Akt“ an, der laut der salvadorianischen Verfassung nicht erlaubt sei. Bei Teodora hatte ein Tritt in den Bauch bei einem Überfall zu der Totgeburt geführt. Andere Frauen berichten von häuslicher Gewalt, Vergewaltigungen oder unbeabsichtigten Verletzungen, die der Schwangerschaft schadeten und zum Verlust der Babys führten. Aus den restriktiven Gesetze zum Schwangerschaftsabbruch würde resultieren, dass Frauen quasi zum Besitz des Staates El Salvador würden, so Teodora. Von dem Moment an, in dem Frauen schwanger würden, zähle einzig und allein das Produkt, das sie in sich trügen, sagt Teodora und wendet sich an ihr Publikum. Ein Publikum, das fast ausschließlich aus jungen Frauen besteht, die in den ländlich geprägten Regionen El Salvadors leben. Im konservativ dominierten El Salvador, in dem die katholische Kirche und andere religiöse, fundamentalistische Gruppierungen enormen politischen Einfluss haben, gilt seit 1998 ein totales Abtreibungsverbot, das die Gesundheit von Frauen gefährdet. Teodora hat es sich nach ihrer Entlassung zur Lebensaufgabe gemacht, dagegen anzukämpfen.
Verlorene Jahre.
Elf Jahre sitzt Teodora im Frauengefängnis Ilopango. Jahre, in denen sie sich selbst immer wieder frägt, was sie falsch gemacht habe. Während ihrer Zeit im Gefängnis lernt sie andere junge Frauen kennen, denen es genauso geht wie ihr. Sie reden über ihre gemeinsamen Schicksale und beschließen, für ihr Recht zu kämpfen. So wird die Gruppe „Las 17“ (dt.: die 17) ins Leben gerufen, deren Zahl sich auf die Anzahl der Frauen um Teodora del Carmen Vásquez bezieht. Sie selbst wird zur Sprecherin der Gruppe ernannt und tritt fortan als Gesicht der Frauen in El Salvador auf, die aufgrund des harten Abtreibungsverbotes in Haft sitzen – jahrzehntelang. Laut Gesetz droht Frauen eine Haftstrafe von acht Jahren, wenn sie gegen das Abtreibungsverbot verstoßen. In den meisten Fällen werden die jungen Frauen aber mit „erweitertem Totschlag“ verurteilt – die Haftstrafe steigt so auf 30 bis 40 Jahre. Weil viele Frauen keine finanziellen Möglichkeiten haben, sich einen Rechtsbeistand zu holen, bleibt ihnen keine Wahl, als sich dem Urteil zu beugen – oder, wie im Fall der „Las 17“, sich zu vereinen und dagegen anzukämpfen. „Keine Frau mit Geld sitzt hier im Gefängnis. Die, die es sich leisten können, gehen entweder in Privatkliniken oder ins Ausland, um eine Abtreibung durchführen zu lassen“, weist Teodora auf die finanziellen Unterschiede und damit auf die enorme Ungerechtigkeit hin. Das Abtreibungsverbot trifft damit junge Frauen in Armut besonders hart, und das in einem der ungleichsten Länder Lateinamerikas.
Von El Salvador in die Welt.
„Teodora, escucha, por ti es esta lucha“ (dt.: Teodora, hör zu, für Dich wird dieser Kampf geführt“) tönt es im Chor auf den Straßen der Hauptstadt San Salvador. Salvadorianische Frauen vereinigen sich auch außerhalb der Gefängnisse und treten für eine Lockerung des harten Abtreibungsrechts ein und dafür, dass die bisher Verurteilten freigelassen werden. Die katholische Kirche spricht sich jedoch klar gegen Gesetzesänderungen aus. Der Kirche nach würde das Parlament bei einer Entscheidung für die Legalisierung von Abtreibungen gleichzeitig gegen den Großteil der salvadorianischen Bevölkerung stimmen, da diese vornehmlich christlich sei.
Im Film ist Teodora zu sehen, umringt von Fotograf*innen und Medienberichterstatter*innen. An dem ersten Tag des Prozesses zur Überprüfung ihres Urteils gibt sie noch ein Interview, beantwortet Fragen nach ihrem Gefängnisaufenthalt, beteuert ihre Unschuld und erklärt, wofür sie mit den anderen der Gruppe 17 kämpft. Sie äußert ihren tiefsten Wunsch, ihren Wunsch nach Freiheit. Dann herrscht erst einmal Stille. Sekunde um Sekunde, in der im Hintergrund nichts weiter als eine leise Musik zu hören ist. Vögel am Himmel sind zu sehen. Ein Marktplatz, auf dem Personen wartend sitzen. Teodoras jugendlicher Sohn, der auf den Treppen vor dem Gericht sitzt und in die Leere blickt. Immer lauter werden dann die Rufe der Demonstrierenden, die sich zur Unterstützung Teodoras versammelt haben. Dann öffnen sich die Türen des Gerichtssaals und ein Mann mit finsterer Miene verlässt den Saal. „Das war’s.“, sagt Teodoras Anwalt leise in die Menge an Journalist*innen, schaut sich um und die Kamera schwenkt auf Teodoras Eltern, die unter Tränen das Gebäude verlassen. Der Richter sei nicht vorbereitet gewesen, die Anhörung müsse deshalb verschoben werden. Und Teodora? Kaum einen Blick können die Zuseher*innen auf sie erhaschen, so schnell wird sie von den Wärter*innen abgeführt und zurück in das Frauengefängnis gebracht.
