Ein Husten ertönt aus den Lautsprechern des Hörsaals. Ein Mann schiebt seine Schubkarre schnaufend durch den engen Bergbau-Stollen auf der Leinwand. Szenenwechsel: Minenarbeiter*innen streiken gegen die Arbeitsbedingungen und rufen laut auf Spanisch: „El pueblo unido jamás será vencido“ (dt.: Das vereinigte Volk wird niemals besiegt werden).
Auf der Konferenz „De-/Kolonisierung des Wissens“ wurde die Ausgabe des Journals für Entwicklungspolitik (JEP) mit dem Titel „Europa verrücken: Kämpfe zwischen Kolonialität und Dekolonialisierung“ vorgestellt. Dabei gestalteten einige der Herausgeber*innen die Lecture-Performance (dt.: Vorlesungs-Performance) „Dekolonialisierung ist kein Punkt im Lebenslauf: Wie lassen sich kolonialitätsgeprägte Wissenshierarchien in akademischen Apparaten und Prozeduren überwinden?“ mit. Marcela Torres (Universität Wien), Franziska Kusche (Humboldt-Universität zu Berlin) und Johannes Korak (Mattersburger Kreis) versuchten dabei auf unkonventionelle Weise, Antworten auf diese Fragen zu geben.
„Somos Hijos de la Mina“ (dt.: Wir sind Kinder der Mine).
Die beschriebenen Szenen sind Teil des „Teatro Trono“, einer in Bolivien entwickelten Form des Forumtheaters nach Augusto Boal. 1989 entstand das Teatro Trono, aus dem später COMPA wurde, eine Gemeinschaft aus Kunstproduzent*innen in El Alto. Sie haben sich der Aufgabe angenommen, die Alltagserfahrungen der Teilnehmenden schauspielerisch zu verarbeiten und dabei die Verbindung zu ihren Vorfahr*innen aufzuzeigen. Denn die auf der Leinwand zu sehenden Schauspieler*innen teilen eine Gemeinsamkeit: Sie erleben ihre eigene Geschichte oder die ihrer Vorfahr*innen gemeinsam und lernen so die Facetten ihrer Kultur auf eine andere Art kennen. Eine Kultur, deren koloniale Geschichte geprägt ist von Diskriminierung aufgrund ihrer Herkunft und rassistischer Motive – und deren Wissenspraktiken dennoch die koloniale Gewalt überdauert haben. Indem die Teilnehmenden die damaligen (Arbeits-)Bedingungen nacherleben und sich in interaktiver Weise in verschiedene Rollen hineinversetzen können, lernen sie zu verstehen und Alltagsdiskriminierungen zu hinterfragen. Ziel ist, das postkoloniale Denken in Bolivien auf diese Weise zu bearbeiten und zu entdecken, dass der Körper in allen Facetten der Bildung eine große Rolle spielt. „Wem bist Du ähnlich?“, fragt Thomas Guthmann von COMPA die Teilnehmenden vor dem Theater. Meist kommen dann Vergleiche mit Popstars oder Fußballern. Nach dem Erlebten würden die Teilnehmenden dann aber erkennen, dass sie den Einheimischen, ihren Vorfahr*innen, viel ähnlicher sind, als irgendwelchen berühmten Persönlichkeiten, und genau das trage zum Hinterfragen ihrer eigenen Person und dem persönlichen Wissensprozess bei. Das Theater sei ein ständiger Prozess, jede*r stecke viel Kraft und Entschlossenheit in das Spiel. Die Schauspieler*innen beginnen, ihre Geschichte zu verstehen. Sie bekommen eine Idee davon, was Freiheit bedeutet und werden darin gefördert, den kolonial geprägten Körper zu befreien – für den sozialen Wandel.
Ein Lied für die Freiheit.
