Vor dem Hintergrund der COVID-19-Pandemie werden Ungleichheitsverhältnisse in der Wiener Gesellschaftsstruktur besonders deutlich. Anhand der Art und Weise, wie öffentliche Räume produziert, genutzt oder angeeignet werden, zeigen sich strukturelle, gesellschaftliche und politische Exklusionsmechanismen. Wohnungs- und obdachlose Menschen befinden sich durch die Wohnraumdeprivation in einer existenziellen Notlage.
Menschen, die keinen eigenen Wohnraum haben, sind auf die Infrastruktur des öffentlichen Raumes, wie sanitäre Anlagen, öffentliche Möblierung, Essensausgaben oder auch die Hilfe von Passant*innen, angewiesen. Oftmals fallen mit dem eigenen privaten Wohnraum auch gesellschaftliche Partizipationsmöglichkeiten weg.
„Massentierhaltung ist verboten, aber bei Menschen ist es anscheinend okay“.
Verärgert berichtet Regina Amer über die Zustände in den Notunterkünften der Wiener Wohnungslosenhilfe während der Lockdowns. Sie ist Aktivistin für wohnungs- und obdachlose Menschen, Vorstandsmitglied des Vereins Selbstvertretung Wohnungsloser Menschen und Gründerin von HOPE Österreich. Anders als die Mehrheitsbevölkerung, konnten wohnungs- und obdachlose Menschen während der Ausgangsbeschränkungen zur Eindämmung des Coronavirus den öffentlichen Raum kaum meiden. Im Vergleich zum Großteil der Gesellschaft hat diese vulnerable Menschengruppe nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten, sich in einen privaten Rückzugsort bzw. selbstständig in Quarantäne zu begeben.
Der öffentliche Raum bekommt mit der Erfahrung von Wohnungs- oder Obdachlosigkeit eine ganz andere Bedeutung, erklärt Marc Diebäcker, Professor für Soziale Arbeit an der Wiener Fachhochschule. Der öffentliche Raum werde zur existentiellen Grundlage, wo Dinge bewältigt werden müssten, die der Großteil der Gesellschaft drinnen bewältigen könne, meist unter viel besseren Bedingungen.
Die öffentliche Infrastruktur stellt für viele Menschen auf der Straße die Lebensgrundlage dar. Dabei werden fundamentale Lebenselemente, die im privaten situiert sind, wie Schlafplatz/Bett, Wärme, sanitäre Anlagen oder Verpflegung in den öffentlichen Raum umgedeutet.
Wo soll ich hin, wenn alles zu hat?
Die Corona-Pandemie hat diese Abhängigkeiten verdeutlicht und verstärkt, unterstreicht Susanne Peter, Geschäftsführerin vom „Kältetelefon“, Streetworkerin am Wiener Hauptbahnhof und leitende Sozialarbeiterin der wohnungslosen Einrichtung „Gruft“ im 6. Wiener Gemeindebezirk. Sie erzählt, dass viele Menschen von Passant*innen leben, die ihnen etwas zu Essen oder zu Trinken geben, oder von weggeworfenen Nahrungsmitteln. Diese Möglichkeiten waren nun sehr eingeschränkt, weil alles geschlossen hatte. Zudem gab es während vieler Lockdownperioden kein fließendes Wasser im öffentlichen Raum, erklärt sie, da die Brunnen auf Grund des Winters abgedreht waren. Einige wohnungs- und obdachlose Menschen, die kein großes Aufsehen erregten, gingen vor der Pandemie noch in Kaffeehäuser oder Fast-Food Restaurants, um dort die sanitären Anlagen zu nutzen. Da die Gastronomie schließen musste, war dies während der Ausgangsbeschränkungen jedoch ebenfalls nicht möglich.
Menschen mit einem sehr geringen, existenzbedrohenden oder gar keinem Einkommen sind zudem einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt als Menschen mit besserer finanzieller Ausstattung. Um sich im Alltag während der Covid-19 Pandemie in Wien trotz ihrer Vulnerabilität und Kapitaldeprivation vor der Pandemie zu schützen, sind wohnungs- und obdachlose Menschen auf den Sozialstaat, sowie auf Hilfsorganisationen angewiesen. Somit sind Menschen ohne gesichertes privates Obdach bzw. Wohnraum anderen infektiologischen Begebenheiten ausgesetzt als Personen mit adäquatem, gesichertem Wohnraum.
Soziale Ungleichheiten, Segregation und gesellschafts-hierarchische Machtstrukturen.
Es scheint paradox, dass sich gerade obdach- und wohnungslose Menschen in Wien derartig um ihre eigene Sicherheit bemühen müssen und selbst in einem pandemischen Ausnahmezustand nicht als gleichermaßen zu schützende Gesellschaftsmitglieder anerkannt werden.
Der sozialpolitische Umgang mit COVID-19 wirft Fragen nach sozialer Gerechtigkeit in Wien auf. Wieso hat eine systemische Annäherung in einer Krisensituation wie der Corona-Pandemie keine Priorität? Weshalb gibt es keine gesellschaftsübergreifende medizinische Versorgungsstrategie, welche die Sicherheit aller Menschen gleichermaßen, ob mit privatem, gesichertem Wohnraum oder nicht, gewährleistet?