Als sie den Zuseher*innen von ihrem Prozess erzählt, sitzt sie dabei wieder im Gefängnis, die Haare streng nach hinten geflochten und mit einem braunen T-Shirt bekleidet. Sie selbst befände sich mehr und mehr in einem Gefängnis ihrer eigenen Gedanken. Einzig und allein die Unterstützung ihrer Mitstreiter*innen, sowohl im als auch außerhalb des Gefängnisses, lassen sie hoffen. Erst nachdem Amnesty International auf den Fall der jungen Frau und die Problematik um das Gesetz aufmerksam macht, geht eine Welle von internationalen Protesten los – Nachrichtensender überall auf der Welt berichten. Dazu werden Fernsehbeiträge eingespielt, Zeitungsartikel eingeblendet und dann endlich eine strahlende Teodora gezeigt, die das Gefängnis verlässt. Umrundet von einer riesigen Menge an Unterstützer*innen, internationalen Medien und an erster Stelle ihrer Familie. Teodora kommt frei. Ihre Unschuld konnte bewiesen werden. Und mit ihrer Freilassung öffnet sich eine Tür für ihre Mitinsassinnen – denn sie alle kämpfen für ein gemeinsames Ziel. An vorderster Front: Teodora.
Die Reise danach.
„Ein Teil von mir ist immer noch in diesem Gefängnis“, ruft Teodora unter Tränen. Diese zehn Jahre im Gefängnis würde sie niemals wieder zurückbekommen, denn sie seien schon ein Teil ihrer Vergangenheit. Sie lebe jetzt in ihrer Gegenwart. Und ihre Gegenwart seien genau die Frauen, die immer noch inhaftiert sind, sagt sie ruhig mit Blick auf ihre Zuhörer*innen im Europäischen Parlament in Brüssel. Dorthin reiste sie kurz nach ihrer Entlassung, um über das harte Abtreibungsrecht in ihrem Heimatland zu informieren. „Ich fordere die gesetzgebende Versammlung in El Salvador auf, die Verfahren zur Umwandlung von Gesetzen zu beschleunigen“, sagt Teodora bedacht. Ihre Reise durch Europa führt sie bis nach Stockholm. Sie erhielt in Schweden den Per Anger Prize 2018 für Menschrechtsverteidiger*innen – und widmete diesen auch ihren Freund*innen im Gefängnis. Bis heute kämpft Teodora für eine Lockerung der Gesetze in ihrem Heimatland, als Menschenrechtsaktivistin und im Rahmen der Organisation TNT (Organisation Tiempos Nuevos Teatro, dt.: Neue Zeiten Theater), damit sich ihre Geschichte nicht nochmal und für niemanden mehr wiederhole.
Ein Titel, viele Bedeutungen.
Vor dem Hintergrund der Diskussionen um das polnische Abtreibungsverbot kann die im Film gezeigte Realität auch als Warnung an Europa angesehen werden, welche Ausmaße die staatliche Kontrolle über den Körper von Frauen annehmen kann. Bei dem Film handelt es sich um einen Dokumentarfilm. Die Kameraführung hebt aber die Distanz zu den Protagonist*innen auf, die Zuseher*innen haben das Gefühl, nah am Erlebten dran zu sein. Dadurch, dass die realen Schauplätze und Gegebenheiten gezeigt werden, ohne diese noch einmal nachzudrehen, werden gerade die Emotionen verstärkt übertragen. Gleichzeitig macht der Film Mut. Mut, der aus Wut und Verzweiflung entsteht und Kraft gibt, sich für Veränderungen einzusetzen.
Zwischen den einzelnen Szenen sind aber auch immer wieder längere Drohnenaufnahmen in Vogelperspektive zu sehen: Der salvadorianische Regenwald, die Häuser, Straßen und Innenhöfe der Hauptstadt San Salvador und die Proteste der Demonstrant*innen beider Lager. Diese Vogelperspektive lässt sich inhaltlich mit dem Titel des Films verknüpfen – „Fly so Far“. Wobei auch der Titel mehrere Bedeutungen zulässt: So weit fliegen. Bis hier her fliegen. Eine Anspielung auf den mühsamen Weg der Teodora del Carmen Vásquez bis zum heutigen Tag? Oder die Sehnsucht junger Frauen nach ihrer Freiheit? Die Hoffnung darauf, was alles möglich wäre, was es alles zu erkämpfen gibt? Ob es sich lohnt, dafür zu kämpfen? Eine abschließende Frage aber begleitet die Zuseher*innen den ganzen Film über: Warum entscheiden hauptsächlich Männer über die Körper der Frauen und in der Folge über ihre Schicksale?
Der preisgekrönte Dokumentarfilm Fly so Far war Teil des im Dezember 2021 stattfindenden Filmfestivals this human world – International Human Rights Festival Österreich in der Sektion encounters (dt.: Begegnungen).
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.