Mehr als nur eine Buchvorstellung. Vielfältiger kann ein Abend kaum sein. Das Buch „Wem gehören die Bindedee? Ein afrikanisches Idyll.“ der äquatorialguineischen Schriftstellerin Melibea Obono ist 2016 in spanischer Sprache erschienen. Im Frühjahr 2021 wurde es vom Pen Löcker Verlag nun ins Deutsche übersetzt. Aus diesem Anlass fand am 19. November 2021 eine Buchvorstellung in der Hauptbücherei Wien statt. Wer sind die Bindedee und welche Rolle haben sie in Obonos Heimat? – So die Ausgangsfrage des Abends.
Neben der LGBTQIA+-Aktivistin und Schriftstellerin Melibea Obono waren auch Künstler und Menschenrechtsaktivist Ramón Esono Ebalé, Schauspielerin Barbara Braun und Dolmetscherin Christiane Geisl mit dabei. Die Moderation leitete Kultur- und Sprachwissenschaftler Max Doppelbauer.
Bildhafte Eindrücke.
Zum Einstieg wurde ein Kurzfilm abgespielt. Dieser zeigte die Reise eines riesigen Portraits – eines sogenannten Giants – durch die Wiener Innenstadt. Gemalt wurde das Kunstwerk von dem äquatorialguineischen Künstler Ramón Esono Ebalé. Auf dem 1,5×4 Meter großen Bild ist eine dunkelhäutige Frau erkennbar. Im Hintergrund sind weiße Linien und helle Fenster aufgemalt. Melibea Obono sieht darin eine Frau hinter Gittern. Eine symbolische Darstellung für das Gefängnis, in dem sich Frauen ihrer Kultur befinden. Ramón Esono Ebalés Intention war jedoch eine ganz andere. Es sollte lediglich ein Haus darstellen.
Traditionen der Fang.
„Warum schreibst du und warum schreibst du solche Bücher?“ fragte Moderator Max Doppelbauer. Um diese Frage beantworten zu können, verweist Melibea Obono auf ihre Wurzeln. Sie ist Teil der Fang, der größten ethnischen Gruppe Äquatorialguineas. Das Wort „Fang“ heißt übersetzt „authentischer Mann“. Die Macht des Mannes, das Patriachat, dominiert die ethnische Gruppe. Frauen werden untergeordnet und als „Bindedee“ bezeichnet, was je nach Kontext auch als Begriff für Prostituierte verwendet wird. Wenn ein Fang-Mann sich vorstellt, zählt er seine Besitztümer auf. Neben Herkunft und Haus zählen auch Frauen als Eigentum. Folglich gehört auch das Hab und Gut einer Frau, sowie deren Kinder, dem Mann, beziehungsweise männlichen Angehörigen oder dem Clan. Durch bestimmte Traditionen werden Frauen zu Komplizinnen der Erhaltung und Reproduktion dieses Machtungleichgewichts, berichtet Obono. Alles was ihnen beigebracht wird – ob Hobbies, Tanz oder Gesang – ist Teil dieses Patriarchats. Beispielhaft demonstriert Milbea Obono einen traditionellen, romantischen Tanz und stimmt ein Lied an. „Mono mina yoyó. We toban e mong nfé aye wo bale.“ Alle singen mit. „Junge Frau macht dir keine Sorgen, wenn dein Mann dich aus dem Haus wirft. Du wirst immer einen anderen Aufpasser finden, der sich um dich kümmert.“, so der Text des Liedes. Das Hauptziel im Leben einer Frau ist es eben, diesen „Embale“ (dt.: Aufpasser) zu finden.
Systembrüche.
Melibea Obono fällt es schwer, sich mit den kulturellen Traditionen und Denkmustern der Fang zu identifizieren. Auch ihr Beruf als Schriftstellerin und Aktivistin passt nicht zu diesen Wertvorstellungen. Ein Leben außerhalb des Systems bedeutet jedoch meist ein Leben in Gefahr und Einsamkeit. Obono spricht in diesem Kontext von drei verschiedenen Ausprägungen der Gefangenschaft. Als erstes verweist sie auf das institutionelle Gefängnis. Es droht die Gefahr, vom Regime eingesperrt zu werden, wenn eine Fang-Frau nicht dem System entspricht. Als zweites Gefängnis identifiziert Obono die Familie. Es heißt, eine Fang-Frau brauche immer eine Autorität, die sie kontrolliert, und über ihr Leben entscheidet. Auch bei der Verwaltung von Besitz und der Auswahl des Partners mischen sich männliche Familienmitglieder ein. Als dritte Art der Gefangenschaft sieht Melibea Obono das Gefängnis des Vergnügens. Nach Vorstellungen der Fang gelten Frauen, welche mit dem System brechen, als zerbrochene Personen. Ihnen wird ein gutes Leben abgesprochen. Während für einige die dadurch entstehende Einsamkeit bedrückend ist, sieht Melibea Obono diese als Chance. Als Chance auf ein Leben in Unabhängigkeit und Freiheit. „Wir können uns gut fühlen in der Einsamkeit, weil wir können ‚Nein‘ sagen zur Familie, ‚Nein‘ zur Regierungsmacht.“, erklärt Obono.
Andere Lebensrealitäten.
Der zweite Teil des Abends widmete sich dem Buch selbst. Schauspielerin Barbara Braun las einzelne Passagen der deutschen Übersetzung vor. Es werden verschieden Situationen beschrieben: Von mit Gewalt verbundenen Ritualen und dem Alltag einer Fang-Frau, bis hin zur Bedeutung von männlichen Nachkommen. Es wird die Geschichte einer Frau geschildert, welche bestraft und als verdorbene „Bindedee“ beschimpft wird, da sie nur Mädchen zur Welt bringt. Eine Passage ist besonders ausdrucksstark. In nur wenigen Sätzen wird der Kern der patriarchalen Fang-Kultur zusammengefasst: „Wer sorgt für dich? Dein Ehemann. Wer passt auf dich auf? Dein Ehemann. Wer sorgt für dein tägliches Brot? Dein Ehemann. Du stammst aus dem Volk der Fang, du hast deine Sprache, deine Wurzeln, deine Tradition. Alles andere […] ist Ungehorsam. Und du brauchst einen „Embale“, einen Aufpasser. Nur durch einen Ehemann ist eine Frau geschützt.“ trug Barbara Braun vor.
Nach jeder Passage gab es eine musikalische Darbietung. Sollte diese Zeit genützt werden, um über Gesagtes nachzudenken und sich die beschriebenen Szenen bildlich vorzustellen? Die Musik bot in jedem Fall den Raum dafür. Ein Abend, der Augen öffnet. Ein Abend, der einen Einblick in gegenwärtige, feministische Kämpfe in einer anderen Weltregion ermöglicht.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Titelbild © Ramón Esono Ebalé