Dazu kommt laut der ehemals wohnungslosen Aktivistin Regina, dass die Situation in den Einrichtungen grade während der Lockdowns extrem schwierig war. Die Klient*innen blieben zusammengepfercht in den Tageseinrichtungen, die eigentlich dafür gedacht sind, dass obdach- und wohnungslose Menschen etwas essen und sich duschen, dann aber wieder gehen.
Im Rahmen des „Winterpakets“ wurden die Öffnungszeiten der Noteinrichtungen von 18-8 Uhr auf ganztägig umgestellt, wodurch die Tageszentren mit limitierten Plätzen auf Grund der Abstandsregeln entlastet werden sollten. Allerdings führten die Platzeinschränkungen zu einem verminderten Angebot, eingeschränkten Nutzungsmöglichkeiten und sogar Abweisungen. Im Frauentageszentrum Ester musste die selbstständige Küchennutzung auf Grund der Hygieneregeln eingestellt und wegen des Contact-Tracing eine Registrierungspflicht eingeführt werden.
In vielen Einrichtungen der Wiener Wohnungslosenhilfe konnten die Hygienekonzepte auf Grund von Überbelegungen und Überbelastungen nicht eingehalten werden. Deshalb haben sich vermehrt privatwohnräumlich deprivierte Menschen für die akute Obdachlosigkeit entschieden. Dass sich einige Menschen verstecken oder aus den Einrichtungen abhauen, sieht die Gründerin von Hope Austria darin begründet, „weil sie es nicht aushalten sich ganztäglich in Räumlichkeiten aufzuhalten, die nicht dafür geeignet sind und wo Abstandsregelungen, auf Grund von mangelndem Platz, nicht eingehalten werden können.“
Weniger Arbeit, weniger Geld, mehr Wohnungs- und Obdachlose.
Einen weiteren Grund, weswegen sich vulnerable Menschen für die akute Obdachlosigkeit entscheiden, sieht Susanne Peter in dem verminderten Ansteckungsrisiko auf der Straße im Vergleich zu den Einrichtungen. Menschen sehen, entgegen der politisch regulierten Raumnutzungsvorschreibung, mehr Sicherheit im selbstbestimmten Aufenthalt im öffentlichen Raum als in Einrichtungen, die vermeintlichen Schutz vor der Pandemie geben sollen.
Fazit ist, dass sich das Milieu Wohnungs- und Obdachloser in den Lockdownphasen, in denen das Verweilen im öffentlichen Raum stark eingeschränkt und teilweise verboten war, in der Bredouille befand: drinnen-scheinbar sicher-regelkonform-fremdbestimmt oder draußen-weitgehend-selbstbestimmt-nonkonformistisch zu verweilen.
Covid-19 ist gefährlich für alle in der Wiener Wohnungslosenhilfe.
Die Wiener Wohnungslosenhilfe hat zwar relativ schnell auf die Corona Pandemie regiert, doch reicht die Budgetierung bzw. die politische Priorisierung des Wohnungslosenbereichs nicht aus, um allen Menschen adäquaten Schutz zuzusichern. In einem offenen Brief an den Sozialstadtrat Peter Hacker, beschreiben (ehemalige) Mitarbeiter*Innen der Notschlafstelle in der Gudrunstraße in Wien Favoriten ihre Arbeitsbedingungen als ähnlich prekär wir die Situation ihrer Klient*Innen. Während der Pandemie hat es in der „Gudi“ ein großes Corona-cluster gegeben, bei dem sich gut ein Drittel der Nächtigenden, sowie fünf Basismitarbeiter*Innen angesteckt haben. Auf Grund von chronischer Unterbesetzung und zusätzlicher Belastung wegen der Umstellung des Nachtquartierts auf 24h Betrieb, meldeten sich weitere fünf Mitarbeiter*Innen, mit Burnout/Überlastung, krank.
Die „Gudi“ ist kein Einzelfall. Seit der pandemiebedingten ökonomischen Krise hat sich Wiens Wirtschaft wieder etwas erholt. Der Schutz marginalisierter Gruppen hat kurz Aufmerksamkeit bekommen, zum Beispiel mit einer niederschwelligen Impfkampagne für wohnungs- und obdachlose Menschen. Der Grundtenor der Stadt geht scheinbar zurück in Richtung „business as usual“ (dt.: übliches Geschäft). Dennoch steht der Winter vor der Tür und mit ihm immer noch viele Menschen auf der Straße, schutzdepriviert, mit einem nicht einlösbaren Menschenrecht auf Wohnen.
Ein Recht auf Stadt für Alle.
Die Covid-19-Pandemie zeigt wie eine Lupe auf die Situation Wohnungs- und Obdachloser in Wien. Zu oft werden sie im Stadtbild aktiv übersehen, ignoriert. Es braucht eine gesellschaftliche und (sozial-)politische Revisibilisierung dieser marginalisierten Menschengruppe und jener Menschen, die versuchen mit ihrer Arbeit eine Art Grundversorgung zu gewährleisten. Letztere sind bislang chronisch unterbezahlt und überlastet. Es bleibt zu hoffen, dass die Stadt Wien ihre sozialpolitische Agenda auch auf eine nachhaltige, ganzjährige und lückenlose Grundversorgung besonders vulnerabler Gruppen richtet. Wohnungs- und Obdachlosigkeit muss als soziale Tatsache anerkannt werden, auf die unter anderem mit politischen Entscheidungen reagiert werden muss. Ein guter Ausgangspunkt dafür wäre der Zuspruch eines Rechts auf Stadt für Alle in Wien.
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