Dokumentation der INTERSOL-Jubiläumstagung: Paulo Freire – Bildung die inspiriert, befreit & verändert.

Dieser Bericht wird uns freundlicherweise von INTERSOL- Verein zur Förderung internationaler Solidarität, dem Organisator der Tagung, zur Verfügung gestellt.

Am 6. November 2021 konnten wir unsere äußerst spannende Tagung zum Thema 100 Jahre Paulo Freire vor präsenten 34 Teilnehmer:innen und weiteren 6 Online-Zuseher:innen abhalten. Rückblickend können wir den lehrreichen Tag unter dem Motto „(Neue) Begegnungen“ festhalten, denn die Tagung ermöglichte sowohl Vernetzung und Erfahrungsaustausch als auch die Darstellung, wie Begegnung im Sinne Freires aussehen kann und soll. Dieser Begriff ergab sich bei der Diskussion im Rahmen von Philip Tauchers Präsentation über die größten Aha-Momente des Tages. Neben Informationen zu seinem Bezug zu Freire und Entstehungsgeschichte der österreichischen Gewerkschaften gab er vor allem mit einem Satz zu denken: „Was am Ende eines Bildungsprozesses heraus kommt, weiß man am Anfang noch nicht.“

Neue Begegnungen – Miteinander Reden

Damit sprach er Trudi und Heinz Schulze vom Paulo Freire Zentrum München wohl aus der Seele. Denn sie berichteten mit vielen Beispielen von einer aufregenden Zeit in Peru, ganz im Sinne der Bekämpfung des „Bankierskonzeptes“. Durch Gespräche mit den indigenen Menschen wurden immer alle Belange selbständig erarbeitet, ohne „den Kopf der Betroffenen mit vorgefertigtem Wissen zu füllen“.

Selbstermächtigung.

Denn nur die Entwicklung von eigenen Konzepten, angepasst an die jeweilige Umgebung, kann zur tatsächlichen Selbstermächtigung führen. Kurzum: Wer kennt die Umstände und Notwendigkeiten besser als die betroffenen Menschen selbst? Nach einer sehr interessanten Zusammenfassung der Biografie von Paulo Freire gab Expertin Kira Funke ein anschauliches Beispiel aus seinen Texten zum Thema Selbstermächtigung.

Lebenswelt-Orientierung.

Auch Paulo Freire begann in diesem vorgetragenen Beispiel die Unterstützung zur Selbstermächtigung mit den Worten: „Ich fing diese Arbeit an, indem ich mit ihnen über ihre Wirklichkeit sprach.“ An diesem Punkt setzt auch Fabian Reicher, Jugendsozialarbeiter bei der Beratungsstelle Extremismus, an. Er orientiert sich an den Bedürfnissen der Jugendlichen und konnte dadurch das Projekt Jamal al-Khatib – Mein Weg mitaufbauen und kann heute für alle Betroffenen eine Alternative zum Dschihad aufzeigen.

Bedürfniszugewandt.

Diese Bedürfnisorientierung lebt auch Katrin Aiterwegmair, welche derzeit ihr Doktorat in Chiapas, Mexiko absolviert. Sie erforscht und unterstützt in diesem Rahmen die agroökologische Landwirtschaft der Bauern und Bäuerinnen, ebenfalls durch Zusammenarbeit und Selbstermächtigung. Doch Paulo Freire wird nicht nur in Übersee gelebt, wie die Präsentation von Richard Reicher, ehem. Lehrer am Gymnasium in St. Johann, eindrucksvoll darstellte. Eigenständiges Arbeiten mit anschließenden Präsentationen, Teambesprechungen, Klassenräten oder Lernspielen sind nur wenige Stichwörter, wie Paulo Freire in dieser Schule gelebt wird. Den wichtigsten Aspekt stellt jedoch die Transparenz dar, denn nur wer weiß, wofür etwas gelernt wird, kann es später auch bedürfnisorientiert einsetzen. Leider gibt es viel zu wenige Schulen, an denen in dieser Form unterrichtet wird, wie Gerald Faschingeder, Direktor des Paulo Freire Zentrums in Wien, genauer ausführte. Sehr treffend war hierbei seine Darstellung des Schulsystems als Puppenspiel, bei dem Lehrkräfte und folglich alle Schüler:innen wie Marionetten den Fäden des Systems ausgeliefert sind. Dass Erziehung nie neutral sein kann, sondern entweder zur Befreiung oder zur Domestizierung dient, wurde dadurch deutlich veranschaulicht.

Reziprozität.

Neue Begegnungen wurden auch im Beitrag von Hans Eder, Direktor von INTERSOL, thematisiert. Er warf einen Begriff in den Raum, welcher das gewünschte Miteinander der Menschheit treffend beschreibt: Reziprozität. Aber nicht im Sinne von Wechselseitigkeit einer Austauschbeziehung, sondern der Bereitschaft zu geben, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Dieses Prinzip kann jede/r umsetzen. So kann aus einer utopischen Idee auch eine „neue Zivilisation“ werden!
Wir blicken daher auf einen gelungenen Vortragstag, mit vielen spannenden Begegnungen und warmen Worten zurück. Ein herzliches Danke an alle Vortragenden und Teilnehmer:innen!

Veröffentlicht in 100 Jahre Freire.