Das eigene Leid in Form von Musik und Liedern verarbeiten – das Duo Jenny & Daniel hält diese Form der Wissensverarbeitung aufrecht. Jenny, die Angehörige einer indigenen Gruppe aus Peru ist, verbreitet so die Lieder ihrer Vorfahr*innen. Indigene waren in Peru versklavt worden und versuchten, mit Hilfe von Musik ihr Leid zu überwinden. Auf Quechua, einer indigenen Sprache aus dem Andenraum, rahmt das Duo die Veranstaltung musikalisch ein und vermittelt, dass Wissensproduktion divers ist. Welche Wissensformen aber werden in der akademischen Welt anerkannt? Welche Arten von Wissensformen gibt es neben der akademischen Wissenschaftsproduktion? Und warum nicht mal das Publikum in Form eines interaktiven Schauspiels einbinden, ein ausdrucksstarkes Musikvideo anstatt einer vorgelesenen Einleitung zeigen oder diverse technische Instrumente kreativ einsetzen? Auch Marcela Torres hinterfragt dies und präsentiert ihren Teil des Vortrags in Form eines Videos, mit schwarzem Hintergrund und eingeblendeten Schlüsselbegriffen zum Inhalt – und möchte damit die die institutionell geprägte Wissensvermittlungsform der frontalen Präsentation umgehen. Bei Dekolonialität ginge es um Subjekte, Wissen und Lebensweisen, die unsichtbar gemacht, ausgegrenzt und nicht thematisiert wurden und werden. Aufgabe der Dekolonialität sei es, so Torres, diese Machtmechanismen sichtbar zu machen und zu reflektieren, wie wir uns unsere Wissenspraktiken aneignen und veröffentlichen. Dekolonialität bedeute aber gleichzeitig, alternative Strategien zu suchen und eben diese Machtmechanismen zu bekämpfen. Eines der Zentren ihrer Kritik bezieht sich dabei auf die wissenschaftliche Publikation. Wem steht es zu, die Kriterien ‚guter‘ Publikationen zu definieren? Was bedeutet überhaupt ‚gut‘ in diesem Kontext, und wie wird man demnach zu einem*einer ‚guten‘ Wissenschaftler*in?
Wissenschaft schafft Unsichtbarkeiten.
Die Reflexion darüber, wie wissenschaftliche Beiträge veröffentlicht oder aber auch produziert werden, versuchte Marcela Torres in den Hörsaal zu holen. Denn bei der Kritik nach außen sei immer auch eine Selbstreflexion notwendig, selbst wenn diese den eigenen Vortrag und die eigene Wissensproduktion dekonstruiert. Allgemein sollte die Verbreitung von alternativem Wissen gefördert werden, denn sonst würde ein aktiver Ausschluss dieses Wissens stattfinden. Selbst in ihrer eigenen Arbeit stellt Torres fest, dass es gar nicht so einfach ist, aus den gegebenen Strukturen auszubrechen. Das ‚Böse‘ sollte nicht nur außerhalb gesucht werden. Vielmehr sollte Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass die etablierte, ‚gute‘ Wissenschaft Unsichtbarkeiten aktiv schafft und Privilegien aufrechterhält.
Einfluss nehmen statt Privilegien genießen.
Wenn also die etablierten Standards wissenschaftlicher Produktion nur schwer verändert werden könnten, müsse eben anders Einfluss genommen werden, fordert Franziska Kusche. Warum also nicht Wissenschaftler*innen zu der eigenen Forschung dazu holen, die es schwieriger haben als man selbst? Wieso nicht den Kreislauf derjenigen Personen, die sich immer und immer wieder gegenseitig zitieren, aufbrechen? Damit könnte auch anderen Personen zu mehr Veröffentlichungen verholfen werden. Es gebe bereits Initiativen, die versuchen, die Macht großer Verlage zu boykottieren, indem sie via Open-Access (freier Zugang zu wissenschaftlicher Literatur und anderen Materialien im Internet) alternative Formen der Wissenschaftspublikation zur Verfügung stellen. Strukturen, die aktiv Wissenschaftler*innen ausschließen, müssten sichtbar gemacht werden, andernfalls könnten diese nicht aufgebrochen werden. Kolonialität existiere nicht einfach, sondern werde mittels bestimmter Praktiken immer weiter reproduziert, so Kusche. Und: Koloniale Wissenspraktiken hätten einen großen Einfluss auf das persönliche Erleben. Es liege damit an jedem*jeder selbst, zu entscheiden, welche Strukturen unterstützt werden, inwieweit die eigene Forschung selbstreflexiv kritisiert und alternative Strukturen zugelassen und verwendet werden.
Der Vortrag war konzipiert als Lecture-Performance, einem Format zwischen Kunst und Wissenschaft. Er machte deutlich, dass Wissenschaftsvermittlung nicht starr sein muss. Aufgefallen ist, dass der Versuch gestartet wurde, musikalische und performative Elemente in Form von Audiodateien- und visuellen Beiträgen mit einzubauen und sowohl das Publikum, als auch Stimmen aus dem Globalen Süden zu Wort kommen zu lassen. Dekoloniale Wissenschaft hat aber auch Grenzen, die gerade im institutionellen Kontext deutlich werden und an denen persönlich nur wenig verändert werden kann. Grenzen, die in physischer Form deutlich werden: Der Raum, der für wissenschaftliche Zwecke genutzt werden kann – wie die Universität, im konkreten Fall der Konferenz der Hörsaal, in dem sie stattfindet – aber auch soziale Aspekte wie Forschungsschwerpunkte einzelner Forscher*innen. Und gerade deshalb sollten wir uns immer bewusst sein: Wer produziert eigentlich was, für wen?
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Weiterführende Links:
JEP „Europa verrücken – Kämpfe zwischen Kolonialität und Dekolonialisierung“.